Olli Schulz – Die ganze Welt in einem Mann

51itscegvbl_ss500_

Rock-Nummern wie „Ab jetzt tut’s mir nur noch weh“ und Quatsch-Songs wie „Bibo“. Olli Schulz hat auf seinem neuen Album „Es brennt so schön“ die ganze Palette abgeliefert. Und zudem sehenden Auges die deutsche Antwort auf „Live Forever“ geschrieben. Warum sein neues Werk trotzdem nicht „Die große Olli Schulz-Platte“ heißt, verrät er uns auch noch. Ein Teufelskerl.


„Es brennt so schön“ – Brennt es in dir oder sitzt du da und genießt das äußere Brennen?

Es brennt alles so schön. Manchmal sitzt man da und denkt sich, dass alles so hoffnungslos ist. Stellt sich dann so Fragen, ob man in diese Welt überhaupt Kinder setzen kann. Alles ist negativ, komplett. Und in solchen Momenten schreibe ich solche Lieder wie das erste mit so Zeilen wie „Die Guten die bluten, weil die Schlechten sie knechten und der Rest stirbt langsam aus.“ Aber dann folgen auch wieder Momente, in denen das Leben sehr gut zu einem ist. Und daraus ergibt sich dann ein Stück wie „Ewig leben“. Ich will nicht nur melancholische Lieder machen oder nicht nur witzige. Das ist alles in mir drin.

Im letzten INTRO-Interview hast du dich als „multiplen Typen“ bezeichnet. Welche Persönlichkeit des mehrköpfigen Olli Schulz gibt’s denn auf der neuen Platte zu erleben?

Das sollte ne geile Rockplatte werden. Nicht so dieses „Ich bin der depressive Typ und sitz in meinem Zimmer und draußen schneit es gerade.“ Die letzte Platte war ziemlich melancholisch und zurückgenommen für meine Verhältnisse. Und die neue sollte auch mal wieder so einen cheesy Pop-Song wie „Geheimdienst“ haben. Weil es mein erstes Solo-Album ist, sollte von allem was drin sein, was ich bisher gemacht habe. Und das zu einem großen Ding vereinen. Der Arbeitstitel war zunächst „Die große Olli Schulz-Platte“, aber das wäre dann wieder so Otto-mäßig gekommen.

Am Beginn des Albums rotzt du mit „Ab jetzt tut’s mir nur noch weh“ aggressiv wie nie. Woher kommt die Wut?

Die Aggressivität ist schon ein Ausdruck dessen, dass ich letztes Jahr ganz schön genervt war. Dass man von Leuten hört, dass man es jetzt es endlich schaffen müsse. Das hat mich sehr erstaunt. Ich hab irgendwie das Gefühl, dass bei allen Menschen, egal ob sie aus dem so genannten Indie-Umfeld stammen oder nicht, ab einem gewissen Alter ein unglaublicher Druck entsteht. Ich war zum Beispiel letztes Jahr auf Tour und habe einen Abend mal nicht so auf Entertainer gemacht, sondern eher ruhige Stücke gespielt. Da kam jemand zu mir und meinte: „Olli, so wirst du es nie schaffen.“ Und ich: „Was schaffen?“ Ich bin Künstler, ich mache das, was ich für richtig und wichtig halte. Ich wollte nie Weltstar werden oder dieses Land vereinen. Und dann kotzt mich das an, dass es dann anscheinend doch nur darum geht, viel Geld zu verdienen, seine Schäfchen ins Trockene zu bringen und ein Leben mit möglichst viel Sicherheit zu verbringen. Und das bei Leuten, bei denen ich das echt nicht erwartet hätte.

Alles wirkt sehr nah dran an diesem Leben…

Das ist aber auch ein bisschen meine große Kunst, die Sachen immer sehr autobiographisch klingen zu lassen. Die neue Platte ist nicht so persönlich, wie sie auf den ersten Blick wirkt. Eigentlich geht es mir schon darum, einen geilen Song zu schreiben und nicht mein Innerstes nach Außen zu bringen. Dabei die Dinge glaubwürdig rüberzubringen, damit die Leute dabei was empfinden und merken, dass da einer ist, der es mit Herzblut macht. Aber es sind nie vertonte Tagebucheinträge.

Trotz der Fokussierung auf die Einzelperson klingen deine Songs immer mehr nach Bandwerdung.

Das stimmt. Das liegt daran, dass ich nach drei Platten ein größeres Verständnis für das Einbringen von Ideen habe, wie man das umsetzt. Bei „Es brennt so schön“ habe ich zudem mit wahnsinnig vielen Künstlern zusammen gearbeitet. Die eine Hälfte des Albums wurde in Hamburg aufgenommen, u.a. mit Lee Buddah, Bernd Begemann oder Mark von Wir sind Helden und die andere Hälfte live in Berlin mit Ben Lauber von T.Raumschmiere, Moses Schneider, PC und Arne Augustin am Klavier, der normalerweise für Nena in die Tasten schlägt.

Olli Schulz-Songs bezogen ihren Charme immer aus der Verweigerung, die Pathosschwelle zu überschreiten. Das ist dieses Mal, zumindest bei „Ewig leben“, anders.

Ja, absolut. Das  sollte meine Antwort auf „Live Forever“ von Oasis sein. Genauso übergeschnappt. Privat stehe ich auch sehr auf diesen hymnischen Pathos-Scheiß. Deshalb ist es auch mein Lieblings-Song auf dem Album. Für mich ist es dennoch immer schwer, diese Grenze zu überschreiten. Wenn Bruce Springsteen „Thunder Road“ oder „Born To Run“ singt, dann klingt das geil, mächtig, erhaben. Aber wenn du auf deutsch singst „Ich fahr mit meinem Auto über die donnernde Straße“, dann denken alle „Oh Mann, das ist ja unangenehm“.

Der viel diskutierte Track „Bibo“ wirkt auf dem Album wie ein Fremdkörper.

Er passt auch nicht, da hast du Recht. Es ist nun mal – leider – auch die erste Single, weil ich das Angebot bekam, auf diesem Bundesvisionsongcontest zu spielen. Der Song wurde letztes Jahr auf Tour geschrieben, in gerade mal drei Minuten. Eine Party-Polka-Nerv-Nummer, für die ich erst gar keine Plattform hatte. Ich war gerade bei der EMI raus und wusste gar nicht, wohin damit. Da haben wir erstmal das Video gedreht und der Sony gezeigt und die haben mir sofort einen Plattenvertrag gegeben. Ich habe natürlich auch mitbekommen, dass der Song sehr kontrovers aufgenommen wurde. Ich hoffe, dass sich das alles etwas beruhigt, wenn die Leute erstmal die ganze Platte gehört haben. Aber ich habe den Song auch in dem Bewusstsein gemacht, einen Hit zu schreiben und die Leute zu nerven. Wie weit kann man gehen? Und dann kam das Angebot für die Stefan Raab-Geschichte und ich hab mein großmäuliges Statement, Stichwort „Eigenurin“, niemals dort aufzutreten, revidiert. Einfach mal ausreizen, was geht. In einem halben Jahr ist das eh alles wieder vergessen.

“Es brennt so schön” erscheint am 13. März bei Columbia/Sony.

Mit freundlicher Genehmigung von Intro.

  • MySpace
  • Facebook
  • Google
  • Live
  • del.icio.us
  • Technorati
  • Mixx
  • MisterWong.DE
  • Webnews.de
  • Yigg
  • Yahoo! Buzz
  • TwitThis
  • E-mail this story to a friend!
Thema-Icon Interviews,Musik Kommentar-Icon Keine Kommentare

Einen Kommentar schreiben

Die Interwebs sind kein Ponyhof. Bitte höflich und beim Thema bleiben. Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht oder weiterverwertet.

Hinweis für alle Trolle, die hier über einen anonymen Proxy unter falscher Mailadresse ihren Frust abladen wollen: Spart euch einfach die Arbeit.