Subversion durch Affirmation! Die androgyne Tanzfläche! Der systemkritische Rave! Das alles waren mal Top-Strategien der Pop-Linken. In den 90ern. Die Postulierer von einst schreiben dieser Tage unter ihrem aktuellen Claim “Medienarbeiter” allerdings bloß noch Texte übers (ihr eigenes) Prekariat. Doch mit Gustavs Album “Verlass die Stadt” bekommen die alten Forderungen plötzlich Glamour und Brisanz zurück.
Gustav empfängt in einem Wiener Kaffeehaus nahe einer großen Einkaufsprachtstraße. Es ist später Vormittag, der Ober höflich und förmlich wie in einem Theaterstück von vor hundert Jahren. Als verrohter Autor wartet man ständig, dass diese Inszenierung kippt und die selbstverständlich vermutete Ironie hinter der servilen Perfektion sichtbar wird. Passiert aber nicht. Hier drinnen wird noch gemeint, was präsentiert wird. An sich kein schlechtes Omen für ein Interview …
Gustav hat eine junge Frau geschickt. In dem Fall sich selbst. Denn Gustav, so wäre Gustavs Name nur geworden, wäre sie ein Junge, da das aber nicht eintrat, sitzt nun Eva hier. Der Gustav wurde Bühnenname und nimmt bereits ihre Lust an der Geschlechterthematik und deren Erschütterung vorweg. Eva bestellt sich Eier im Glas. Für ungeübte Augen ein zweifelhaftes glibberiges Vergnügen, für Eva offenbar ein Genuss.
Sie steht am Tag des Gesprächs kurz vor Abschluss der Aufnahmen zu ihrer zweiten Platte, dem Nachfolger des growing Überraschungserfolgs “Rettet die Wale” von vor zwei Jahren. Darauf entdeckte man sehr vergleichsbefreiten Electro-Chanson, der sich im Titelstück der Appellhaftigkeit nicht schämte, nein, diese sogar zur eigentlichen Kunst machte. “Die neuen Texte wollte ich diesmal noch etwas düsterer haben, also zumindest sind sie es geworden. Das Album entstand ja auch über einen sehr langen Zeitraum, jetzt erst beim Zusammenstellen habe ich gemerkt, wie das als Ganzes wirkt.”
Wenn man wollte, könnte man Eva hier weiter schön aufs Glatteis folgen. Seht her, so ist sie: die Sprunghafte, die Zufällige, mit einem Hang zum genialisch Absichtslosen. So ist es aber nämlich genau nicht! Gerade die Texte der neuen Platte sezieren hinter dem schwelgerisch-melancholischen Schönklang messerscharf. Die vordergründige Poesie lässt die Schnitte bloß weicher erscheinen. In Wahrheit geht’s hier um alles. Schon der erste Song “Abgesang” knüpft an zwei bekannte Posen des ausgehenden Diskurs-Pop an: die Kapitulation und die Hinwendung zur Natur. Toco und Blumo also. Nur ist es bei Gustav bemerkenswert unprätentiös in Szene gesetzt und gelangt zudem zu anderen Schlüssen: Die Resignation gegenüber dem monolithisch regressiven Status quo mündet ins Einstimmen in den Gesang der Vögel. Tschilp, tschilp. Wie kann ein Song, ach, ein Gesamtkunstwerk nur gleichzeitig so wunderschön und so morbide sein? “Verlass die Stadt” ist Fin de Siècle am Anfang eines neuen Jahrhunderts.
Im Gespräch nah an der Pressung des Albums weiß Gustav noch nicht, wie sie die Platte nennen wird. Ahnt es aber schon. “Es wird auf jeden Fall etwas sein, was anhält zu gehen. So was wie ‘Hau ab’ oder ‘Verlass die Stadt’. Mir ist wichtig, dass es eine Bewegung nach draußen formuliert. Wenn es ‘Verlass die Stadt’ wird, soll aber nicht gemeint sein, dass es auf dem Land besser ist – auf keinen Fall.”
So fühlt sich das auf Platte dann auch an: Es gibt zwar Wege, aber sicher keine Auswege. Denn das Land hat Eva auch schon gesehen – und macht immerhin mit ihm gemeinsame Sache bei dem Stück “Alles renkt sich wieder ein”. Ein ganzes Blasorchester, die Trachtenkapelle Dürnstein, reißt den ohnehin schon breiten Panaromablick der warmen Electronica noch weiter auf. Obwohl Gustav für die neue Platte von einigen Labels umworben wurde (Zuschlag erhielten Chicks On Speed Records), hätte sich dieser rustikal-orchestrale Traum ohne die österreichische Kulturförderung nicht realisieren lassen. Diese brachte die Welten zusammen. “Ein Grundmisstrauen ist dabei aber stets geblieben, von beiden Seiten“, beschreibt sie die zumindest künstlerisch erfolgreiche unheilige Allianz. Die skeptizistische Eva und die Trachtenfolkloristen. Kein Wunder, dass Letzteren in dem Projekt wohl einfach auch der Feelgood-Moment abging. Eröffnet der Text doch gleich nach den ersten glucksenden Tuba-Tönen: “Ich habe eine Sehnsucht nach der nächsten Katastrophe / Denn wenn wir gemeinsam leiden, fällt dieses Unbehagen ab.” Dann Unheilsahnung, Tränen, Trauermarsch und die Behauptung “alles renkt sich wieder ein”.
Doch die musikalische Kombination wäre zu schade, um nicht noch ein wenig weiter zu gehen. Auf dem diesjährigen Donau-Festival standen daher neben Eva nicht nur ihre zwei Mitschrauber, sondern auch jene Blasmusikanten. Und dann geht’s flugs auf Tour. Ein tightes Programm bei Evas ohnehin schon stets ausgelasteten Planer: Neben der Album-Fertigstellung gab es Anfang des Jahres diverse Aufführungen der Virginia-Woolf-angelehnten Genderfuck-Burleske “Orlanding The Dominant”. Eva komponierte dafür die Musik, die manchmal nach Gustav, mitunter auch nach schmierigen Disco-Shanties klingt. Warum auch nicht? Schließlich geht es um Sexiness außerhalb von Körpernormierung, um beschädigte Geschlechtergrenzen und überhaupt um “viva queer!”
All dieser Themen nimmt sich Eva mit ihrem Gustav auf weit subtilere Weise an – aber dennoch nicht minder nachhaltig. Zur persönlichen wie allgemeinen Apokalypse konnte man jedenfalls selten besser tanzen und träumen. “Verlass die Stadt” macht es möglich, und Eva tut weiterhin so, als wäre viel Zufall im Spiel. Mann, was für ein bescheidener Sack. Den muss man sich unbedingt warmhalten.