[Album+Video] Rummelsnuff – Himmelfahrt
2. Juni 2012
Rummelsnuffs Charakterdarstellung wirkte schon zu Zeiten seines Debütalbums beeindruckender als die aus durchschnittlichen Hollywood-Blockbustern. Der 1966 geborene Roger Baptist, wie Rummelsnuff bürgerlich heißt, arbeitet akribisch daran, zu vertuschen, ob und wie viel an seiner Erscheinung überhaupt inszeniert ist: In Mails verwendet Rummelsnuff stur seinen Künstlernamen und bemüht konsequent Seefahrer-Metaphern (»Ahoi! Dein Rummelkäptn«), in Interviews weicht er persönlichen Fragen aus. Mehr noch, gibt sich verwundert, welche Differenz es geben könne zwischen dem, was man sieht, und dem, was er sei. Als Folge handeln die Medien die immer gleichen Stichwörter ab: schwule Seefahrerromantik, EBM, Bodybuilding, Beruf: Türsteher. Das Persönlichkeitskontinuum Rummelsnuff/Baptist zieht seine Verwirrungstaktik auch jetzt verschmitzt durch. Mit »Der Schrauber« und dem (endlich mal ganz sicher) autobiografischen »Der Türsteher« frönt es erneut der eigenen Songgattung, einer Art EBM-Arbeiterlied. Immerhin: Die omnipräsente See macht hier und da Platz für neue Manneswelten wie dem Bollerwagen-Eldorado Männer-/Vatertag. Und spätestens, wenn Baptist das Rennen von Amundsen und Scott um den Südpol programmmusikalisch mit Hall und Windgeräuschen ausgestaltet oder Rammsteins »Seemann« zum Schifferklavier singt, schnurrt auf »Himmelfahrt« völlig ironiefrei der Sehnsuchtsmotor. Rummelsnuff hat seine kleine Nische in Popdeutschland gefunden. Schlecht daran: Da kommt wie in Rummelsnuffs Joballtag nicht jeder rein. Man muss schon richtig wollen. Gut daran: Einmal drin, beschützt einen ein Käpt’n. Egal, ob der ein Diplom hat oder nicht.
“Himmelfahrt” ist bereits bei Out Of Line/Rough Trade erschienen.
Erstveröffentlichung des Artikels bei Intro.
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