Sea+Air, das klingt nicht einfach versehentlich wie: »Sie und Er«. Es sind sie und er, Eleni Zafiriadou und Daniel Benjamin. Der Schwabe und die Griechin sind in Love, verdammt viel unterwegs und machen fragilen wie virtuosen Singer/Songwriter-Indie. Hier ihre Lebensbeichte.
Der Wecker tickt. Bei vielen Bands ahnt man, dass es nicht für mehr als den einen guten Moment, für diesen einen guten Song reichen wird – was allerdings nicht immer heißt, sie hören dann auch auf. Bei anderen drückt die Konstellation allein schon auf die Halbwertszeit. Allen voran: Pärchenbands. Mit offenen Augen in die Wunden fassen, denn »Love Will Tear Us Apart«. Das wussten schon ABBA und Bro’Sis – und nichts hat es ihnen geholfen. Auch Sea+Air von der Schwäbischen Alb bewegen sich in diesem zeitbombigen Modus. Allerdings schon verdammt lange, gestartet wurde in einer gemeinsamen Punkrockband, damals noch als Singles. Nach dem Ende jener ergab sich vor zehn Jahren das Soloprojekt von Daniel, das seinen Namen trug. Eleni spielte mit, die Dynamik in Songwriting und Performance ging dabei über die Zeit immer mehr hin zum logischen Schluss: sie, er, Umbenennung. Daniel sagt: »Das hat absolut nichts mit ›Gleichberechtigung begins at home‹ zu tun. Daniel Benjamin war schon immer Sea+Air, wenn er gut war, und ein Soloprojekt, wenn er schlecht war.«
Dass der kühne Schnurrbartträger und die smarte Eleni sich vornehmlich auf der guten Seite der Macht bewegen, beweist neben dem zauberhaften Sea+Air-Debüt »My Heart’s Sick Chord« vor allem die Live-Umsetzung. Was an dieser Stelle nicht als scheintote Musikjourno-Floskel gelesen werden soll, nein, live spielt eine zentrale Rolle im Kosmos und Selbstverständnis der beiden. Sie kommen jährlich auf mehrere hundert Konzerte, viele davon nicht im engen deutschen Juze’n’Club-Korsett von A1 bis A7, sondern in ganz Europa. »Wir haben schon, seit wir Musik machen, nicht verstanden, warum deutsche Bands sich nie bemühen, im Ausland zu bestehen. Klar, misst man sich mit der internationalen Szene, kann man erst mal nur auf die Schnauze fliegen. Deshalb muss man aber gerade dorthin – und nicht auf den vom Goethe-Institut veranstalteten deutschen Abend auf internationalen Festivals«, sagt Daniel und sitzt für den nächsten Abschnitt der Live-Termine schon wieder auf gepackten Koffern. Es gilt, die neuen Stücke nach Skandinavien, Griechenland, Italien und Darmstadt zu bringen.
Aber Moment, eine Sache ist ja noch offen: Wie funktioniert das denn nun mit dem Pärchending? Kriegt die Beziehung nicht alles ab? Stress, Terror, Genervtheit? »Stimmt. Aber es schweißt auch zusammen, denn man arbeitet auf dasselbe Ziel hin. Außerdem schafft sich jeder seine Freiräume, selbst auf Tour«, sagt Eleni, und Daniel fügt hinzu: »Das funktioniert bei uns nur, weil Love ein Hauptthema der Band ist. Im Optimalfall erzeugt Stress Erfüllung, erzeugt Terror Liebe und Genervtheit auch einen Riesenspaß. All die Unsicherheit, ob das wirklich gut geht, bringt die Spannung in die Musik.«
Erstveröffentlichung des Artikels bei Intro.