Jochen Distelmeyer – In Zukunft alles offen
25. September 2009Mit seiner Band Blumfeld hat Jochen Distelmeyer deutschem Indierock in den Neunzigern eine unverwechselbare, hochkomplexe Sprache geschenkt, um nach und nach zu einem modernen Liedermachertum der klaren Worte zu
finden. Sein erstes Soloalbum „Heavy“ ist eine bruchlose Fortführung seiner Karriere: Ein Album über Trennungsschmerz und Liebe, das unumwunden Pop ist, an emotionaler Tiefe seinem Titel aber alle Ehre macht. Unser Mann Michael Weiland war im Auftrag von Hamburg:Pur ganz nah am Mann.
Man erwartet von Soloalben oft so eine Art emanzipatorischen Akt: dass man sich mit Nachdruck vom Alten löst. Das Gefühl hat man bei „Heavy“ überhaupt nicht.
Mir ging es auch nicht um Emanzipation oder Abkehr von irgendetwas, sondern darum bei mir, mit mir weitermachen – unter anderen Vorzeichen. Es gibt in den 16 Jahren Blumfeld nichts, was ich nicht gut fände, wovon ich mich distanzieren müsste. Das ist eine sehr wichtige, schöne, prägende Zeit gewesen, die mich dahin geführt hat, wo ich jetzt eben bin, mit einem veränderten Verständnis von mir als Musiker und als Mensch.
Welche veränderten Vorzeichen wären das denn?
Ich hab das Gefühl, dass ich mit dem, was ich versuche als Musiker und als Typ zu tun, alleine bin. Dass es dafür keine Role Models oder Instanzen zur Orientierung für mich gibt. Ich hab meine Dämonen aufgebraucht. Diese Strecke ist niemand vor mir gegangen, das ist mein Weg.
Als ersten neuen Song von dir hörte man „Wohin mit dem Hass?“ mit Zeilen wie „Lasst ihre Wagen brennen“ oder „Macht etwas Schönes kaputt“. Ist dir dieses Gefühl sehr vertraut?
Mir war so, als läge etwas in der Luft, etwas Gärendes, was darauf drängt, sich in irgendeiner Form entladen zu können. Und mich hat gereizt und beschäftigt, durch welche Stadien man damit geht. Und ich verstehe die Strophen so, dass, auch wenn es möglicherweise nachvollziehbare Gründe gibt die Wagen brennen zu lassen, das aber nichts mit dem Überwinden dieses Gefühls zu tun.
In der aktuellen SPEX-Titelgeschichte wird von Seiten der Goldenen Zitronen der leise Wunsch geäußert, du könntest dich musikalisch mehr trauen. Hattest du selbst im Vorfeld der Aufnahmen schonmal die Überlegung, das Ganze wieder etwas „edgier“ zu machen?
Och, ich finde es schon ziemlich edgy, was ich da mache. Ich glaube, diese Einschätzung ist abhängig davon, was man denkt, dass Mut erfordert. Und vordergründig edgigere Sounds zu fahren, finde ich zwar auch gut, hat für mich aber nichts mit „sich was trauen“ zu tun. Da geht es am Ende des Tages um ganz andere Sachen.
Was nach „Old Nobody“ kaum mehr in deinen Songs auftauchte, sind die synthetischen, elektronischen Elemente. Hast du überhaupt noch ein Interesse an Tracks, als Gegensatz zu Songs?
Ich finde auch Tracks nach wie vor super, und das ist auch etwas was mich immer noch interessiert. Aber für dieses Album mit diesen Songs, die im Laufe der Zeit entstanden sind, schien mir das nicht angezeigt zu sein. „Hiob“ hat ja auch noch so ein „trackiges“ Gefühl. Für die Zukunft ist alles offen.
Jochen Distelmeyers Solo-Album “Heavy” erscheint heute bei Columbia.
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