Dubstep in Deutschland: Dubstep Sessions Volume 2

Dieser Artikel bildet den Auftakt einer Serie über Dubstep in Deutschland, in der Künstler vorgestellt werden, die sich hierzulande mit dieser noch jungen Musikrichtung beschäftigen. Denn Dubstep ist schon lange kein reines “London Ting” mehr. Auch auf dem Kontinent wird auf den Sofas zu Dubstep genickt und in den Clubs getanzt, Parties sprießen aus dem Boden und neue Produzenten liefern frischen Track-Nachschub.

Vor wenigen Tagen erschien die Compilation “Dubstep Sessions Volume 2″ auf Producer Network Records (PNR). Das vierte Albumrelease auf PNR vereint 11 Tracks von 10 Menschen und ihren unzähligen Maschinen. Die erste Dubstep-Compilation auf PNR erschien vor fast genau einem Jahr und auf Volume 2 wummert, knarzt und knackt es, als gäbe es kein Morgen:

Im Opener zeichnet Cruel Culture mit Gitarren und Piano cineastische Weiten, Term´s “Lifted” bohrt dicke Tanzflur-Bretter, Marauder streut bei “Dubbed in Vain” tief verwurzelte Reggaesamples ein, Doe sucht die meditative Deepness und Hi-Lar die Abstraktion. Zwischen diesen Eckpunkten bewegen sich noch sechs weitere großartige Tracks, die alle eine eigene Handschrift tragen, das Album aber trotzdem nicht zerfleddern, sondern einen für eine Compilation ungewöhnlich homogenen Gesamteindruck hinterlassen.

Weitere Infos und Hinweise zum Erwerb des Albums über alle führenden Online-Shops (unterschiedliche Preise!) gibt es auf der Minisite zum Album. Wer sofort einen 20-minütigen Vorgeschmack mit je ca. 1,5 Minuten pro Track hören und sich dabei ein ausführliches Interview mit PNR-Macher und Produzent Polarity zu Gemüte führen will, der muss einfach weiterlesen.

Wie der Name schon andeutet, ist das Producer Network eine Webcommunity, in der sich schon seit 1999 Produzenten diverser elektronischer Genres zusammenfinden. Seit 2006 werden heraussragende Tracks neuer Talente auch auf dem eigenen Label PNR veröffentlicht. PNR-Macher und Produzent Polarity hat uns im exklusiven Interview einiges zu erzählen:

Was ist deine Rolle bei PNR?

Im Grunde mache ich alles, was um und mit PNR zu tun hat, bis auf die Tunes selbst, die Cover und die Pressetexte. Ich signe neue Künstler, gebe Kritik, stelle alles zusammen, beliefere die Shops, mache Promotion und pflege die Webseiten.

Die Compilation klingt phasenweise so stringent, dass man meinen könnte, man hätte ein Artistalbum vor sich. Wie ist die Trackauswahl entstanden?

Um ehrlich zu sein automatisch. Ich hab gesagt, “hey lasst uns ne zweite Dubstep LP machen”. Alle schrien “ja” und es tröpfelten Monat für Monat Tunes ein. 1-2 haben nach 6 Monaten ihre Tunes gegen andere getauscht, aber fast alle haben auf Anhieb meinen Geschmack getroffen. Dass die LP so stringent klingt, kann ich mir nur durch die interne Kommunikation erklären. Wir haben ein Artistforum, in dem sich die Artists gegenseitig Feedback geben und rege austauschen. Auch haben alle Künstler einen sehr hohen Anspruch an ihre eigene Arbeit. Es ist fast so, dass ich die meisten zu einem Release überreden muß und sie viel zu kritisch mit sich selbst sind. Was ich aber eigentlich besser finde, als wenn das Gegenteil der Fall wäre.

Einige der auf der Compilation vertretenen Artists produzieren ja - zum Teil primär - Musiken anderer Genres. Sind die Dubstep-Tracks nur flüchtiges Experiment und “Session”?

Nein, ich würde es als willkommene Abwechslung mit Suchtgefahr beschreiben. Viele der Artists haben sicher vorher nie darüber nachgedacht “Dubstep” zu produzieren. Ich selbst auch nicht. Wenn man sich auf einer Schiene festfährt, verliert man leicht den Überblick zum Rest. Solche Erfahrungen können manchmal echt befreiend sein. Ich habe auch das Gefühl, das viele offener gegenüber Neuem geworden sind. Viele produzieren mittlerweile in die unterschiedlichsten Musikrichtungen, die sie vorher vielleicht noch nicht mal gehört haben. Drum and Bass-Producer entdecken auf einmal den Raum zwischen den Breaks, der durch die niedrigen Geschwindigkeiten ans Tageslicht tritt. Die Natur des Geistes ist so geartet, dass uns der Wechsel meist mehr Erholung schafft als die Ruhe.

PNR veröffentlicht hauptsächlich Drum&Bass - wie passt das zusammen?

Um es mit den Worten eines Freundes zu sagen “Gar nicht - Meine Mutter passt auch nich zu meinem Vater und trotzdem leben sie seit 33 jahren zusammen”. Aber Spaß beiseite. Die Annahme das PNR ein D&B-Label ist, ist leider falsch. Es mag so aussehen, ist aber ein Irrtum. Wir releasen hauptsächlich gute Musik. Ich möchte mich da nicht weiter einschränken. Schubladen überlasse ich anderen. Wir haben mit Drum and Bass gestartet, da die meisten Drum and Bass eingesendet haben bzw. schon viel Material vorhanden war. Das hat sich seit der ersten Dubstep-LP grundlegend geändert. Viele schrieben mir danach und meinten, sie hätten mir schon längst etwas geschickt, wenn sie gewusst hätten, dass ich auch andere Stile unter Vertrag nehme. Nunja, obwohl ich von Anfang an ein Musiklabel und kein Nischen-Label haben wollte, ging es von da ab erst so richtig los.

Und zusammenpassen tut das sehr gut finde ich. Ich glaube, es gibt eine Menge Hörer die viele unterschiedliche Stile bevorzugen, die auch durchaus total verschieden klingen, aber irgendwo einen gemeinsamen Nenner vorzuweisen haben, der nicht unbedingt im Sound fest zu machen ist. Liebe ist auch schwer in Worte zu fassen und kann doch so unterschiedliche Formen annehmen. Jeder Versuch es in ein Raster zu pressen muß fehlschlagen. Die Tunes sind alle mit sehr viel Liebe gemacht, auch wenn es sich um Dancefloor-Klopper handelt. Und wenn es einen Nenner gibt, den man benennen könnte, dann evtl. das Herzblut, das darin steckt.

PNR-Releases sind bislang vom Vinyl geprägten 2-Track-Format dominiert. Nur im Dubstep-Genre nutzt ihr ausschließlich das Albumformat - weshalb?

Gute Frage. Ich denke, dass so ein Albumformat mehr Durchschlagskraft haben kann. Die “PNRLP0004″ kann man komplett durchhören, ohne das sie nervt oder langweillig wird. Dennoch lassen sich fast alle Tunes auch auf dem Floor verwenden. Wir hatten bei der Ausschreibung im internen Forum eine rege Beteiligung, so dass wir einfach eine kompakte LP gemacht haben.

Ich bin gerade dabei dieses 2-Track Format abzuschaffen. Es ist einfach ein Relikt gewesen, 2 Tunes zu nehmen. Macht im MP3-Bereich auch nicht wirklich Sinn, da es ja keine physikalischen Begrenzungen gibt. In Zukunft will ich das jeder Künstler mindestens 4 Tunes für ein Release zusammenstellt. Ich finde, das gibt erstens eine bessere Einsicht in sein Schaffen und mindert zweitens das Gefühl, er hätte nur ein Glückstreffer gelandet.

Und wer selbst produziert, weiß das es recht schwer ist 4 Tracks zusammenzustellen mit denen man selbst und das Label zufrieden sind. Das hindert mich auch ein bisschen daran, vorschnell Sachen zu signen und zu Veröffentlichen. Eine Art zusätzliche Qualitätssicherung sozusagen.

Ich ernte oft erstaunte Blicke, wenn ich erzähle, dass ich tatsächlich Geld für MP3s bezahle. Wie geht ihr als Netzlabel mit der Freibiermentalität um?

Gar nicht. Wenn ich ehrlich bin hab ich noch nicht mal was dagegen. Ohne Raubkopien, wäre ich nicht da wo ich heute bin. Und ja, nachdem ich etliche Jahre illegal Software benutzt habe, habe ich mir das Beste davon letztendlich gekauft. Das ist alles so ein Gedankending. Man darf einfach MP3-Kopien nicht als einen Apfel sehen, der vom Obsthändler geklaut worden ist. Wenn etwas richtig gut ist und man absoluter Fan davon ist, dann möchte man etwas zurückgeben. Man möchte irgendwie sagen können, “ihr seid super, macht weiter damit”. Und wer hat keine 1,50 für einen Tune aufm Konto? Man kann´s eventuell so auf einen Punkt bringen: “Labelfreunde kaufen Tunes, die anderen machen Werbung und der Rest ist nicht unsere Zielgruppe.” Für Freunde haben wir den Bezahlvorgang so unstressig wie möglich gemacht: Tunes per Kreditkarte. Wer keine Kreditkarte hat, kann Paypal benutzen. Wer kein Paypal hat, kann sein Telefon benutzen, einer netten Anrufbeantworterfräuleinstimme lauschen, danach die Tunes herunterladen und über die Telefonrechnung bezahlen. Wer sich Tunes illegal besorgt hat und Fan geworden ist, der darf Beträge seiner Wahl spenden. Ich bin grad noch am austüfteln zweier verschiedener Bezahlmethoden und eventuell zusätzlichem Bonusmaterial für treue Fans.

Quickies: 7 Kurzfragen & Antworten

Dubstep: Was liebst du?
Burial ist sehr toll. Zuletzt mochte ich das Scuba-Album sehr. Auf dem Dancefloor darf´s ruhig wobbeln. Aber bin allgemein der deepe Subwobbler.

Dubstep: Was hasst du?
Richtig hassen tu ich eh nichts. Es gibt nur Musik für unpassende Momente.

Dubstep: Tanzflur oder Sofa?
Am liebsten beides. Stimmungsabhängig im Grunde. Aber es gibt auf den meisten Tanzfluren eh Sofas. Gott sei Dank.

Dubstep und Minimal?
Ja. Und Drum and Bass und Chillout und Downbeat und Trip-Hop. Oder zielte die Frage auf was anderes ab? Musik ist relativ.

Dubstep in Deutschland heute?
Keine Ahnung, ehrlich gesagt. Hab das Gefühl, er ist noch nicht überall angekommen. Berlin ist wohl ziemlich dick im Geschäft. Regelmässig Partys und so. Mannheim schläft da wohl noch ein bisschen, aber denke da könnte Partywobble gut ankommen, zumindest bei der vertriebenen D&B-MC Fraktion. Mir fällt aber spontan kein Label oder Artist ein. Schade eigentlich.

Dubstep in Deutschland übermorgen?
Tokio Hotel im Burial Remix? Ich hoffe nicht. Lieber eigenständig, cool, deep, unterground, Ghetto, Gerechtigkeit, Fuffies im Club und so. Musik muss die Persönlichkeit des Musikers widerspiegeln. Eine Reise durch dessen Ich. Und nicht ein Mischmasch aus angesagten Sounds der UK-Charts. Erforsche dich selbst und teile dich mit. Das ist viel schwerer und erstrebenswerter als irgendeinen Sound X/Y exakt zu kopieren. Die Reise ins Ich, bringt einen meist auch persönlich weiter.

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4 Kommentare bisher

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  1. 14. August 2009 um 19:35 Uhr

    WooDz sagt,

    Sorry for the English. But you really don’t want to try and read my German.

    I feel as if I have been living under a rock for the past 10 years. I heard my 1st Dubstep this week and I think I have missed one of music’s biggest evolutions. Being english and Dubstep being born out of London the feeling has hit me a hard as the deep dirty bass-lines this genre accentuates. This music is hard hitting, grimey and disturbing yet beautiful at the same time. Archangel by Burial is probably a classic with drum rhythm that sounds like someone running up a set of stairs and popping into thin air at the top. It’s a comical but an brilliant example of how dubstep can emotionally move you with such soulfull lyrics. On the other end of the scale you have Tomb VIP by Gatekeeper and Appleblim which is just mind blowingley destructive, you think your head is going to explode as you feel your ears warming under the low resonance’s. Dubstep connects on so many levels and unlike other genres you don’t just listen to same repetitive beat as the music is still developing and has no form at present.

    For me I’m looking to find a club in NRW that plays Dubstep if not get in touch and I’ll see if I can put a 2 hour set together for you.
    It’s brilliant to see that dance music is still evolving and the underground is very much alive!

    Regards
    Tony WooDz

  2. 24. Februar 2010 um 10:09 Uhr

    Modulate Inc. sagt,

    Ich erfreue mich täglich an dem wachsenden Wissen an Dubstep.

    Ich Produziere selbst seit einiger Zeit Dubstep.
    Im Freundeskreis und auf Youtube immer positives Feedback bekommen.

    Leider gibt es bei mir im Umkreis wenige Events,auf denen Dub oder Dubstep gespielt wird…
    Monatlich in Münster…Ich würde sogar jedes Wochenende auf eine Dubstep Party gehen.

    Ich wünsche mir und anderen Deutschen Dubstep Interpreten,dass sie durch ihre Musik die Scene in Deutschland ein bisschen ankurbeln können.

    Dass Dubstep zu populär wird,will ich jedoch nicht.
    Ich denke,da werden mir viele zustimmen….
    Ich habe keine Lust wie schon oben gesagt irgendwann in den Charts Tokiohotel Remixe zu sehen :D
    Da schauderts mir!

    Lieber ein bisschen Untergrund,aber doch bekannt!

    Kennt jemand zufällig ein paar labels,die in Deutschland Dubstep rausbringen?
    Würde meine Tunes gerne releasen!

    Feedback ist immer wilkommen.

    Ich hoffe ,ich konnte mit meinem Geistigen Erguss etwas beitragen!

    Grüße

    Modulate Inc.

  3. 24. Februar 2010 um 10:25 Uhr

    myom sagt,

    Hi,

    das bist du? http://www.youtube.com/user/ModulateDubstep
    Klasse Track!

    Bzgl. Releases hilft nur, Leute über Foren, Myspace, Soundcloud … zu kontaktieren und ins Gespräch zu kommen.

    Einer meiner Vorsätze für 2010 war, die Reihe Dubstep-in-Deutschland tatsächlich nochmal anzugehen, also watch this space :)

  4. 25. Februar 2010 um 10:01 Uhr

    Modulate Inc. sagt,

    Japp ,das bin ich :)

    Dankesehr :)

    Ich behalts im Auge!
    Werd in der Nächsten Woche auch nen neuen Track raushauen. :) Brutzelt grade noch in meinem Sequenzer!

    Grüße

    Modulate Inc.

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