[Album] Ellen Allien – LISm

ellen allienHatten wir von Intro nicht das so oft beschworene Siegel des »Inner Cinema« verboten? Die Vorstellung des »Kino im Kopf« ist allerdings von der lästigen Kritiker-Plattitüde zum echten Genre gewachsen. Gruselig, aber wahr. Auch Ellen Allien schickt dieses Szenario ihrem aktuellen Output voran. Nun ja, immer noch greifbarer als die nicht-metaphorische Story hinter dieser Platte: 2010 vertont Allien eine Tanzperformance, zwei Jahre später wird mit Ko-Produzenten das Material neu angefasst und zusammengesetzt. Alles richtig wiedergegeben? Ach, wen interessiert’s, geht ja hier ohnehin vornehmlich um Feelings statt Fakten. Diese aufgewertete Auftragsarbeit zieht ihren Reiz aus der elegischen Field-Recording-Anmutung. Knistern, Brutzeln, Langsamkeit. Spannungsgeladene Zeitlupenmusik mit hochakzentuierten Sounds. Dennoch wähnt man sich trotz der Gesamtheit von 44 Minuten Musik (es handelt sich dabei nur um einen einzigen Track) nicht wirklich in einem Guss. Es gibt kein wiederkehrendes Thema, Instrumente und Rhythmen blitzen auf, verweilen und sind nie wieder gesehen. Eine dadurch auch irgendwie zufällige Klangreise ohne feste Anhaltspunkte oder Wegbegleiter. Dennoch, die Spannung kann durchgehend gehalten werden, und es gibt immer wieder etwas Neues zu bestaunen. But don’t call it Kino im Kopf.

“LISm” ist bereits bei BPitch Control/Rough Trade erschienen.

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[Album+Stream] Jeans Team – Das ist Alkomerz

jeans teamVor etlichen Jahren irrte ich verkatert durch einen der wenigen beliebten Stadtteile Berlins, ich hatte Angst, mir war kalt. Es verschlug mich damals in eine riesige trashige Mall – sie hieß Gesundbrunnencenter. Vor einigen Jahrzehnten hörte ich die Solo-Single von Peter Behrens, dem traurigen Clown am Schlagzeug von Trio, sie hieß: »Sie kam Australien«, etwa zur selben Zeit entdeckte ich die ebenfalls wegweisende Band Die Abstürzenden Brieftauben – und während ich ängstlich und aufgeregt niedrigprozentige Prä-Mixgetränke (Marke: Criss) soff, hörte ich von ebenjenem Duo »Zwei Pullen Korn bringen dich wieder nach vorn«. Falls jemand diese kulturelle Disposition teilt, kann ich ihm bescheiden: Die neue Jeans-Team-Platte setzt dein albernes Lebenswerk kongenial fort. Songs, die man nicht mehr als Karnevalsstücke lesen muss, sondern die de facto welche sind. Die beiden Berliner Sextoys aus den Resten des »guten« Berlin-Mitte von einst haben sich lustvoll ins Aus gekegelt. Viele Styler, Hipster und Checker zeigen sich nämlich unangenehm berührt von »Hits« wie »Gesundbrunnencenter« und davon, wie jener zur Melodie des Fußballschlagers »Eviva España« arrangiert ist. Die Platte erzeugt entsetztes Kopfschütteln in einem Kernklientel, das sicher gern noch mal von so was wie »Das Zelt« abgeholt worden wäre. Ist aber eben nicht mehr. Und wo es wirklich funktionieren könnte (Karneval, Druckbetankung auf dem Schützenfest, bei Deichkind-Fans), da kommt es vermutlich nie an. Ein Schuss ins Knie, ein lauter Tusch und eine durchgedrehte Schlumpfstimme. Dieses Album musste man sich erst mal trauen!

“Das ist Alkomerz” ist bereits bei Staatsakt/Rough Trade erschienen.

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Das ganze Album kann man sich hier anhören.

 

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[Album] DMX – Undisputed

dmxDMX aus Baltimore spielte Anfang der Nuller noch Champions League im globalen HipHop-Zirkus. Selbst wenn er in Deutschland nie auf dem Level wahrgenommen wurde wie einige seiner Kollegen. Doch dann: Hallo Sendepause. Sechs Jahre! Das Platteninfo bietet als Erklärung »Drogen« und »Gesetzeskonflikt« an. Klingt gleichsam realistisch wie nach der typischen Gangsta-Pose. Und so geht es auch auf »Undisputed« weiter. DMX hat es immer noch so was von raus, also die Illusion des tough guy mit dem Finger am Abzug. Doch dem inszenierten Schrecken und seinem außergewöhnlichen Flow gibt das Album auch noch echte Oldschool-Momente drauf: Die Arrangements wirken auffällig funky, fast schon Jurassic Five. Und genau das steht DMX’ knallhartem Rostkehlchen gut. Große Gangsta-Muppet-Show.

“Undisputed” ist bereits bei Seven Arts Music erschienen.

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[Album+Video] Laing – Paradies Naiv

laingParadies Laing. Eine neue Band, die einem – wie alles immer – als total fresh verkauft werden soll. Alles klar, ich kotz’ dann später. Doch im kompletten Gegensatz zur sonstigen Fresh-Tristesse fällt hier bei den ersten Klängen, den ersten Stücken, den ersten Eindrücken sofort auf: Auf diesem Album läuft tatsächlich mal nicht Dienst nach Vorschrift. Und dann diese nicht mehr für möglich gehaltene Überraschung, dass eine Band 2013 noch an die NDW erinnern kann, ohne dass dieser Verweis scheintot oder routiniert klingen würde. So ist man versucht, an die katzigen Balladen von Ideal zu denken. Allerdings smoothen Nicola Rost und ihre Kolleginnen den Gesang immer auch bisschen ab – so, als wäre man doch eher bei Sade. Eine Reizüberflutung der guten Styles eben. Der wirklich einschneidende Unterschied zu dem regulären Radio-Pop-Nichts: Die Flut bleibt hier immer schön spartanisch. Das heißt, »Paradies Naiv« ist einfach nicht zugekleistert mit Sounds, Riffs, Tatütata. Alles hat hier Platz und Sinn – die drei bis vier Berlinerinnen können es sich leisten, jeder der vielen kleinen und großen Ideen in Pop ihren eigenen Auftritt zu gewähren. Sexy, spröde, genialisch, herzlich und subtil. Diese Platte ist ein Vergnügen.

“Paradies Naiv” ist bereits bei Island/Universal erschienen.

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[Album] Tegan And Sara – Heartthrob

teganWie jeder Mensch, der nur einen Funken Anstand besitzt, bin ich begeisterter Fan von dem Schwesternpaar Tegan And Sara. Wobei mich diese Begeisterung durch zuletzt zugegeben eher mediokre Alben schickte. Die Intensität ihrer Zerbrechlichkeits-Folk-Frühwerke war nicht mehr zu holen. Umso schlüssiger und großartiger der Move, nun mit »Heartthrob« ihrem anderen Lieblingsthema eine Platte zu schenken: cheesy herzlicher Dance-Pop. Klar, dass da distinktionsgegerbte Indie-Nilpferde wie Küllenberg von nebenan straucheln. Hier regieren Spaß und Naivität, hier wird aus der bitteren Pille eine köstliche saure Zunge. Die Beats, die Synthie-Sounds, die Hooklines – all das schert sich einen Dreck um die klassische Coolness, die sich manisch vom Mainstream abgrenzen muss, um sich so ihrer selbst zu versichern. Tegan And Sara im Hier und Jetzt hingegen umarmen das ganze pulsierende rosa Paket voll Rave-Signalen und David-Guetta-Püppchen. Doch gerade wegen dieser unprätentiösen Annäherung spürt man sofort eine Differenz zum entseelten Kommerz-Pop. Somit schafft dieses Album alles: Man kann den guten Spaß aus den Charts haben, und dahinter schlägt auch noch ein großes Herz. Love, Love!

“Heartthrob” ist bereits bei Warner erschienen.

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[Album] Leslie Clio – Gladys

leslieclioErster Gedanke: Geschichten aus der Gruft! Zweiter Gedanke: Quatsch, schon zu Lebzeiten wurde Amy Winehouse’ Motown-Pop abgerippt, bis das saudumme Formatradio mit seiner noch dümmeren Playlist kam. Auch Leslie Clios Debüt kann sich nicht freisprechen, auf den abgehangenen Retrosound-Hype des letzten Jahrzehnts abzuzielen. Dennoch wirkt das hinter all der fraglosen Berechnung nicht komplett leer und kalt, wie man es sonst so gewohnt ist. Man erschrickt fast, denn das hier ist konstant gut, stellenweise sogar mehr als das. Der Hit »Told You So« hat den Boden bereitet, jetzt kann mit dicker Hose das nächste Level beschritten werden. Es gibt nichts Richtiges im Falschen, aber immer wieder paar gute neue Künstler, paar gute neue Platten. Diese ist eine davon. Übrigens mehr als eine Hand im Spiel und im Feuer hat hierbei Nicholai Potthoff, seines Zeichens Musiker bei Tomte und Produzent von Muff Potter. Vielleicht ist das genau jener Crossover, der »Gladys« nicht nach Zielgruppenparanoia, sondern nach einem echten Menschen klingen lässt. Wow, echte Menschen in den Single-Charts … Jetzt habe ich wirklich alles gesehen!

“Gladys” ist bereits bei Vertigo/Universal erschienen.

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[Album] Unter Ferner Liefen – Infusion

unter ferner liefenAlso 2003 war das Eighties-Revival schon auf seinem absoluten Zenith. 2013 ist es dagegen um den unvermeidlichen 90er-Flashback schlechter bestellt. Wo einst »Sweet Dreams« zum x-ten Mal gecovert wurde, lassen außer Trash-Fans alle die Finger von zum Beispiel »Narcotic«. Dieser Mega-Hit der Band Liquido aus dem Höhepunkt der VIVA-Ära. Nun, da sie also offensichtlich nicht fristgerecht ausgebuddelt werden, müssen es sich zwei ältere Boys aus dem Liquido-Nachlass unter dem Namen Unter ferner Liefen halt selbst machen. Zusammen mit zwei weiteren Akteuren gibt es spröden Radio-Pop in seiner typisch deutschen Interpretation von Sentiment, Romantik und Technik. Die musikalischen Mittel variieren, die Qualität der Stücke auch. »Wir waren nur Komparsen ohne Scheinwerferlicht« … hier wird Befindlichkeit nicht vermieden, sondern gesucht. Bei aller nicht zu überblendenden Uncoolness besitzt diese Platte auch etwas sehr Ehrbares. Ich bin abwechselnd abgestoßen und gerührt.

“Infusion” ist bereits bei Brainzone/Rough Trade erschienen.

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[Neue Bands fürs Jetzt] Sea + Air

Sea+Air, das klingt nicht einfach versehentlich wie: »Sie und Er«. Es sind sie und er, Eleni Zafiriadou und Daniel Benjamin. Der Schwabe und die Griechin sind in Love, verdammt viel unterwegs und machen fragilen wie virtuosen Singer/Songwriter-Indie. Hier ihre Lebensbeichte.

Der Wecker tickt. Bei vielen Bands ahnt man, dass es nicht für mehr als den einen guten Moment, für diesen einen guten Song reichen wird – was allerdings nicht immer heißt, sie hören dann auch auf. Bei anderen drückt die Konstellation allein schon auf die Halbwertszeit. Allen voran: Pärchenbands. Mit offenen Augen in die Wunden fassen, denn »Love Will Tear Us Apart«. Das wussten schon ABBA und Bro’Sis – und nichts hat es ihnen geholfen. Auch Sea+Air von der Schwäbischen Alb bewegen sich in diesem zeitbombigen Modus. Allerdings schon verdammt lange, gestartet wurde in einer gemeinsamen Punkrockband, damals noch als Singles. Nach dem Ende jener ergab sich vor zehn Jahren das Soloprojekt von Daniel, das seinen Namen trug. Eleni spielte mit, die Dynamik in Songwriting und Performance ging dabei über die Zeit immer mehr hin zum logischen Schluss: sie, er, Umbenennung. Daniel sagt: »Das hat absolut nichts mit ›Gleichberechtigung begins at home‹ zu tun. Daniel Benjamin war schon immer Sea+Air, wenn er gut war, und ein Soloprojekt, wenn er schlecht war.«

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Dass der kühne Schnurrbartträger und die smarte Eleni sich vornehmlich auf der guten Seite der Macht bewegen, beweist neben dem zauberhaften Sea+Air-Debüt »My Heart’s Sick Chord« vor allem die Live-Umsetzung. Was an dieser Stelle nicht als scheintote Musikjourno-Floskel gelesen werden soll, nein, live spielt eine zentrale Rolle im Kosmos und Selbstverständnis der beiden. Sie kommen jährlich auf mehrere hundert Konzerte, viele davon nicht im engen deutschen Juze’n’Club-Korsett von A1 bis A7, sondern in ganz Europa. »Wir haben schon, seit wir Musik machen, nicht verstanden, warum deutsche Bands sich nie bemühen, im Ausland zu bestehen. Klar, misst man sich mit der internationalen Szene, kann man erst mal nur auf die Schnauze fliegen. Deshalb muss man aber gerade dorthin – und nicht auf den vom Goethe-Institut veranstalteten deutschen Abend auf internationalen Festivals«, sagt Daniel und sitzt für den nächsten Abschnitt der Live-Termine schon wieder auf gepackten Koffern. Es gilt, die neuen Stücke nach Skandinavien, Griechenland, Italien und Darmstadt zu bringen.

Aber Moment, eine Sache ist ja noch offen: Wie funktioniert das denn nun mit dem Pärchending? Kriegt die Beziehung nicht alles ab? Stress, Terror, Genervtheit? »Stimmt. Aber es schweißt auch zusammen, denn man arbeitet auf dasselbe Ziel hin. Außerdem schafft sich jeder seine Freiräume, selbst auf Tour«, sagt Eleni, und Daniel fügt hinzu: »Das funktioniert bei uns nur, weil Love ein Hauptthema der Band ist. Im Optimalfall erzeugt Stress Erfüllung, erzeugt Terror Liebe und Genervtheit auch einen Riesenspaß. All die Unsicherheit, ob das wirklich gut geht, bringt die Spannung in die Musik.«

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[Album] Delphic – Collections

DelphicVor knapp zwei Jahren haute Intro eine Newcomerband aufs Cover, das Debüt von Delphic hatte in seiner extremen Geschmeidigkeit und mit galanter Elektrizität dem Indie-Nerd die Tanzfläche zu Füßen gelegt. Beim Melt! Festival 2010 platzte die Gemini-Stage aus allen Nähten, als Delphic rollten. Doch danach passierte … nicht mehr viel. Delphic legten nicht sofort nach, und die vom Hype verdorbene Amnesie-Popkultur verlor sie aus den Augen. Jetzt fühlt es sich daher schon fast an, als würde man einem Comeback beiwohnen, dabei ist »Collections« nur die zweite Platte. Nur? Von wegen. Zweite Platten sind gemeinhin nicht leicht. Delphic lösen das Dilemma von Erwartung und Übersättigung allerdings glänzend. Sie haben einfach neue Hypnose-Richtlinien aufgestellt. Faszinierte auf dem Debüt noch das artifizielle Moment in den sich hochschaukelnden Songs, wird man jetzt durch extreme, analog instrumentierte Versiertheit in Trance gespielt. Auf »Baiya« gibt es sogar Ofra-Haza-Gedächtnis-Passagen. Das hier ist weiße Musik zum Tanzen – und mit Tanzen meine ich Ficken.

“Collections” ist bereits bei Chimeric/Coop erschienen.

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[Album] Tocotronic – Wie wir leben wollen

tocotronicJa, mein Kind. Tocotronic werden nunmehr der Jahre 20 alt. Dieser Moment der Erweckung, den die Band sich und ihren Fans 1993 schenkte, hat sich ausgedehnt. Von der reinen Situation zum stabilen Zustand. Aus der Explosion wurde Gold. Im reinsten Sinne des Metalls, erreichte doch die letzte Platte, »Schall und Wahn«, sogar erstmals Platz eins der hiesigen Verkaufscharts. Wo andere Bands ihr kleines Fan- und Berechtigungsglück mit Redundanz demütig verteidigen, liegt der Fall bei den vier Post-Hamburger Enten ganz anders. Tocotronic war und ist die schunkelige Liebe ihrer Anhänger nicht geheuer – im Gegensatz zu den heutigen Trost- und Verständnisarbeitern des Deutschpop lag ihr Ziel nie im Schulterschluss, auch wenn man sich noch so abgeholt und eingeladen fühlen mag. Diese Distanz ehrt die Band und ist in Kombination mit dem Lowtzow’schen Genie und der sympathischen Organik des Arne/Rick/Jan-Torsos sicher auch der Grund dafür, warum eine neue »Toco«-Platte auch im zwanzigsten Jahr noch so ein Ereignis darstellt. Obwohl streng genommen das Ereignis vor allem eine Entwicklung ist. Aus der Unmittelbarkeit des Beginns wurde die Pracht, aus Punk wurde Feierlichkeit, und aus dem von der Band heute besonders verhassten »authentischen« Ansatz wurde ein künstlerischer. (Wobei im jüngsten Interview mit der FAZ die Band bereits ihre eigene Geschichte umdeutet, man hätte schon damals das alles nicht so »echt« gemeint, Faulheit und kaputtes Mikro hätten das alles nur aus Versehen produziert. Aber klar, Jungs!) Mit den 17 Stücken auf »Wie wir leben wollen« schreitet die Entwicklung nun voran: Die Acht-Spur-Soundästhetik ist wie geleckt (beziehungsweise eben nicht) und vermutlich Moses Schneiders Opus magnum. Aber liebe stets geschmähte, nerdige, schulterschlusswillige Toco-Fans, ganz ehrlich, was interessiert uns Sound? Wenn die Band uns schon auf Distanz lieben will, dann wenigstens her mit guten Songs. Und da fällt auf, dass trotz eben 17 Stücken erstmalig der all die Opulenz relativierende Hit-and-Run-Polterer fehlt. So was wie »Stürmt das Schloss«, »Sag alles ab«. Konsequent, nur eine Absage mehr an die stets rationierte Griffigkeit. New-Toco-Romantic-Stücke wie »Pfad der Dämmerung« erregen aber immer noch genug Aufsehen und Begeisterung. Nur wenn die Entwicklung weiter der von Phantom Ghost (dem Von-Lowtzow-Seitenprojekt) nachgeht und Das-Theater-lobende-Songs wie »Ich bin ein Neutrum von Bedeutung« bald Standard sind, dann verzweifeln wir scheißblöden Normalo-Fans langsam aber wirklich. Tocotronic! Wir sind bildbar und höflich – aber wollen halt auch unser Recht. Auch wenn Ihnen jenes seit jeher immer schon anrüchig war. Fan kommt von Fanatiker, das wissen Sie selbst, also lassen Sie uns zu all Ihrer Pracht doch einfach auch geschehen.

“Wie wir leben wollen” ist bereits bei Rockotronic/Vertigo erschienen.

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