30 Jahre “Deutscher Herbst” – Sieger schreiben Geschichte

474px-raf-logosvg.pngDer Hannoveraner Journalist Butz Peters bestimmte mit seinem 1991 erschienenen Buch „RAF. Terrorismus in Deutschland“ fast 15 Jahre lang den an deutschen Universitäten gehegten Umgang mit dem „Deutschen Herbst“. Sein Interview in der „Jungen Freiheit“ war der finale Akt des mannigfaltigen Erschauderns zum 30-jährigen „Jubiläum“ der „Landshut“-Entführung und des Schleyer-Mordes. Der 1991 vom „Bundes Deutscher Kriminalbeamter“ mit der „Nick Knatterton-Gedenkmütze“ geehrte ehemalige „Aktenzeichen XY“-Moderator sorgte damit freiwillig für ein mediales Ausrufezeichen einer nachbetrachtenden Berichterstattung, die sich durch vier Eckpunkte auszeichnete: psychologisieren, entpolitisieren, privatisieren und distanzieren.

Auf einmal wollten sie alles ganz genau wissen: Wer hat geschossen? Wer hat uns gerettet? Wie konnte das alles passieren? Doch was wären all die mehr oder minder schlampig recherchierten und mit mysteriöser Hintergrundmusik angereicherten Dokumentationen wert gewesen ohne einen Belastungszeugen in eigener Sache? Gott sei Dank fanden sie ihn: Peter-Jürgen Boock. Gleichgültig, dass ihn selbst die ansonsten nach jedem Strohhalm greifende Generalbundesanwaltschaft als unglaubwürdig einstuft und er die einstigen Mitstreiter nach Strich und Faden belogen hatte – Da war einer, der sich als Tanzbär am Nasenring durch die Manege ziehen ließ. So durfte der Ex-Junkie im strengen schwarzen Rollkragenpullover die letzten Meter im Leben des Hanns-Martin-Schleyers verkabelt entlangrollen, um dann mit dem berühmten Dackelblick in die Kamera zu schauen und den entscheidenden Satz zu sagen: „Ja, und hier haben sie ihn dann erschossen.“

Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt wurde auch verkabelt und gab die Paraderolle: Die des unbeugsamen Demokraten, dem jegliche Erpressung des Rechtsstaates undenkbar schien. Okay, „ungewöhnliche Lösungsvorschläge“ schon, aber die im Laufe der Jahrzehnte immer wieder kolportierten Anregungen eines Franz-Josef Strauß, „jede Stunde einen inhaftierten Terroristen zu erschießen“ wurden natürlich nachdrücklich dementiert. Da hatten wohl einige der Teilnehmer des Großen Krisenstabes im Bundeskanzleramt vor Belastungsdruck was an den Ohren. Zugegeben, bei Peter Lorenz war der Rechtsstaat noch erpressbar und nach dem dubiosen Austausch der für das Olympia-Massaker verantwortlichen Palästinenser hat auch Gott sei Dank niemand wirklich gefragt. Danach, dass der somalischen Regierung vor dem Sturm der „Landshut“-Maschine wider besseren Wissens erklärt wurde, dass ausschließlich deutsche Passagiere und deutsche Terroristen an Bord seien, ebenfalls nicht. Man will den Zuschauer ja auch nicht überfordern. Schließlich war es wichtiger, Andreas Baader als jenes „Arschloch“ zu enttarnen, als das ihn Jean-Paul Sartre nach dem Besuch in Stammheim bezeichnete. Eine dankbare Aufgabe, wenn auch keine wirklich erkenntnisbringende.

Wohlig wurde sich in den Frauengeschichten, der „verkorksten Existenz“ und Anekdoten wie jener gesuhlt, dass sich der angeblich im Hungerstreik befindliche Staatsfeind Nr.1 „ein Hähnchen“ (!) von seinem Verteidiger habe bringen lassen. Eine Anwältin habe er im Knast sogar geschwängert. Na so schlimm kann das mit der Isolationshaft dann ja doch nicht gewesen sein und der Stammheim-Anstaltsleiter kam ja auch sehr sympathisch rüber. Zwar mit erstaunlichen Wissenslücken über Umstände, Beteiligte oder ein- und ausgehende Dienstbehörden, aber schwäbisch sympathisch. Nein, verwanzt seien die Zellen sicherlich nicht gewesen. Die im Nebengebäude residierende „Abteilung Fernmeldewesen“ war dort also nur rein prophylaktisch beheimatet. Das ergibt ja auch Sinn, denn wären die Zellen wirklich verwanzt gewesen, hätte man ja über die Selbstentleibungs-Absichten der Gefangenen Bescheid gewusst und rechtzeitig eingreifen können. Wozu man nach damaliger Rechtslage – selbst nach all den Spezial- und Sondergesetzen – verpflichtet gewesen wäre. Man wusste es aber nicht, also konnte man auch nichts tun. Shit happens. Hin- und her verlegt hatte man die Gefangenen in ihren letzten Wochen. Aber leider immer mit einer derartigen Präzision, dass sie die interne Kommunikations-Anlage ohne Unterbrechung nutzen konnten. Wer konnte auch damit rechnen, dass jemand wie Baader neben Hähnchen essen und Anwältinnen schwängern überhaupt noch Zeit habe für solche technischen Spielereien.

Es ist erstaunlich, mit welcher Hartnäckigkeit politische Motivationen aus- und Privates eingeblendet wurde. Die Kindheit einer Ulrike Meinhof, die Kopulationen eines Andreas Baader – Weitaus wichtiger als Prügel-Perser, Vietnam-Krieg, der Tod von Benno Ohnesorg, das Attentat auf Rudi Dutschke. Selbst DAS Schlüsselereignis für viele, sich in den Untergrund zu begeben und schlussendlich in einer Bewegung zu enden, die US-Soldaten erschießt, weil sie deren Papiere benötigt, blieb seltsam unausgeleuchtet: Der Tod von Holger Meins am 9. November 1974 in der Wittlicher Justizvollzugsanstalt. Am 13. September 1974 begann Meins seinen zweiten Hungerstreik und wog am Ende bei 1,86m Körpergröße nur noch 39kg. Der Anstaltsarzt hatte ihm mit Wissen der Gefängnisleitung seit Tagen nur noch 1/3 der lebensnotwendigen Zwangsernährungs-Dosis verabreicht und sich telefonisch unerreichbar ins verlängerte Wochenende verabschiedet. Die kompletten Psychologisierungen und das Kramen in Brosamen, wie zum Beispiel und zuvorderst von Stefan Austs „Baader Meinhof Komplex“ angestoßen, kann man sich völligst sparen, wenn man die Polarisierung der westdeutschen Bevölkerung nach dem Tod von Holger Meins anhand der Leitartikel, Solidarisierungsbekundungen und Leserbriefe deutscher Zeitungen in den Wochen danach zu Gemüte führt: Der damalige RAF-Anwalt Otto Schily sprach von einer „Hinrichtung auf Raten“, die Linke schäumte vor Wut und Entsetzen und bezichtigte die Staatsgewalt des Mordes und anständige deutsche Bürger drohten damit, die Leiche auszugraben und sie aufzuhängen.

Gerne hätte man dazu etwas von ehemaligen RAF’lern gehört. Aber wer nicht bereute, und zwar ohne jedwede „abers“, kam in den Filmen und Talkshows der Sieger nicht vor. Dafür Peter-Jürgen Boock. Vielleicht erhält er 2008 im Gegenzug die „Nick Knatterton-Gedenkmütze“ des „Bundes Deutscher Kriminalbeamter“. Gut stehen würde sie ihm auf jeden Fall.

 

 

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  1. 19. Januar 2008 um 00:04 Uhr

    buenaventura sagt,

    wenn man ueber guido knopp-geschichtsschreibung schreibt sollte man nicht klingen wie ein guido knopp, auch nicht wie ein anti-guido knopp.

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