Frank Spilker, die treue Seele, die den Hörern seit Dekaden nicht nur mit Agit-Pop sondern immer auch mit Verständnis versorgt, hat seine Band zurückgelassen. Zumindest im Jetzt und Hier. Erlösung, Aufbruch, Verrat?
Wer Die Sterne immer bloß für die Backing-Band von Frank Spilker hielt, sieht sich gerade eines Besseren belehrt. Denn immerhin empfand es jener als nötig, Solo-Stücke allein (bzw. mit einer Begleitband um Max Knoth und Tex Strzoda) umzusetzen. “In der öffentlichen Wahrnehmung geht es ja immer sehr um meine Texte, daher wissen die wenigsten, dass die Sterne eine durch und durch demokratische Band sind. Das Konzept Demokratie hat dabei so seine Vor- und Nachteile. Wenn man sich gegenseitig ernst nimmt, als ins erkgeschehen eingebundene Personen, heißt das, sich über ein Konzept einig werden zu müssen. Denn wenn man jemanden benutzt wie einen Handwerker oder ein Werkzeug, ist das nicht mehr wirklich eine Bandkomposition. Die FS.G Songs sind dagegen alle auf meinem Reißbrett entstanden, durchaus schon mal mit Schlagzeug und Bass und einem Arrangement. Es ist nicht nötig bestimmte Rollen und Aufgaben einzuhalten, dadurch ergibt sich ein größerer Spielraum”, erzählt Frank.
So sieht’s aus. Und wie klingt’s? Man kann’s nicht anders sagen: Klasse! Denn neben all der Diplomatie hört man auch raus, dass Frank zuletzt nicht befreit raushauen konnte aus seinem so überwucherten Hauptwohnsitz. Und genau das holt er jetzt nach. Wo von Lowtzow den aristokratisch-utopischen Romantiker in sich entdeckte, wo Distelmeyer der post-politische Natur-Romantiker wurde, blieb im bis heute noch amtierenden 90er-Hamburg-Triumvirat Spilker immer der Realist. Mit allen Konsequenzen. Er verlegte die Gefechte mit dem Alltag nie ins Fiktionale, er blieb immer (beinah erschreckend) basisnah. Danke dafür. Und danke für die neuen Songs. Die klingen - und das ist nicht nur Einbildung - einfach freier, lockerer, geiler als alles, was zuletzt war.
Schon das erste Stück “Hinter der Bar” beweist, wie einzigartig Frank texten kann, kneipig dahingeworfen und doch so viel stärker als alle coole Erbauungsliteratur, die es ohnehin gar nicht gibt. “Es sieht gut aus”, auch ein Stück Prekariats-Dandytum, das dabei aber nie den Stachel einbüßt, sondern noch Oscar-Wilde-Assoziationen weiterdenken lässt. Das Nicht-Öffnen von Post vom Amt, das besungen wird, erinnert an den Dorian-Gray-Claim “Ich habe ihren Brief nicht gelesen - ich hatte Angst, er könne etwas enthalten, das mir nicht gefiele.” Eskapismus als Weg - rührend, hoffnungslos. Spilker hat dafür Verständnis, muss man eben auch was draus machen. Ist ja nichts anderes da. Aber was er daraus macht, ist, wie gesagt, ein echter Meilenstein seiner Karriere.
Frank Spilker Gruppe - “Mit All Den Leuten” erscheint am 21.03. über Staatsakt/Indigo.