Sophie Hunger – 1983

sophiehunger_1983

Live-Auftritte der Schweizer Sängerin Sophie Hunger und ihrer famosen Band haben einen mythischen Status erreicht. Und es stimmt schon – “Monday’s Ghost” erhob sich unter dem Eindruck eines Konzertbesuchs von einer sehr guten Liedersammlung zu einem grandiosen Album. Es drängte sich fast der Eindruck auf, Hungers Studioschaffen diene lediglich als Vorbote.

Verstärkt wurde dieser Eindruck dabei durch eine Produktionsweise, bei der alles sehr organisch und manches gar zufällig mitgeschnitten klang. Zum Sophie Hunger Blues konnte man sich die Sängerin prima beim Soundcheck vorstellen. Was sehr unprätentiös daherkam, wirkte in manchen Momenten aber auch ein wenig zu geschmackvoll. Jedoch ist Sophie Hungers Kunst auch deshalb so reizvoll, weil sie den Spagat zwischen gespreizter bürgerlicher Kunstsinnigkeit und eklektischer Popkultur sucht und beherrscht.

Mit “1983″ rückt Sophie Hunger nun nicht grundsätzlich von diesem Konzept ab, legt aber zusammen mit Stephane Briat (u.a. Air, Phoenix) einen anderen Schwerpunkt in der Produktion. Lediglich beim letzten Lied, Train People, lässt sie sich von einem einzelnen Piano begleiten, Lieder zur Akustikgitarre fehlen zur Gänze. Wie schon bei manchem Stück auf “Monday’s Ghost” wird nun durchweg effektvoll hervorgehoben und mit so manchem Effekt gearbeitet, ohne dabei überzuproduzieren oder sich in künstlichen Soundfiles zu verrennen.

Nein, es wurde eine klare Linie gefunden, und diese erinnert nicht selten und besonders beim besten Stück, “Your Personal Religion”, in der Haltung an PJ Harvey. Wo auf “Monday’s Ghost” vom Cover bis in die Songs hinein ein klein wenig Unsicherheit und Verhuschtheit transportiert wurde, herrscht auf “1983″ ein sehr selbstbewusster, manchmal aggressiver und auch kontrolliert wütender Grundton. Auf dem Cover droht sie konsequenterweise mit zu Pistolen geformten Händen sich selbst und den Hörern – bis hierhin und nicht weiter.

1983, das ist Hungers Geburtsjahrgang, und sie ist sicht- und hörbar nicht zufrieden, wie sich die Welt um und durch ihn entwickelt und proklamiert im Titellied trotzig „1983, zeig mir deine Finger, und frag nach deinem Abdruck. 1983, wo sind deine Stimmen? Wo sind deine Ausnahmen, deine Mongoloiden?“. Überhaupt inszeniert sich Sophie Hunger auf “1983″ als eine der Welt Ausgesetzte, auf die alles einprasselt, die mit ihren Liedern zurückschlägt, ein unvermeidlicher Akt des Überlebens wie im surrealen Eröffnungslied “Leave Me With The Monkeys”: „Cities full of storylines, do I have to sing those rhymes, of possibilites, broken promises?“.

Jedoch sollte man sich nicht vertun, “1983″ ist keine Protestplatte, vielmehr der Versuch, dem Zwiespalt zwischen Citylights Forever, Pseudoindividualisierung (Your Personal Religion) und der Sehnsucht nach Beständigkeit und Halt wie dem „Volkslied“ aus 1983 einen Klang zu verleihen, eine Form zu geben.

Dabei kann man unter den vierzehn Liedern, die wieder in vier Sprachen gesungen sind, kaum ein schwaches ausmachen. Im Gegenteil, scheint sich die klangliche Schärfung der Konturen auch im Songmaterial niederzuschlagen, das jetzt noch mehr nach Sophie Hunger selbst klingt. Sie changiert souverän leicht windschief und leidenschaftlich verzerrt zwischen den Stilen, beherrscht die Pianoballade genauso wie verhallten Postrock.

Live hatte sie diese Tonlage und Haltung ja schon sicher transportiert, und angeregt durch den PJ Harvey-Vergleich, fragt man sich, was eine Zusammenarbeit mit John Peel wohl zu Tage gefördert hätte? “1983″ spätestens hätte bei ihm wohl das Interesse geweckt.

“1983″ erscheint heute bei Two Gentlemen Records.

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