Mobserv - Hiroshima Bordell

Ah ja, … “Hiroshima Bordell”. Eine ukrainische NuMetalband in Leder mit komischen Fressen und Songtiteln wie “Scheidenbunker”. Der eine oder andere von uns hat zu Hause sicher schon für weit weniger den Schredder angeworfen.

Mitnichten gehört dieses Album in die Müllpresse, ja, nicht mal in deren Nähe, und die Band kommt auch nicht aus der Ukraine. Aber mal ganz von vorn: In dem gerade bei Piper erschienenen Buch “Zwölf Stunden sind kein Tag” (einigen vielleicht bekannt unter dem Titel “Praktikanten küssen besser”) von Boris Fust bemüht sich eine Klingeltonnamenerfindungsagentur, ihre Firmenbezeichnung Mobserv bei MySpace als Adresse zu gewinnen. Geht aber nicht, der Name www.myspace.com/mobserv ist schon weg, gehört derben Ukrainern. Wer das Buch liest und diese Behauptung über das Internet gegencheckt, freut sich einen Ast. Denn mit Liebe zum verpuzzelten Detail hat der Autor des Buchs jene Band nicht nur erfunden, sondern ihnen auch mit seinem berüchtigten Kuss des Todes Leben eingehaucht.

Mobserv sind also Teil eines Gesamtkunstwerks, und man kann nur staunen, mit welcher Konsequenz und Fülle Fust jenes so schnell auf die Beine stellen konnte. Das, also das fixe, genialische Arbeiten, ist zwar die Fust’sche Legende - gerade auch in seinem Job als “Senior Copywriter” bei Intro -; aber so umfassend gezündet, sieht man sich doch sehr beeindruckt.

Die blanke Musik indes dürfte dagegen für viele, die nicht halb wahnsinnig sind, sicher etwas gewöhnungsbedürftig sein. Aber mit konsensträchtigem Indie-Schönklang hat sich der Künstler, Scooter- und Klassikfreund, noch nie aufgehalten, genauso wenig wie mit einer unverstellten herzlichen Ansprache. Alles andere bedienen er und seine Band aber glänzend. Die Stücke erinnern oft an die Neunziger, an krude Acts wie Stalin, JBO, Dante’s View, der Gesang manchmal an Fisch von den Lokalmatadoren, dennoch ist Mobserv sicher nicht ein Kuriosum mit zehn Jahren Delay.

Die Rhythmik ist mitunter atemberaubend und höchst komplex, das konnten so einst vielleicht noch die Prog-Metaller von Mekong Delta. Die vielen “Witzigkeiten” wie “Meine Frau ist ein Stück Weltraumschrott” sind natürlich stets grenzwertig, andererseits aber natürlich eh nur Rolle. Boris Fust beherrscht sie selbst ja am besten. “Hiroshima Bordell”, das ist Musikwissenschaftler-Emo auf Moschus. Unterfordert wird man woanders. Glückwunsch!

Mit freundlicher Genehmigung von intro.de

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1 Kommentar bisher

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  1. 3. September 2008 um 22:56 Uhr

    buenaventura sagt,

    das boris fust-interview in der jungle world brachte es hervorragend auf den punkt: im grunde ist alles egal. das ist auch das einzige wofür boris fust und der von ihm repräsentierte musik-journalismus (eine super chumbawamba-review von fust hat bei mir bleibenden eindruck hinterlassen) stehen. die von fust in der tat hervorragend auf den punkt gebrachte mittelklasse 80er-haltung, es werde schon irgendwie gut gehen, weswegen es eben letztlich egal ist, was man tut. gesamtkunstwerk, my ass.

    das ist so egal, dass es nicht mehr egal ist.

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