[Album] Errors - Have Some Faith In Magic

errorsPostrock ist nun nicht gerade das aufregendste aller Genres, selbst eine eigentlich ganz patente Band wie Explosions In The Sky ist am besten aufgehoben, wenn sie in der TV-Serie „Friday Night Lights“ knapp über der Wahrnehmungsgrenze mitschrummt. Errors haben den soundtrackartigen Fluss ebenfalls ganz gut drauf, teils aus elektronischem (Kraut-)Pop, teils aus instrumentaler Stromgitarrenmusik, die allerdings auf ihrem dritten Album stark an Boden verliert. Dabei wirkt etwa die Schlussminute des Tracks „Magna Encarta“ wie ein Argument gegen die Vernachlässigung des Krachs: Das Schlagzeug legt eine Schippe drauf, eine Hardrockgitarre kreissägt rechtschaffenen Lärm, während im Hintergrund der Synthesizer leise und trotzig in der immergleichen Schleife hängt: die Ruhe im Auge des Sturms. Wie ihre Förderer Mogwai wissen Errors um die Schönheit im Brachialen, und nutzen sie, je nach Geschmack, weise oder eine Spur zu sparsam. Wo die Glasgower Band auf Präzision und Zurückhaltung pfeift, wird es spannend – und ein gutes Album für einen Moment zu einem sehr guten.

“Have Some Faith In Magic” erscheint am 17. Februar bei Rock Action/PIAS/Rough Trade.

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[Album] Enter Shikari - A Flash Flood Of Colour

enter-shikari„Calm the fuck down!” heißt es plötzlich mitten in der Single-Auskopplung „Gandhi Mate, Gandhi” von Seiten der Bandkollegen, nachdem sich Rou Reynolds in eine Atari-Teenage-Riot-mäßige Schimpfkanonade hineingebrüllt hat. Der denkt ja gar nicht dran. Dann stürzt sich der Song nämlich erst richtig in die irre Mischung aus Kirmestechno, Screamo und Schweinerock, die Enter Shikaris Markenzeichen ist. Sonst traut sich ja niemand. Im Grunde ist die Verquickung ganz sinnvoll: Alles, was laut ist (und Eltern zu Tode nervt) in einen Topf geworfen. Über die Jahre haben die vier Freunde aus England allerdings ein bisschen was über Songwriting gelernt, was „A Flash Flood Of Colour” zum bislang besten Album der Band macht. Eine ordentliche Packung gibt’s trotzdem. Die Kopfnuss gibt es halt von jemandem, der was in der Birne hat.

„A Flash Flood Of Colour” ist bereits bei Ambush Reality/PIAS erschienen.

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[Album] Amy Winehouse - Lioness: Hidden Treasures

amyIst das nun Leichenfledderei, Fanservice oder wirklich ein liebevolles Tribut an eine der größten Soulstimmen seit goldenen Motown-Zeiten? Es ist ein bisschen müßig, darüber überhaupt zu diskutieren - dass die Studioarchive nach dem Tod von Amy Winehouse auf der Suche nach unveröffentlichten Aufnahmen auf links gedreht würden, war schließlich unvermeidbar. Zusammengestellt von ihren Produzenten Salaam Remi und Mark Ronson und von letzterem beflissen kommentiert, ist „Lioness” nicht die befürchtete Resterampe, aber dennoch weit entfernt von einem modernen Klassiker. Winehouse strahlt vor allem bei eigentlich gut abgehangenen Stücken: Carole Kings „Will You Still Love Me Tomorrow?” oder „The Girl From Ipanema”, der Rest ist ein eher unverlangt eingeschicktes Geschenk an die Menschheit. Wer sich erinnern will, hört besser „Back To Black”.

“Lioness: Hidden Treasures” ist bereits bei Island/Universal erschienen.

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[Album] Guided By Voices - Let’s Go Eat The Factory

gbvEigentlich sollten dem Release von „Let’s Go Eat The Factory” einige Festivalauftritte des „klassischen” Mittneunziger-Line-ups von Guided By Voices folgen, aber die sind mittlerweile wohl hinfällig. Hat sich die frisch wiedervereinigte Band nun wieder aufgelöst oder nicht? Auch egal. GBV haben einen Indierock-Katalog hinterlassen, der für niemanden bis ins Detail zu durchsteigen ist, und Bandkopf Robert Pollard nimmt ohnehin mit einer Frequenz und Beiläufigkeit Alben auf, mit der andere einkaufen gehen. Das Wiedersehen auf „Let’s Go Eat The Factory” ist dennoch ganz erfreulich: Gitarrenriffs, zu denen man die Luft kicken will, abstruse Texte, simple, aber eingängige Melodien. Kein Vergleich zu Lo-Fi-Großtaten wie „Under The Bushes, Under The Stars” oder „Alien Lanes”, aber von bemerkenswerter, seltener Lässigkeit.

„Let’s Go Eat The Factory” ist bereits bei Fire Records/Cargo erschienen.

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[Album+Track] The Big Pink - Future This

the-big-pinkWie derzeit vermutlich nur Anthony Gonzales mit seinem Elektronikprojekt M83 schaffen es The Big Pink unverhohlen euphorische Popsongs mit einem sehnsuchtsvollen Subtext zu unterlegen. Robbie Furze und Milo Cordell vermischen wie bereits auf dem Debüt „A Brief History Of Love” Shoegazer-Atmosphärik mit pulsierendem Synthiepop, wobei „Future This” noch eine Spur präziser auf den Punkt ist. Ein Interesse an HipHop, das auf dem Debüt nicht ganz so sichtbar war, lässt sich aus den Stücken lesen (über deren Loops und Schlaufen allerdings dennoch niemand rappt). „Future This” ist eine rhythmusbetonte Platte geworden, die sich allerdings hin und wieder ganz der Melodie ergibt. Wenn beide gleichberechtigt sind, passiert Grandioses: Die knapp neun Minuten des Eröffnungsdoppelschlags „Stay Gold” und „Hit The Ground (Superman)” sind jedenfalls der erste Höhepunkt des jungen Musikjahres 2012.

“Future This” ist bereits bei 4AD/Beggars/Indigo erschienen.

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[Album] She & Him - A Very She & Him Christmas

she-and-himZooey Deschanel und M. Ward singen für Sie die schönsten Weihnachtslieder. Was bei anderen Bands albern wirkt, passt bei dieser Band ganz gut: Der freundliche Retropop der beiden legte ohnehin nahe, dass das Duo Plätzchenduft und Kunstschneedeko etwas abgewinnen kann. Und so ist „A Very She & Him Christmas” eine ganz schön konservative Festtagsplatte geworden, die Evergreens wie „Have Yourself a Merry Little Christmas” oder „Baby, It’s Cold Outside” keine neuen Bedeutungsebenen abtrotzt. Wie und warum auch? Wer die Festtage mit „Ist das Leben nicht schön?” und diversen Muppets-Holiday-Specials verbringt (seine Weihnachtsstimmung also am liebsten US-amerikanisch mag), kann zwischen Sinatra und Dean Martin auch mal diese Platte auflegen. Fällt kaum auf.

“A Very She & Him Christmas” ist bereits bei Domino erschienen.

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[Album] The Beach Boys - The Smile Sessions

the-beach-boys„Smile” ist eines der wichtigsten Alben der Popgeschichte, auch wenn es bis vor kurzem kaum jemand „richtig” gehört hatte. Unzufrieden und psychisch ausgelaugt verbannte Brian Wilson die Aufnahmen 1967 ins Archiv, von wo sie nur nach und nach das Licht der Welt erblickten. Der Nachfolger des epochalen Beach-Boys-Albums „Pet Sounds” war noch ambitionierter, noch mühsamer. Noch besser? „The Smile Sessions” kann die Frage nicht abschließend beantworten; wo die Arbeit abbrach, muss man sich mit Flickschusterei behelfen. Erstmals erscheinen allerdings die großen Songs wie „Heroes & Villains” oder „Good Vibrations” (das hier als eine Art Coda fungiert) in dem Kontext, der ursprünglich für sie gedacht war. Um ein wenig Blasphemie zu betreiben: Bigger than the Beatles.

“The Smile Sessions” ist bereits bei Capitol/EMI erschienen.

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[Album] Coldplay - Mylo Xyloto

51uaql4pa4l_sl500_aa300_Man kann Brian Eno und Rihanna auf seinem Album haben, einer der größten Rockstars der Welt sein und darüber singen, wie man bei seinem Lieblingssong weint: “Mylo Xyloto” steht stolz zu seinen Widersprüchen. Neben den übergeschnapptesten, brillantesten Popnummern, die Coldplay überhaupt im Repertoire haben, sind bewusst kleine Lieder in die erstaunliche Dramaturgie der Platte integriert. Coldplay verleihen ihren Alben unverwechselbare Identitäten, und sei es nur, weil jede Songsammlung einen Schritt von der vorangegangenen entfernt ist. Das mag bei “Viva La Vida” einer seitwärts gewesen sein, “Mylo Xyloto” geht nach vorne. Coldplay haben die Scham des Indie-Acts, der Stadien füllt, abgelegt und fühlen sich in die große Popnummer ein: Wenn man sowieso schon einmal da ist, kann man es auch gut machen. Man hört Arbeit und Zweifel in den Aufnahmen. Und dass Coldplays beste Musik vielleicht noch nicht geschrieben ist: Eine Band, die sich auf ihren Lorbeeren ausruht, schreibt nun einmal kein Science-Fiction-Graffiti-Konzeptalbum.

“Mylo Xyloto” ist bereits bei EMI erschienen.

Erstveröffentlichung des Artikels bei Intro.

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[Album+Track] Veronica Falls - Veronica Falls

veronica-fallsDie Kunst beim Klauen, zumindest wenn wir uns über Musik unterhalten, ist nicht die, sich nicht erwischen zu lassen (viel Glück dabei!), sondern es so gut zu machen, dass es niemanden interessiert. Veronica Falls aus Glasgow beziehen sich in ihren Liedern auf dunkle Songs der Sechziger, die auf eigentümliche Art und Weise mit dem Tod fasziniert waren (wie zum Beispiel “Tell Laura I Love Her” oder “Leader Of The Pack”), packen das Ganze aber in schrammelige LoFi-Songs, die sich auf Bands wie The Vaselines oder Beat Happening beziehen, auch in ihrem Boy-Girl-Wechselgesang. “Veronica Falls” ist ein sehr gelungenes Debütalbum, das in seiner Teenage Angst zeitlos, oder vielmehr ewig zeitgemäß ist. Trends werden hier nicht losgetreten, vielmehr will man sich in eine ehrbare Tradition britischen und amerikanischen Empfindsamkeitsrocks einreihen. Auf den ersten Blick passt’s.

“Veronica Falls” erscheint heute bei Bella Union/Cooperative.

Come On Over by Veronica Falls

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Mehr Lakonie statt Melancholie: Niels Frevert

frevertNachdem sein letztes Album eine Art Kehrtwende war, geht der Hamburger Singer-Songwriter auf seiner neuen Platte einfach weiter geradeaus. Warum? Weil die Richtung stimmt.

Indierock ist für Niels Frevert kein Thema mehr. Seine Springsteen-Verbeugung “Seltsam öffne mich”, auf dem gleichnamigen Album von 2003 noch ein flehendes E-Gitarrenstück, spielt er live inzwischen anders: dem leisen, akustischen Klang seiner jüngeren Kompositionen entsprechend. “Ich hab da so ‘nen Fluchtreflex”, sagt er. Zuviele Leute machen die gleiche Musik, da muss er nicht dritte oder vierte Geige spielen.

Womit wir bei den Streichern wären. Die sind seit dem vergangenen Album “Du kannst mich an der Ecke rauslassen” fester Bestandteil seiner Singer-Songwriter-Popmusik. Der kongeniale Arrangeur Werner Becker, der sonst für Schlagerpersonal wie Howard Carpendale arbeitet, ist aus privaten Gründen (und zu Freverts Bedauern) nicht mehr mit dabei, sein Vermächtnis ist allerdings zu hören: “Zettel auf dem Boden” verfolgt den eingeschlagenen Weg weiter, auf zehn Songs in rund 40 Minuten. “Für meine Verhältnisse beinahe ein Doppelalbum”, kommentiert der Künstler seinen berüchtigten langsamen Arbeitsfortschritt lakonisch.

Wie Frevert das Cover des neuen Albums beschreibt, könnte er auch über die Musik darauf sprechen: Das Gemälde rennender Pferde habe zwar “einen Kitschfaktor, bleibt aber kurz vorm Kitsch stehen.” Wo die Musik zu gefällig wird, machen seine Texte Zicken. Frevert singt so selbstverständlich über ein “WWF-Tier” wie andere Herz auf Schmerz reimen.

Nachdem “Du kannst mich an der Ecke rauslassen” fünf Jahre auf sich warten ließ, brauchte er für “Zettel auf dem Boden” lediglich drei. “Das ist das Album mit den Geschichten”, sagt er. Viele der Songs haben Adressaten, “Blinken am Horizont” etwa, ein berührend freundliches Lied über den Tod, ist seiner verstorbenen Mutter zugedacht. Einfacher zu schreiben seien diese Briefe und Mitteilungen - daher der Albumtitel - allerdings nicht gewesen. “Texte fallen mir nie leicht.” Vielleicht ist das gut so.

Wie Frevert textet in Deutschland kaum jemand. Auch nicht die Mitglieder des Chors, den er sich für “Ich würde dir helfen, eine Leiche zu verscharren, wenn’s nicht meine ist” eingeladen hat. (Bei welchem deutschen Songtitel muss man sich schon um Kommaregeln scheren?) Marcus Wiebusch, Nils Koppruch, Gisbert zu Knyphausen und die Mädels von BOY stehen dort ums Mikro, und man wundert sich ein bisschen über die neuentdeckte Freude am Netzwerken. Mit Frevert zusammen: “Ursprünglich wollte ich dafür einen Gospelchor haben.” Das schien ihm dann aber doch zu dick aufgetragen, und so wurde gegen Ende der Produktion der Bekanntenkreis zusammengetrommelt.

Ein bisschen Indie darf’s dann wohl doch sein. Bis zum nächsten Fluchtreflex.

“Zettel auf dem Boden” ist bereits bei Tapete/Indigo erschienen.

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