[Album] Lauter Bäumen – Mieser in den Miesen

Cover Lauter Bäumen

Es flirrt, es keucht, es will dir an die Gurgel: Lauter Bäumen sind angenehm rückwärtsgewandt und dringlich.

Mit der Doppel-7” »Ganz weit in weiß« sorgten Lauter Bäumen aus Köln vor knapp drei Jahren für ein klitzekleines Beben. Rezept damals wie heute: Ein tief in den Mittneunzigern verwurzeltes Songverständnis, angereichert mit einem zu hohen Puls, der geballten Faust kurz vor dem Schlag. »Mieser in den Miesen« ist etwas ruhiger, bewahrt aber die Leitplanken zum Glück bei: Schorsch Kamerun, Hamburger Schule, Slacker-Indie von der anderen Seite des großen Teichs. Das hätte schon 1997 auf einer »Komm küssen«-Compilation reüssieren können oder einem L’age D’or-Sampler. Als Reverenz heißt der Opener auch »Bessere Zeiten klingt gut« – Kann man so machen, auch wenn es der einzige Track ist, der irritierenderweise an Sportfreunde Stiller gemahnt. Hit bleibt Hit: »Teil deiner Liebe« war schon auf dem Release vor drei Jahren der An-die-Gurgel-Geher und hat auch Anfang 2017 das Zeug zum Lieblingslied. Mögen sie in der neuen, geilen Bewegung doch dem Albini-Hardcore frönen, Lauter Bäumen pflanzen der Kölner Indieszene ein neues Bäumchen. Bitte mit Gift und Liebe gießen.

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[Album] Christiane Rösinger – Lieder ohne Leiden

Cover Roesinger

Sechs Jahre nach ihrem Debüt präsentiert uns Christiane Rösinger »Lieder ohne Leiden«, die vor allem eines sind: Lieder vom Leiden.

Nach den »Songs of L. And Hate« gab’s C. Rösinger in Buchform, in Hörbuchzusammenhängen und als rauchenden Geist der Flittchenbar. Nun also wieder Musik. »Lieder ohne Leiden«, die Leidenslieder sind. Verzweiflungstexte über das Jetzt und Hier, so lakonisch echt, dass sie über die pure Beschreibung hinaus gehen und als vertonte Zustandsanalyse einer melancholischen und musikalischen Seele – so die Deskription des eigenen Spiegelbildes – ganz tief rein gehen. Daran trägt auch Andreas Spechtl Schuld, der das Album instrumentiert, aufgenommen und produziert hat. Der warme – man wagt es kaum zu schreiben –, fröhliche Klang verschränkt sich so wunderbar mit den Texten, die wie gewohnt kein Gramm Wortfett mit sich herumtragen. Den Hut gelupft für den Gentrificationstomper »Eigentumswohnung« ebenso wie für die prekäre und wunderschöne Hymne »Lob der stumpfen Arbeit«; »Lieder ohne Leiden« ist eine halbe Stunde Geschichtsschreiberei der Gegenwart. Gut aufbewahren, wenn euch eure Enkel irgendwann mal fragen: »Was habt ihr damals eigentlich gemacht?«

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[Album] Die Sterne – Mach’s besser: 25 Jahre Die Sterne

Die Sterne Cover

Relevanz is an Eight-Letter-Word. Zum 25. gibt’s für die Sterne fremde Interpretationen in eigener Sache.

Freunde, Weggefährten und Nachfolger verneigen sich tief vor dem lakonischen Riesen Frank Spilker und seinen Sternen. Deren Songs – man dachte es sich ja bereits – haben eine derart mächtige Substanz, dass sie auch bei den unterschiedlichsten Herangehensweisen einfach nur anders glänzend funkeln und nicht ermatten. Ausnahme: das irritierend müde »Irrlicht« von Isolation Berlin. Ansonsten klopft das Vierteljahrhundert deutscher Indie-Pop-Geschichte (so viel Pathos darf es ruhig mal sein) angenehm uneitel und mit merklich Herzblut ans Fenster: »Bis neun bist du o.k.« bringt Naked Lunch auf Deutsch (!) aufs Tapet, Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen verwandelt »Widerschein« in eine kämpferische Bläserbrigade und das bis auf die Knochen ausgezogene »Klebrig vermutlich« von Der Mann ist so sexy wie Spilkers Siebziger-Jahre-Schnurrbart. Als verlässliche Hitmaschine erweist sich Peter Licht, der »Universal Tellenwäscher« zu einem anrührenden Tränenzieher umdeutet. Raritäten und Remixes gibt’s obendrauf und mit Schleifchen drumherum gemahnt »Mach’s besser« daran, was war, ist und sein wird. Bestenfalls: Die Sterne.

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[Album] Der Ringer – Soft Kill

Der Ringer Cover

Irgendwo zwischen kosmischer Bedeutsamkeit und transparenten Fingerübungen haben Der Ringer sich selbst vergessen. Das ist schade, denn die Idee ist gut, nur die Band noch nicht bereit.

»Millionen süßer Zungen wollen mich verführen, doch ich gehöre nur mir allein« hieß es neulich erst beim gemeinsamen Song mit den Wahlverwandten Isolation Berlin. »Wer gab mir den Befehl, mich ständig um mich zu drehen? Ich will die Route selber wählen« lautet nun das Mantra auf dem Opener von »Soft Kill«, dem Rock-Anti-Rockalbum der Hamburger Band Der Ringer. Dem großen Thema selbstbestimmter Künstler vs. Die Welt gibt es schließlich immer etwas Neues hinzuzufügen, denn wenn auch der Mensch gleich bleibt, das Drumherum verschiebt sich. Bei »Soft Kill« zum Beispiel ins Digitale. Einem Umstand, dem die schwebenden Stücke Rechnung tragen, die Minuten der Stilverschmelzungen, des prog-rockigen Gestus, des wavigen Basses. Starke Momente sind das. Die im Kontrast stehen zur DNA-, Chromosom- und Laserschwert-Lyrik, den Verabredungen »im nächsten Level« und des überflüssigen Verfremdens des Gesangs. Das ist dann einfach zu viel der NDW-Deutlichkeit, des an der Moderne leidenden Rebellen in eigener Sache. So steht die Karikatur ratlos neben der guten Idee.

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[Live] Einstürzende Neubauten – Elbphilharmonie (21.1.)

Neubauten @Elbphilharmonie

Das Humor-Booking des Jahres in der frisch eröffneten Elbphilharmonie wurde ob der großen Kartennachfrage ohnehin schon von einem Abend auf zwei aufgestockt; weil jedoch immer noch viele leer ausgegangen sind (und so ein Livestream ja auch das eigene Image schön aufpoliert), überträgt die Elbphilharmonie auf ihrem Youtube-Channel den morgigen Auftritt der Einstürzenden Neubauten im teuersten Konzerthaus der Welt.

Für den Livestream am Samstag, den 21. Januar, ab 21 Uhr hier klicken:

Einstürzende Neubauten live in der Elbphilharmonie

Und wer’s dann eher klassisch-klassisch mag: Am Montag (23.1.) gibt’s das Konzert der Wiener Philharmoniker an gleicher Stelle ebenfalls im Livestream.

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[Album] A Winged Victory For The Sullen – Iris

A Winged Victory For The Sullen

Regisseur Jalil Lespart wünschte sich A Winged Victory For The Sullen als Komponisten für den Soundtrack seines neuen Films. Die Stücke sind stark genug, auch ohne Bilder zu bestehen.

Pro-Move: Einen Soundtrack immer anhören, bevor man den Film dazu sieht. So wird die Kraft der Musik nicht nur die Wucht der Bilder angereichert oder gar überlagert und bleibt der Fokus auf den Songs; In diesem Falle die mit einem 40-köpfigen Orchester im Magyar Radio in Budapest aufgenommenen Soundlandschaften von Adam Bryanbaum Wiltzie und Dustin O’Halloran, deren drittes Album gleichzeitig die musikalische Begleitung von Jalil Lesperts »Iris« ist. Immer wieder gefüttert von neuen Szenen des Streifens entstand der elektronische Hintergrund zu »Iris« im Gleichschritt mit den Filmaufnahmen. Mit modularen Synthesizern entworfen wurden die Stücke über Monate hinweg überarbeitet, bis hin zu den finalen Orchestersessions. Atmosphärisch dicht provozieren so die Tracks zu den noch nicht gesehenen Sequenzen eigene Bilder und Gefühle, die von Liebe und Verrat künden, Schmerz und Hoffnung. Immer mit leichter Hand an den Sümpfen des unangenehmen Pathos vorbei geführt, schwelgt und leidet »Iris« in unvertrauten Höhen und ehrfurchtgebietenden Tiefen.

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[Album] Sido – Das goldene Album

Sido Das goldene Album Cover

Wenn alles gesagt und getan ist, dann kann man sich ja auch wieder auf pure Klasse konzentrieren. Tut Sido dann auch. Brillantes Ding.

Ach, es hätte so schön sein können: Einen witzigen Bogen vom »Arschficksong« zum Sparkasse-Rap à la Cro spannen, Abgesang, Hohnparolen, gute Nacht. Rezensent zufrieden, einmal die Sau durchs Twitter-Dorf getrieben. Doch jetzt das: Sido verbrennt das ganze Gedöns und packt radikal Qualität aufs Tapet. »Hamdullah« belebt »A Friend« von KRS-One nach fast 20 Jahren neu, »Bljiad« ist eine grüne Wolke deluxe, selbst eine Außenseiterhymne wie »Ganz unten« nimmt man ihm 1:1 ab. Als Kontrast: »Männaz mit Vaginaz« ist ein freies, funkiges Stück, wie wir es aus der Endphase des Streets-Skinners (die Twitter-Songs-Phase) kennen. Knochentrocken ist der fast durchgängige Beat-Aggregatzustand, drohende Schwaden ziehen ab und an durch (»Striche zählen«) und bei all den Verlierergeschichten baut sich unweigerlich die Frage auf: Die soziale Frage jetzt ausgerechnet bei Sido und so gut gestellt auch noch? Are You Kiddin’ Me? Dem können wir uns dann ja mal widmen, wenn die unvermeidlichen Diskussionen über – das musikalisch überragende – »Geuner« abgeklungen sind.

»Das goldene Album« ist bereits bei Universal erschienen.

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[Show] DOPPELSECHS LIVE – Die Weihnachts-Gala

D6

Herausgeber Zeisler und Chefredakteur von Bültzingslöwen laden wieder zum vorweihnachtlichen Fußballtalk, der den Finger in die Wunde legt. Zum Beispiel die der illustren Gäste, die wie gewohnt eine Brücke vom HSV (geht’s gerade nicht so gut) über den FC St. Pauli (geht’s gerade nicht so gut) zur fußballaffinen Gesellschaft (geht’s gerade nicht so gut) schlagen. Wer Namen möchte, bekommt sie auch: Unter anderem werden Lotto King Karl (“Das Herz von St. Pauli”) und Mirko Slomka auf den semigemütlichen Sesseln auf der Knust-Bühne Platz nehmen.

Wann: Do, 15.12., 19.30 Uhr
Wo: Knust
Wieviel: 13,60 Euro

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[Album] Letherette – Last Night On The Planet

Letherette Cover

Sie wollen sich einfach nicht entscheiden: Letherette sind sowohl im House- als auch im HipHop-Sektor mit allen Wassern gewaschen. Sommeralbum mit Ganzjahrescatchyness der beiden Jungs aus Wolverhampton.

Die gute Laune wird nicht weniger bei Richard Roberts und Andrew Harber, den beiden Köpfen hinter Letherette. Seit 2009 mischen sie mit feiner Klinge am Laptop HipHop und House, 2012 unterschrieben sie beim Label Ninja Tune, das ja schon seit seiner Gründung im Jahr 1990 die große Axt an Genrebegrenzungen legt. Die beiden Musiker aus dem englischen Wolverhampton – übrigens auch der Heimat von Goldie und Bibio – verschränken dabei die süffige French-House-Ästhetik mit scheppernden Samples, zu denen Gastrapper Rejjie Snow und Pyramid Vitra ihren rauen Beitrag leisten. »Frugaloo« ist eingängiger Peak-Time-House, »Shanel« 80s-induzierter Electro-R’n’B aus dem Lehrbuch und »Momma« wäre auch für Underground-Rapfans problemlos anschlussfähig. Roberts und Harber könnten spielend leicht in jedem dieser Genres für sich genommen reüssieren. Möchten die Freunde seit Schultagen aber nicht. Das bunte Durcheinandergewürfel macht ja irgendwie auch viel mehr Spaß und hilft gegen den Herbst- und Winterblues besser als jede Sonnenlichtlampe.

»Last Night On The Planet« ist bereits bei Ninja Tune erschienen.

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[Konzert] Autechre – Kampnagel (20.11.)

Autechre [c] Warp Records

Neben Aphex Twin sind sie das Alltime-Aushängeschild von Warp Records: Autechre. Rob Brown und Sean Booth haben sich vom HipHop beeinflussen lassen, um über das Abstrakte in der Elektronik mittlerweile bei sonischem Output angelangt zu sein. Mehr Kurven als Kanten, um es kurz zu machen. Im Rahmen des “Greatest Hits”-Festivals sind sie auf Kampnagel zum ersten Mal seit sechs Jahren wieder in Hamburg live zu erleben. Support für die beiden Musiker aus Manchester kommt von Russel Haswell und Skam-Labelchef Andy Maddocks.

Wann: So, 20.11., 20 Uhr
Wo: Kampnagel
Wieviel: ab 22 Euro

Foto: Warp Records

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