Air: Die Imitation von Chinesisch
12. Oktober 2009Nach Kollaborationen mit unter anderem Charlotte Gainsbourg, Jarvis Cocker und Neil Hannon sind Air auf ihrem neuen Album “Love2″ wieder auf sich gestellt. Sebastian Ingenhoff traf Jean-Benoît Dunckel in Berlin und wollte erst mal wissen, wie man denn eine so Jam-artige Platte machen könne.
So ein Album muss man sich wahrlich leisten können. Es gibt mal wieder keinen Hit. Auch keine Stargäste wie noch auf dem Vorgänger “Pocket Symphony”. Das Titelstück besteht gesanglich einzig und allein aus der monotonen Wiederholung des Wortes “Love”. Die Single ist eine Art instrumentaler Progrock mit synthetischen Gitarrensoli. Und dann dieser Albumtitel: “Love2″. Der macht doch überhaupt keinen Sinn.
Air veröffentlichen wohlgemerkt noch auf einem großen Majorlabel. Auf die Frage, ob ihr Plattenboss ihnen die Mastertapes nach dem ersten Hören nicht um die Ohren gehauen habe, muss Jean-Benoît Dunckel lachen. “Nein, hat er nicht. Wir sind tatsächlich in der angenehmen Situation, totale Narrenfreiheit zu haben. Auch viele unserer älteren Stücke klangen ja erst mal völlig weird, aber es hat irgendwie immer funktioniert. Also, was sollen sie sagen? Ich glaube, die hören sich das gar nicht mehr richtig an. Das läuft so nach dem Motto: ‘Macht, was ihr wollt, ihr seid sowieso Spinner.’ Es ist halt eine gegenseitige Abhängigkeit. Wir brauchen diese professionelle Hilfe, weil wir von dem ganzen Businesskram keine Ahnung haben, und sie brauchen uns, weil wir trotz allem immer noch gut Platten verkaufen. Auch wenn es schon ein paar Jahre her ist, dass wir unseren letzten Radiohit hatten.”
Falls hier der Eindruck völliger Unhörbarkeit entstanden sein sollte, das wäre natürlich arg übertrieben, denn auch auf dem mittlerweile siebten Album der Franzosen (den “Virgin Suicides”-Soundtrack mit eingerechnet) gibt es noch den einen oder anderen klassischen Song. Zum Beispiel das empfindsame, von einem Oscar-Wilde-Stück inspirierte “So Light Is Her Footfall”, das tatsächlich an “Virgin Suicides”-Zeiten erinnert. Progrock-Einflüsse ließen sich auch früher schon heraushören, nur war das Fundament weitestgehend elektronisch. Auf “Love2″ hingegen gibt es mehr Gitarren denn je, und durch die Zusammenarbeit mit Joey Waronker spielt das Schlagzeug eine immer wesentlichere Rolle in der Produktion. In ihrem Pariser Studio haben Jean-Benoît Dunckel und Nicolas Godin einen Fuhrpark an Synthesizern und Gitarren angehäuft. Das Album wurde erstmals im Alleingang produziert: “Ohne unser neues Studio Atlas hätte ‘Love2′ niemals entstehen können. Wir hatten absolut keinen Zeitdruck und improvisierten viel. Das hört man den Songs an, die Stücke sind freier, es gibt viele obskure Sounds zu hören. Wir wollen einfach keine Radiohits mehr schreiben, das ist so ermüdend auf Dauer. Es ging uns eher darum, Sounds zu entdecken und mit ihnen zu experimentieren.”
Das Ergebnis hat tatsächlich Jamsession-Charakter. Die Beschäftigung mit improvisierter Musik ließ sich schon auf “Pocket Symphony” heraushören, wo bei einem Stück Fela-Kuti-Drummer Tony Allen trommelte. Wurden Air früher schon mal als bourgeoise Fahrstuhlkomponisten belächelt, die mit geringem Störfaktor harmlos vor sich hin plätscherten, so kann man “Love2″ eine solche Gefälligkeit nun wirklich nicht mehr vorwerfen. Es gibt sogar vereinzelt Stücke, die gehen einem richtig auf den Sack. Also, im positiven Sinne. Da wird mit nervigen Klangfiguren und Geräuschen jongliert, da fiept es, da jaulen irgendwelche gitarrenähnlichen Maschinen. Das muss sich Musik eben herausnehmen können: auch mal zu stören. Immer nur gefällig und nett sein, davon wird man auf Dauer rammdösig.
Die Gesangspassagen werden zum großen Teil wieder von Dunckel übernommen, dessen Elfenstimme wie ein eigenes Instrument eingesetzt wird. “Das war immer schon unser Konzept, egal, wer unsere Lieder gesungen hat. Dem Gesang muss irgendetwas Rätselhaftes anhaften. Die Musik ist aber nicht gebunden an eine feste Sängerfigur, sie ist gewissermaßen körperlos. Es geht nicht um den Mann, der seine Geschichte erzählen muss. Das unterscheidet uns von jemandem wie Leonard Cohen. Aus den Songs spricht immer etwas uns Übergeordnetes.” Die Texte sind, wenn es denn welche gibt, relativ simpel gehalten. Dunckel meint, das läge in erster Linie daran, dass ihre sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten im Englischen nun mal sehr limitiert seien. So erklärt sich ein Song wie das ungewollt dadaistische “Sing Sang Sung”, dessen Refrain an einen Sechsjährigen erinnert, der versucht, Chinesisch zu imitieren.
Großen kommerziellen Erfolg haben Air also scheinbar nicht mehr nötig. Hatten sie ja noch nie - sie sind finanziell abgesichert, qua Stammbaum gewissermaßen. Aus ihrer gehobenen Herkunft haben die Franzosen nie einen Hehl gemacht. Trotzdem sind sie regelrechte Workaholics und haben nebenher zahlreiche Projekte am Laufen. Jean-Benoît Dunckel plant langfristig wieder ein Soloalbum als Darkel. Darüber hinaus wird es auch wieder einen Filmsoundtrack geben, Gerüchten zufolge für den neuen Film von Sam Gabarski (”Irina Palm”). Und falls sie mit dieser Platte hier tatsächlich die Leute verprellen sollten, dann machen sie eben einfach eine neue.
“Love 2″ ist bereits bei Virgin/EMI erschienen.
Erstveröffentlichung des Artikels bei Intro.
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