Die Mücke zum Elefanten: Burn After Reading
30. September 2008
Bei den letzten Filmen von Joel und Ethan Coen konnte einem das Lachen vergehen. Auch ihre neueste Komödie “Burn After Reading” spielt in der Welt des missglückten Verbrechens. Aber diesmal glücken zumindest die Slapstick-Einlagen.
Nach dem humorfreien Gewaltepos “No Country For Old Men” darf in dem neuen Streifen der Coen-Brüder wieder gelacht werden. “Burn After Reading” ist eine rabenschwarze Komödie mit vermeintlich misanthropischen Zügen. Unterm Strich bleibt nämlich festzuhalten: Der Mensch ist ein ziemlicher Idiot. Die Erkenntnis ist natürlich nicht neu. Nicht nur Thomas Bernhard hat im letzten halben Jahrhundert etliche Bücher mit ähnlicher Kernaussage geschrieben. Bei Joel und Ethan Coen stehen jedoch keinesfalls Zynismen und Hass im Vordergrund. Sie lassen ihre mit zahlreichen Beknacktheiten ausgestatteten Figuren spielen und ziehen dabei haufenweise Skurrilitäten aus dem Zylinder.
Die Figuren, allesamt mittleren Alters und erfolglos, kann man aber durchaus mögen. Weshalb davon auszugehen ist, dass die Coens auch keine Misanthropen sind, wie schon andernorts gemutmaßt wurde. Wer so liebevoll und ausgiebig an den Schrullen seiner Charaktere feilt, kann Menschen nicht hassen.
Da wäre zum Beispiel Chad, gespielt von Brad Pitt. Chad ist ein Knallkopf von einem Fitnesstrainer, stets geckenhaft tänzelnd zu den Klängen seines iPods, in rotem hautengem Trikot, kurzer Hose und mit dämlicher Frisur, sich dabei Flüssigkeit aus einer Fahrradflasche in den Mund spritzend und die Leute an den Geräten malträtierend. Kein noch so abgedroschenes Klischee des sportlichen Lackaffen wird ausgelassen. Und dennoch zweifelt man nicht eine Sekunde daran, dass Chad ein netter Kerl ist.
Zusammen mit Arbeitskollegin Linda Litzke, verkörpert von Frances McDormand, gerät er in den Besitz vermeintlich brisanter Geheiminformationen. In Wahrheit handelt es sich jedoch lediglich um die Memoiren des abgehalfterten Ex-CIA-Agenten Osborne Cox (John Malkovich), der kürzlich erst wegen permanenter Trunkenheit von der Intelligenz-Agentur gefeuert wurde.
Der folgende Erpressungsversuch scheitert an der mangelnden Professionalität der zwei Halbkriminellen. Das Opfer zeigt sich eher schlecht gelaunt als merklich beeindruckt und lässt die beiden abblitzen. Die wiederum, besessen von der Idee, das geheime Material doch irgendwie zu Geld zu machen, marschieren allen Ernstes zur russischen Botschaft. Doch auch hier steht man Lindas und Chads Plan B, den Kalten Krieg wieder aufflammen zu lassen, skeptisch gegenüber und befördert das Paar auf die Straße.
Wir befinden uns also wieder mal in der “Welt des missglückten Verbrechens”. Wer nun glaubt, das Thema hätte sich nach den deftigen Abfuhren erledigt, wird eines Besseren belehrt. Es geht, ganz in der Tradition der Screwball-Komödie, chaotisch und hektisch zur Sache.
Neben Crime gibt es in “Burn After Reading” auch jede Menge Sex, und zwar in Form des erotomanen Harry Pfarrer (George Clooney), ein Ex-Bodyguard aus einer Stadt namens Chevy Chase, den sein Donjuanismus von einem Fettnäpfchen ins nächste jagt. Nachdem Pfarrer eine Affäre mit Cox’ Frau (Tilda Swinton) sowie weitere Eskapaden mehr schlecht als recht überstanden hat, lernt er via Internetdating Linda Litzke kennen, wodurch die Ereignisse ins Schleudern geraten.
Es gibt Tote. Natürlich nicht im brutalen Sinne, wie in “No Country For Old Men”, gestorben wird hier stets in Slapstickmanier. Am Ende weiß keiner mehr so recht, wann genau die Mücke zum Elefanten mutiert ist. Der CIA-Boss kann, unterrichtet über den bizarren Fall, nur noch genervt reagieren: “Burn the body. Get rid of it. And keep an eye on everyone … see what they do. Report back to me then … I don’t know. When it makes sense.” Doch der Sinn hat sich schon lange verabschiedet. Die finale Aufklärung erfährt der Zuschauer nur übers Hörensagen. Das Chaos ist bildlich nicht darstellbar.
Im Gegensatz zu den letzten, eher misslungenen Coen-Komödien wie “Intolerable Cruelty” oder dem “Ladykillers”-Remake besticht “Burn After Reading” durch brillante Dialoge, bösen Witz und die bewährten Schauspieler. Auch die Neuen im Ensemble machen sich gut. Brad Pitt nimmt man den Trottel sofort ab. John Malkovich ist großartig als mal cholerischer, mal melancholischer Säufer.
Angesichts der jüngsten Datenverlustspannen in Deutschland und England hat der Film natürlich eine gewisse Aktualität. Was so ein Staatsfeind mit pikanten Daten alles anstellen könnte, wird dem Zuschauer auf imposante Weise vor Augen geführt. Auch wenn die Daten keine Daten sind und der Staatsfeind gar kein Staatsfeind, sondern im Grunde genommen nur ein netter Mensch, der Geld für eine Schönheitsoperation braucht und bereit ist, alles dafür zu riskieren. Am Ende gibt es genau einen Sieger und jede Menge tote und auf der Strecke gebliebene Idioten.
Der Film wurde in nur zwei Monaten mit relativ kleinem Budget abgedreht. Die Brüder entwickeln sich scheinbar gerade zu Fließbandproduzenten. Denn als Nächstes angekündigt sind bereits die Verfilmung von Michael Chabons jüngstem Roman “Die Vereinigung jiddischer Polizisten” sowie eine schwarze Komödie namens “A Serious Man”.
Mit freundlicher Genehmigung von intro.de
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