Du durchsuchst derzeit das munitionen Archiv von September, 2010.

Robyn – Body Talk Pt. 2

23061085Bei Robyn erfüllt sich mit diesem Part zwei gerade die abenteuerliche Idee, dem Prinzip Album einen Arschtritt zu verpassen und über sechs Monate stattdessen drei EPs rauszugeben. Dabei verfestigt sich erst mal der Eindruck, dass die schwedische Pop-Chefin hier einfach nur drei Longplayer tröpfchenweise rausrückt. Zweimal neun und diesmal acht Songs rotieren – insgesamt also 26! „Pt. 2“ etabliert in jedem Fall den im Gesamt-Titel angelegten Dance-Aspekt von Robyns sehnsüchtig-bittersüßem Pop-Entwurf. Die trademarkige Melodieseligkeit wird gehalten – trotz aller artifiziellen Sounds aus den verhornten Fingern Klas Ahlunds. Herausragend sicher das Featuring mit Snoop Dogg, in dessen Text es um irgendwas mit „Fuck“ geht – bestimmt irgendwie geil, mal mit einem Logopäden zusammen entschlüsseln. Überdauerkraft findet sich zudem bei „Love Kills“. Sowie die Erkenntnis: Aus diesen drei Halbjahrs-EPs hätte man sogar sechs für zwei Jahre stricken können. Alles irre, aber eben auch irre gut.

YouTube Preview Image

“Body Talk Pt. 2″ erscheint am 10. September bei Ministry Of Sound/Edel.

Erstveröffentlichung des Artikels bei Intro.

  • MySpace
  • Facebook
  • Google
  • Live
  • del.icio.us
  • Technorati
  • Mixx
  • MisterWong.DE
  • Webnews.de
  • Yigg
  • Yahoo! Buzz
  • TwitThis
  • E-mail this story to a friend!
Thema-Icon Alben, Musik, Musikvideo Kommentar-Icon Keine Kommentare

Erklär mir: Philipp Poisel

poisel

Philipp Poisel sieht wirklich nicht aus wie der kommende Singer/Songwriter-Superstar oder der nächste Popdarling für die „Wetten, dass …?“-Couch. Viel eher wirkt er wie ein sehr seltsames Kind. Ein sehr seltsames Kind, das einen mit seiner Musik unweigerlich zu berühren imstande ist – und dabei zu aller Verwirrung sogar bereits 26 Jahre alt ist.

„Meine Freunde hatten mich vor dem Melt! Festival gewarnt, das sei nur so ein Electro-Ding, die würden mich da doch von der Bühne werfen, wenn ich nicht aufpasse.“ Jetzt, nach der Show, hat Philipp aus Stuttgart gut reden. Das Worst-Case-Szenario auf der Hauptbühne blieb aus. Natürlich. Denn Philipp Poisel wirkt zwar wie ein Schüler, den man vor den Klassen-Bullys beschützen möchte, aber eigentlich sollte man sich von ihm an die Hand nehmen lassen. Seine Songs machen das unmittelbar klar, ach, seine Songs machen dich unmittelbar klar.
Eine markante nuschelige Stimme, die immer auch mit paar Schrägheiten spielt, dazu eine Band, die aber kaum mehr Raum einnimmt als die alles begleitende Gitarre. Aus dieser einfachen Formel holte Poisel schon seit seinem Debüt 2008 („Wo fängt dein Himmel an?“) mehr raus als so viele andere.

Im Zentrum der neuen Platte steht ein Song über eine Krebsdiagnose, die ihn ereilte und sich erst nach quälend langer Zeit und Untersuchungen als falsch rausstellte. Und so singt er: „Ich hab furchtbar Angst vorm Tod / … / Auch wenn das Leben manchmal traurig ist / Bin ich froh, froh, dabei zu sein.“ Nimmt man Glaubwürdigkeit, Originalität und Emotionen als Maßstab für Kunst, ist das System Poisel eine Offenbarung.

So offenbarend, dass man auch Angst haben muss. Immerhin wurde Poisel entdeckt von Herbert Grönemeyer, auf dessen Label er damit auch landete, immerhin gibt ihm seine Mutter Ratschläge, er solle ruhig mal bisschen fetzigere Musik spielen, immerhin zitiert das Platteninfo das Magazin Petra. Will sagen: Poisel ist so gut und universell, den wird es nicht „indie-only“ geben – mit „Bis nach Toulouse“ ist der Weg zu jener „Wetten, dass …?“-Couch schon geebnet. Dagegen kann man nichts tun. Außer vielleicht: es selbst den drögsten Format-Radiohörern und ungeilsten Mühlsteinen gönnen, dass sie bald schon Fan von Poisel sein werden. Man muss auch teilen können.

“Bis nach Toulouse” von Philipp Poisel ist bereits bei Grönland/Rough Trade erschienen.

Erstveröffentlichung des Artikels bei Intro.

  • MySpace
  • Facebook
  • Google
  • Live
  • del.icio.us
  • Technorati
  • Mixx
  • MisterWong.DE
  • Webnews.de
  • Yigg
  • Yahoo! Buzz
  • TwitThis
  • E-mail this story to a friend!
Thema-Icon Interviews, Musik Kommentar-Icon Keine Kommentare

Superpitcher & Matthew Dear: Techno kämpft für dich

l_b3b4781c478217661a56611806a612ef

Matthew Dear und Superpitcher geben Techno seit jeher ein glamouröses Gesicht. Sebastian Ingenhoff begab sich anlässlich der neuen Werke zu den beiden in die Black City und auf den Kilimanjaro.

Nicht erst seit dem Siegeszug von Paul Kalkbrenners „Berlin Calling“-Soundtrack existieren Schnittstellen zwischen Popsong und Technotrack – man denke nur an die Inszenierungen von Acts wie Booka Shade oder Trentemøller –, doch zuletzt häuften sie sich wieder. Im Regelfall haben die kalkulierten Hits aber nur eine geringe Halbwertszeit in der Plattentasche und auf den Tanzflächen. Kalkbrenners „Sky And Sand“ ernsthaft als Musikwunsch hervorgebracht dürfte beim DJ nur mehr für genervtes Augenrollen sorgen, das es mit zehn schwulen Friseuren aufnehmen kann, um einen alten Max-Goldt-Kalauer aus dem Gedächtnis zu zitieren.
Die zwei Künstler, um die es hier gehen soll, arbeiten sich nicht nur seit Jahren schon am Verhältnis Song zu Track ab, sie haben auch die für Techno lange bestimmende Grenze der Unsichtbarkeit aufs Aktivste hinter sich gelassen. Sowohl der New Yorker Dear als auch der Kölner Superpitcher bringen sich als Person expressiv ein, ihre Musik wurde über die Jahre an ihr Erscheinungsbild und ihre Performanz gekoppelt.

Aksel Schaufler, wie Superpitcher richtig heißt, hat sich Zeit gelassen mit seinem zweiten Album. Seit dem Debüt „Here Comes Love“ sind gut sechs Jahre vergangen, ohne dass er sich in der Zwischenzeit dem Müßiggang hingegeben hätte. Superpitcher gehörte aber auch nie zu den Künstlern, die Maxis am Fließband produzierten, sobald es mal gut lief. Der verhuschte, akzentbeladene Gesang ist auf „Kilimanjaro“ wieder dominant, und wie schon auf dem Vorgänger „Here Comes Love“ sind es vor allem die melancholischen, verträumten Momente, die zu bezaubern wissen. Stücke wie „Joanna“ oder „Give Me My Heart Back“ sind geradezu episch, was weniger an der lyrischen Qualität der Texte liegt als vielmehr am dramaturgischen Aufbau der Songs, die wie ein gutes Set auf einen emotionalen Höhepunkt zusteuern, wohlgemerkt binnen einer Spieldauer von sieben, acht Minuten.

Seit Beginn der Kompakt-Karriere mit der legendären „Heroin“-Single vor bald zehn Jahren hat der gebürtige Ulmer seine Handschrift immer weiter verfeinert, ein Superpitcher-Stück oder -Remix erkennt man in der Regel nach ein paar Sekunden: der verschleppte Beat, die sanften Pianoloops, dieser Hang zum Pathos im Zusammenspiel mit großen Melodien. Aksel spricht von „Uplifting Drama“, denn im Idealfall lässt sich eben auch durch Schwermut Euphorie erzeugen. Im Techno wird er mit dieser Herangehensweise wohl auf ewig ein angenehmer Sonderling bleiben – passend dazu auch sein kultivierter verhuschter Narzissmus.
Matthew Dear versteht sich dagegen als Chamäleon. Er veröffentlicht unter zahlreichen Pseudonymen zum Teil völlig unterschiedliche Spielarten elektronischer Tanzmusik – wobei mit der Zunahme der Songorientierung auch der Grad der Personifizierung zu steigen scheint. Seine Platten haben den Sound von Ghostly International und Spectral, zwei der wichtigsten Technolabels der USA, in der letzten Dekade entscheidend mitgeprägt. Mit sechzehn zog er zum Studieren ins nahe Detroit gelegene Ann Arbour und ließ sich von der Motorcity infizieren: „Detroit war speziell zu jener Zeit eine mythenumrankte Stadt, und natürlich fanden wir all die Sachen rund um das Underground-Resistance-Label toll. Aber ich glaube, was mich am meisten inspiriert hat, war damals ein Auftritt von Moodymann in so einer Kunstgalerie. Er spielte völlig weirde, abstrakte Disco-Sachen um die hundert bpm, also extrem langsam. Da habe ich erst richtig verstanden, wie viele unterschiedliche Herangehensweisen an Techno es geben kann.“

Die erste unter dem Namen Matthew Dear veröffentlichte 12-Inch-Maxi trug bereits den vielsagenden Namen „Hands Up For Detroit“ und war eine Hommage an den so wirkungsmächtigen Technosound der Stadt. Doch die Produktionen des mittlerweile nach New York übergesiedelten Musikers wurden mit der Zeit immer songorientierter. Höhepunkt war 2007 das gefeierte Album „Asa Breed“, welches ihm das berühmte Cover des Songs „Don & Sherri“ durch Hot Chip einbrachte.

Das neue Album „Black City“ fällt, wie der Graphic-Novel-artige Titel bereits vermuten lässt, wieder eine Spur düsterer und verspielter aus. Mit „Little People“ hat Matthew dabei einen der absonderlichsten Clubhits des Jahres abgeliefert, denn eigentlich besteht das Stück aus drei Songs, die jedoch zu einem konsistenten Ganzen verwoben werden. Eine Herangehensweise, die man eher aus einem Genre wie dem Progrock kennt. Auf den Vergleich angesprochen, lacht Matthew: „Ich wollte den Track trotzdem als Maxi rausbringen und habe auf Teufel komm raus versucht, ein Edit davon anzufertigen. Aber es fiel mir unglaublich schwer. Na ja, jetzt müssen eben die Remixer ran.“ Auf der anderen Atlantikseite wurde auch schon um Remixe angefragt, und einer wird, so muss es in diesen Tagen vermutlich sein, von Superpitcher stammen.

Superpitchers “Kilimanjaro” erscheint am 3. September bei Kompakt/Rough Trade; “Black City” von Matthew Dear ist bereits bei Ghostly International/Al!ve erschienen.

Erstveröffentlichung des Artikels bei Intro.

  • MySpace
  • Facebook
  • Google
  • Live
  • del.icio.us
  • Technorati
  • Mixx
  • MisterWong.DE
  • Webnews.de
  • Yigg
  • Yahoo! Buzz
  • TwitThis
  • E-mail this story to a friend!
Thema-Icon Alben, Musik Kommentar-Icon Keine Kommentare