Jutta Ditfurth: “Ulrike Meinhof – Die Biographie”

ditfurt_meinhof1.jpgWie sauer Status Quo, Gesellschaft, Medienarbeiter und andere Loser immer noch auf die RAF sind, bemerkt man, wenn man die mittlerweile konsensfähige Lesart zum deutschen Terrorismus betrachtet, die sich alle gemeinsam zusammengepuzzelt haben und derer sich in immer scherenschnittiger Art und Weise stets aufs Neue versichert werden muss. Motive der seinerzeit Handelnden dürfen somit offiziell und unbedingt nur persönliche Deformation oder Pathologisches widerspiegeln, bei Meinhof kommt gern noch der zum Hirntumor des Bösen gehypte Blutschwamm hinzu, der ihr während der Schwangerschaft 1962 entnommen wurde. Emanzipatorische Real-Utopien wie zum Beispiel der große Anteil von Frauen in Führungsrollen der Gruppe wurden im öffentlichen Display längst zugunsten von „der verruchte Chauvi-Gangster-Baader und seine abhängigen Groupies bzw. Schlampen” umgeschrieben. Bei soviel geglückter Verzerrung wundert man sich allerdings, warum Dinge rund um die RAF dennoch weiterhin derart aufgeladen rezipiert werden. Dahingehend durfte man sich nun auch von Jutta Ditfurths epischer Meinhof-Biographie einiges versprechen. Immerhin kehrte Ditfurth den Grünen Anfang der 90er den Rücken wegen deren Rechtsentwicklung a.k.a. dem Einflussgewinn der Realo-Fraktion und gründete mit der Ökolinx eine weit weniger konsensträchtige Linkspartei. Zudem schwoll im Vorfeld zu dem Buch reflexartig die jeweilige Gesinnungslyrik an – so empörten sich konservative Blätter über die fehlende Dämonisierung, Antiimp-Blogs über zuviel Distanz und die antideutsche Position in der Jungle World peitschte sich gar auf Ausfalls-Polemik gegen Meinhof wie Ditfurth hoch. Tja, und ganz zum Schluss steht dann das Buch. Ein Buch, das all die Aufregung in seinen 34. chronologischen Kapiteln nicht nötig hätte. Die Sprache betulich und es ergießt sich („Fremd-Biographie”-typisch) immerfort diese Kaskade an zusammengetragenen uninteressanten Klein-Klein-Information. Die droht jegliche Erkenntnisse zu ersticken. Denn solche blinken hier und da schon mal auf – und Ditfurth liefert immer auch den gesellschaftlichen Kontext mit, um die Beweggründe ihrer Protagonistin nicht nur über das Private zu erzählen. Viel weiter gerade auch in die Motive der RAF reicht das alles aber nicht. Unaufgeregt, realistisch, wohlmeinend spulen sich die Stationen von den Großeltern bis zum Tod in Stammheim ab. Aufschlussreicher und irgendwie auch lebendiger sind da doch die gesammelten Meinhof-Essays in „Die Würde des Menschen ist antastbar” (Wagenbach, 1980).

Jutta Ditfurth “Ulrike Meinhof – Die Biographie” (Ullstein, 482 S., 22,90 Euro)

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Thema-Icon Literatur Kommentar-Icon 2 Kommentare

2 Kommentare bisher

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  1. 10. März 2008 um 19:40 Uhr

    buenaventura sagt,

    aber wer erwartet denn bitte von jutta ditfurth erkenntnisse?

  2. 10. März 2008 um 21:24 Uhr

    linus sagt,

    sah jutta ditfurth bei der friedensinitiative live lesen aus dem buch. ich fand sie gut. den anderen war sie zu polemisch und aggressiv.

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