Nachdem sein letztes Album eine Art Kehrtwende war, geht der Hamburger Singer-Songwriter auf seiner neuen Platte einfach weiter geradeaus. Warum? Weil die Richtung stimmt.
Indierock ist für Niels Frevert kein Thema mehr. Seine Springsteen-Verbeugung “Seltsam öffne mich”, auf dem gleichnamigen Album von 2003 noch ein flehendes E-Gitarrenstück, spielt er live inzwischen anders: dem leisen, akustischen Klang seiner jüngeren Kompositionen entsprechend. “Ich hab da so ‘nen Fluchtreflex”, sagt er. Zuviele Leute machen die gleiche Musik, da muss er nicht dritte oder vierte Geige spielen.
Womit wir bei den Streichern wären. Die sind seit dem vergangenen Album “Du kannst mich an der Ecke rauslassen” fester Bestandteil seiner Singer-Songwriter-Popmusik. Der kongeniale Arrangeur Werner Becker, der sonst für Schlagerpersonal wie Howard Carpendale arbeitet, ist aus privaten Gründen (und zu Freverts Bedauern) nicht mehr mit dabei, sein Vermächtnis ist allerdings zu hören: “Zettel auf dem Boden” verfolgt den eingeschlagenen Weg weiter, auf zehn Songs in rund 40 Minuten. “Für meine Verhältnisse beinahe ein Doppelalbum”, kommentiert der Künstler seinen berüchtigten langsamen Arbeitsfortschritt lakonisch.
Wie Frevert das Cover des neuen Albums beschreibt, könnte er auch über die Musik darauf sprechen: Das Gemälde rennender Pferde habe zwar “einen Kitschfaktor, bleibt aber kurz vorm Kitsch stehen.” Wo die Musik zu gefällig wird, machen seine Texte Zicken. Frevert singt so selbstverständlich über ein “WWF-Tier” wie andere Herz auf Schmerz reimen.
Nachdem “Du kannst mich an der Ecke rauslassen” fünf Jahre auf sich warten ließ, brauchte er für “Zettel auf dem Boden” lediglich drei. “Das ist das Album mit den Geschichten”, sagt er. Viele der Songs haben Adressaten, “Blinken am Horizont” etwa, ein berührend freundliches Lied über den Tod, ist seiner verstorbenen Mutter zugedacht. Einfacher zu schreiben seien diese Briefe und Mitteilungen - daher der Albumtitel - allerdings nicht gewesen. “Texte fallen mir nie leicht.” Vielleicht ist das gut so.
Wie Frevert textet in Deutschland kaum jemand. Auch nicht die Mitglieder des Chors, den er sich für “Ich würde dir helfen, eine Leiche zu verscharren, wenn’s nicht meine ist” eingeladen hat. (Bei welchem deutschen Songtitel muss man sich schon um Kommaregeln scheren?) Marcus Wiebusch, Nils Koppruch, Gisbert zu Knyphausen und die Mädels von BOY stehen dort ums Mikro, und man wundert sich ein bisschen über die neuentdeckte Freude am Netzwerken. Mit Frevert zusammen: “Ursprünglich wollte ich dafür einen Gospelchor haben.” Das schien ihm dann aber doch zu dick aufgetragen, und so wurde gegen Ende der Produktion der Bekanntenkreis zusammengetrommelt.
Ein bisschen Indie darf’s dann wohl doch sein. Bis zum nächsten Fluchtreflex.
“Zettel auf dem Boden” ist bereits bei Tapete/Indigo erschienen.