[Album] New Build – Yesterday Was Lived And Lost

Bei Hot Chip brennt die Hütte: Nach Alben von About Group und The 2 Bears folgt mit New Build das nächste Seitenprojekt der lustigen Londoner Nerdtruppe. Das Projekt setzt sich aus den Hot-Chip-Fricklern Al Doyle und Felix Martin sowie dem Produzenten Tom Hopkins zusammen. Ersterer ist auch für Texte und Gesang zuständig, was ein wenig verwundert, da er bei Hot Chip bisher eher durch Soundarrangements denn durch Songwriting aufgefallen ist. Doch es funktioniert: Doyles Stimme wirkt durch die dezent eingesetzten Tonhöhen-Korrektursysteme zwar ein bisschen entrückt, doch die Songs leben ohnehin mehr von dem guten Songwriting. Die Vorliebe für Bands wie The Soft Machine, Roxy Music oder auch die frühen Genesis wird zum Teil mit den Mitteln elektronischer Musik ausgelebt. Es gibt also bis obenhin vollgepackte Songs, abstrakte Synthesizer-Spielereien und ab und an auch jaulende Gitarren. Und nichts davon nervt. Denn zwischendurch schälen sich auch gänzlich simple Electropop-Perlen wie die unverschämt eingängige Vorabsingle »Do You Not Feel Loved?« heraus, die vielleicht jetzt schon zu den besten Genresongs des Jahres gehört.

“Yesterday Was Lived And Lost” ist bereits bei Lanark/Pias erschienen.

Erstveröffentlichung des Artikels bei Intro.

Thema-Icon Alben, Musik Kommentar-Icon Keine Kommentare

[Album+Stream] Saschienne – Unknown

Aus zwei wird eins für die Liebe. So ähnlich hieß schon ein alter Klassiker (»2:1 für die Liebe«) des Berliner Technoproduzenten und DJs Sascha Funke, den der eine oder andere auch aus dem Kino kennt. Nun macht der Berliner mit seiner Lebensgefährtin Julienne Dessagne ernst und veröffentlicht unter dem Projektnamen Saschienne das erste gemeinsame Album auf dem Kölner Label Kompakt. Auf dem Cover verschmelzen die Gesichter der beiden zu einem, der Autorentechno wird also zum Liebespaartechno, der vor allem von der melancholischen Stimme Julienne Dessagnes lebt, die den gewohnt spartanisch instrumentierten Tracks die gewisse Songstruktur verleiht. Die Songaffinität ist wenig überraschend, denn Funke war immer schon ein Popperschwein (positiv gemeint). Am besten funktioniert dieses Zusammenspiel in dem elegisch dahermarschierenden Duett »Grand Cru« und dem finalen Zehn-Minuten-Epos »Neue Acht«. Den einen oder anderen Hänger gibt es auch, aber insgesamt bleibt ein Album, das weit mehr kann als die müden Frühstücksspielereien anderer Berliner Techno-Romanzen, die zum Beispiel auf Stil Vor Talent veröffentlicht werden.

“Unknown” ist bereits bei Kompakt/Rough Trade erschienen.

Erstveröffentlichung des Artikels bei Intro.

Saschienne’s Groove Podcast 06 by Kompakt

Thema-Icon Alben, Musik Kommentar-Icon Keine Kommentare

[Album] Krazy Baldhead – The Noise In The Sky

Man fürchte sich nicht. Noise spielt zwar, wie der Albumtitel insinuiert, durchaus eine Rolle, mit dem Leuchtstäbchenalarm, den man von Ed Banger lange Zeit gewohnt war, hat das zweite Album von Krazy Baldhead aber nur wenig gemein. »The Noise In The Sky« ist ein Album, das sich eher in der Tradition britischer Bassmusik als von französischem Filterhouse bewegt und seine kontemplativen Momente hat. Die Tracks setzen auf verschleppte Beats, gedrosseltes Tempo und interplanetarische Synthesizer-Harmonien, die immer wieder durch plötzlich hereinbrechende Feedback-Orgien konterkariert werden. Allzu gemütlich wird es also nicht, zumal es zwischendurch auch den einen oder anderen funkigen Ausreißer gibt, wie beispielsweise das Stück »Miles High«, das mit seinem hypnotischen Bass offenbar als Hommage an Miles Davis gedacht ist. Nach Mickey Moonlight das nächste interessante Album aus dem Hause Ed Banger innerhalb kürzester Zeit. Neue Töne klingen gut.

Thema-Icon Alben, Musik Kommentar-Icon Keine Kommentare

[Album] Here Is Why – HRSY

Mit seinem Kumpel Filburt veröffentlicht der Leipziger Junge, der sich Good Guy Mikesh nennt und im wahren Leben Michael Schiedt heißt, seit ein paar Jahren konstant gute Housetracks auf Labels wie Permanent Vacation oder Mirau. Nun also der Weg vom DJ-Booth auf die Konzertbühnen dieser Welt, denn seine neue Band Here Is Why, die von drei Mitgliedern der Garagepunk-Band The Plectrons komplettiert wird, widmet sich den dunklen Seiten des elektronisch generierten Popsongs. Düstere Zeiten brauchen dunkle Musik, und in diesen Tagen ist bekanntlich alles wolkenverhangen, gotisch und manisch schwer depressiv. So tragen auch die Songs dieses Debütalbums wenig aufmunternde Titel wie »Terribly Mine« oder »Waiting For The Sun«. Das Quartett hat ein Händchen für gute Melodien, atmosphärische Dichte und analog knarzende Sounds, die manchmal vielleicht etwas zu sehr Visage, Human League und Joy Division schreien. Interessant wird es vor allem in der zweiten Hälfte, wenn die kosmisch-verspulten Seiten der Band zum Tragen kommen, wie in dem Autotune-Epos »Room 3141« oder dem großartigen Rauswerfer »Yellow Lights«.

“HRSY” ist bereits bei Riotvan/Groove Attack erschienen.

Erstveröffentlichung des Artikels bei Intro.

Here Is Why – Waiting For The Sun (Snippet) by RIOTVAN

Thema-Icon Alben, Musik Kommentar-Icon Keine Kommentare

[Album] Lindstrøm – Six Cups Of Rebel

23066518Nach dem Electrofunk mit Sängerin Christabelle und der Krautrock-Improvisation mit seinem Buddy Prins Thomas ist der Maestro der Spacedisco jetzt wieder solo unterwegs. Mittlerweile scheint sich der Norweger als etwas eigenwilliger Produzent zwischen allen Stühlen ganz gut eingerichtet zu haben. Er weiß auf »Six Cups Of Rebel« die Kirchenorgel zu rehabilitieren, das echte Schlagzeug löst immer wieder den Drumcomputer ab, und zwischendurch kreischen auch die Gitarren. Alles also der gewohnte Albtraum für den Four-to-the-floor-Puristen, denn ein gewisses Faible für Prog und Pomp sollte man schon mitbringen. Und doch schielt das Album etwas mehr auf den Tanzboden als der bekifftere Vorgänger »Where You Go I Go Too«. Was vor allem daran liegt, dass Lindstrøm in jüngster Zeit gerne mal die Acidkeule rausholt, das Stück »Hina« zitiert sogar den alten Ron-Hardy-Klassiker »Sensation«. Und wenn der Osloer über knarzende Discobässe »All I want is a quiet place to live« singt, beweist er auch noch eine gute Portion Humor.

“Six Cups Of Rebel” ist bereits bei Smalltown Supersound/Soulfood erschienen.

Erstveröffentlichung des Artikels bei Intro.

Thema-Icon Alben, Musik Kommentar-Icon Keine Kommentare

[Album] Andy Vaz – Straight Vacationing

23065619“I just got to put a little Detroit in me”, murmelt eine junge Dame gleich zu Beginn und macht klar, wohin die Reise gehen wird – an den Sehnsuchtsort aller House-Aficionados. Sich ein bisschen Detroit rein zu tun ist bekanntlich immer gut für die Seele, denn die vom Aussterben bedrohte Stadt am Michigansee steht gewissermaßen synonym für große Emotionen in der elektronischen Tanzmusik. Der Kölner Produzent und Labelbetreiber Andy Vaz gehört zu den wenigen Musikern hierzulande, die es schaffen, ihrer Liebe zur Motorcity mittels einer eigenen Sprache Ausdruck zu verleihen, ohne die Black Music “silly” klingen zu lassen, um mal den guten Moodymann zu zitieren. Auf “Straight Vacationing” rotiert mehr denn je die Glitzerkugel. Ein Dancefloorfiller wie “Just Another Round” lässt mit seiner markanten Bassline so ziemlich jeden aktuellen Discoedit alt aussehen, ohne sich an die allgemeine Retromanie anzubiedern. Im Gegenteil, die Samples werden wohldosiert eingesetzt, die TR 303 zwitschert fröhlich, aber nie effekthascherisch vor sich hin, die handgespielt klingenden Bässe bilden immer eine Hookline. Und ein Stück wie “A Dope Jam«” in dem erst nach anderthalb Minuten die Bassdrum richtig reinkickt und für Euphorieschübe sorgt, ist der Beweis, dass House im Idealfall einfach zeitlose Musik sein kann.

“Straight Vacationing” ist bereits bei Yore/Word And Sound erschienen.

Erstveröffentlichung des Artikels bei Intro.

Thema-Icon Alben, Musik Kommentar-Icon Keine Kommentare

[Album] Matthew Herbert – One Pig

herbertFür den letzten Teil seiner “One”-Trilogie fertigt Matthew Herbert ein Schwein ab und macht daraus Geräuschkunst. Der Brite hat das Tier von der Geburt bis zum Verzehr begleitet und alles mit Feldaufnahmen aus Stall, Schlachthof und Küche dokumentiert. Man hört also teilweise sehr industrielle Musik, metallisches Scheppern, Schweinequieken, gewetzte Messer. Am Ende wird mit der Haut des toten Tiers sogar noch eine Trommel bespannt, die natürlich auch zum Einsatz kommen muss. Das klingt alles ziemlich unappetitlich und soll es vermutlich auch sein. Denn jeder Klang ist bei Herbert auch politisch, schon 2005 hatte der Brite mit “Plat Du Jour” ein Album abgeliefert, das ausdrücklich die Praktiken der Nahrungsmittel- und Fleischindustrie kritisierte. Auf sein eigenes Steak verzichten mag er dagegen nicht, denn entgegen anders lautenden Vermutungen ist Herbert kein Vegetarier, wie er in seinem Blog angibt. Was vielleicht die erste zu ergreifende Maßnahme wäre, wenn man sich so intensiv der Tierthematik widmet. Jedenfalls erreicht dieses Album, dass man am Ende mit einem Gefühl von Ekel zurückbleibt.

“One Pig” ist bereits bei Accidental/Rough Trade erschienen.

Erstvveröffentlichung des Artikels bei Intro.

Thema-Icon Alben, Musik Kommentar-Icon Keine Kommentare

[Album] Modeselektor – Monkeytown

modeselektorModeselektor haben sich im Laufe der Jahre zu einem der Exportschlager aus Europas Technohauptstadt entwickelt und stecken mittlerweile auch die großen Festivalbühnen von Lollapalooza bis SXSW in Brand. Im Zuge ihrer USA-Tour wurden sie von den lokalen Medien kürzlich als “Berlin’s Techno Provocateurs” gefeiert. Dabei provozieren Gernot und Szary gar nicht wirklich, sondern denken im Grunde nur in gewohnter Manier das britische Hardcore-Kontinuum mit den Mitteln von HipHop, Electro und allem, was man sonst so gerade interessant findet, weiter. Mit strammen teutonischen Beats hat die Musik von Modeselektor naturgemäß wenig zu tun. “Monkeytown” ist ein Allstar-Album geworden, das diesem Namen auch gerecht wird, denn für die Gästeliste würde wohl jeder halbwegs klar denkende Produzent töten. Der im Dunstkreis von Modeselektor schon öfter gesichtete Thom Yorke wurde für zwei Songs herangekarrt, es gibt einen catchy R’n'B-Track mit Miss Platnum, der die aktuellen Genrediven vor Neid erblassen lassen dürfte, und das Antipop Consortium und der ewig unterschätzte Otto von Schirach steuern noch die nötige Portion Wahnsinn bei. So konsequent wurde in der elektronischen Tanzmusik schon lange nicht mehr dick aufgetragen.

“Monkeytown” ist bereits bei Monkeytown/Rough Trade erschienen.

Erstveröffentlichung des Artikels bei Intro.

Thema-Icon Alben, Musik Kommentar-Icon Keine Kommentare

[Album+Video] Ralph Myerz – Outrun

myerzErlend Sellevold a.k.a. Ralph Myerz stammt, wie manch anderer ganz guter Künstler, aus Bergen in Norwegen und hatte vor ein paar Jahren mit der Downtempo-Meditation “Nikita” einen ziemlichen Hit. Sein neues Album “Outrun” hat der norwegische Discoproduzent nun in Kalifornien aufgenommen, wo er auch mit Snoop Dogg und anderen Vertretern aus dem big business zusammengetroffen ist. Dass man sich von Bergen aus auf in den Sonnenstaat macht, ist wenig verwunderlich, denn die Stadt gilt als eine der regenreichsten in ganz Europa, und besonders warm ist es auch nicht. Trotzdem sind einige der besten Discoplatten der letzten Jahre ausgerechnet im kalten Norwegen entstanden. Im direkten Vergleich zu den Produktionen der Osloer Posse um Lindstrøm, Prins Thomas und Todd Terje wirken die Stücke von Myerz jedoch immer eine Spur zu glatt gebügelt. Auch auf die Gefahr hin, geschmäcklerisch daherzukommen, aber vor allem die erste Hälfte von “Outrun” schmeckt mir ein bisschen zu stark nach Piña Colada, und die ganzen Sommer-Sonne-Strand-Samples nerven auf Dauer arg. Vermutlich hat er aber erreicht, was er erreichen wollte, und landet demnächst in der Playlist von David Guetta.

“Outrun” ist bereits bei Klik/Rough Trade erschienen.

Erstveröffentlichung des Artikels bei Intro.

YouTube Preview Image

Thema-Icon Alben, Musik, Musikvideo Kommentar-Icon Keine Kommentare

[Album] Dillon – This Silence Kills

23065162Es passiert nicht mehr allzu häufig, dass sich hoffnungsvoll agierende Musiker dem medialen Interesse verweigern, anstatt das zarte Publicity-Pflänzchen sofort mit Alben und Tourneen zu begießen. Die Folgen könnten verheerend sein in einer Zeit, in der Woche für Woche ein anderes kulturelles Heute bejubelt wird. Die Zeit, als Dillon (früher: Ladybird) nach Vorstellung der Medien das nächste große Indie-Ding werden sollte, ist so Ewigkeiten her – 2008. Damals bekam Dillon nicht nur reißerische Artikel bei uns, sondern auch im Feuilleton. Inklusive eigener Bilderstrecke beim Klickmagneten Spiegel Online. Erst jetzt erscheint ihr Debüt. Gründe dafür hört man reichlich, einer dafür scheint zu sein, dass es auf dem Weg der Fertigstellung Label-Zerwürfnisse gegeben haben soll. Das von Thies Mynther (Phantom/Ghost) und Tamer Fahri Özgönenc (MIT) produzierte 12-Song-Album vereint nun alte (“Tip Tapping”) und neue Stücke der gebürtigen Brasilianerin, die längst in Berlin wohnt. Ihre stilistische Ausnahmestellung, zumindest in Deutschland, hält Dillon trotz Verspätung: Wenn das hier überhaupt noch Independent-Musik und nicht schon Liedkunst ist, dann vielleicht am ehesten Indie-Operette. Beschwingt und doch lakonisch, melodiös und gleichzeitig zäh wirken die Stücke, die zum Teil auch von Joanna Newsom am Klavier stammen könnten. Dass es von Pathos zu Manieriertheit manchmal nur ein kurzer Weg ist, lässt sich nicht ändern. Aber es gibt sehr viel Schlimmeres: Zum Beispiel, wie 90 Prozent der restlichen Bands irgendwo im Indie-Gitarrenschrott-Fluchtpunkt zu verschwinden.

“This Silence Kills” erscheint am 30. Oktober bei BPitch Control/Rough Trade.

Erstveröffentlichung des Artikels bei Intro.

Thema-Icon Alben, Musik Kommentar-Icon Keine Kommentare