Wir sind Helden - Bring mich nach Hause

cd_wir_sind_heldenDie Helden sind müde. Zumindest gewinnt man den Eindruck auf einer Vielzahl der Stücke auf „Bring mich nach Hause“, da ist der Titel bloß der erste Marker. Eine zurückgenommene, oft akustische Übung in Entschleunigung – oder eher darin, mal Dinge an sich vorübergehen zu lassen. Ein Höhepunkt ist „Die Ballade von Wolfgang und Brigitte“, ein nicht allzu entfernter Verwandter des Jochen-Distelmeyer-Stücks „Murmel“, der sehr einfach erzählt, wie das Leben einen manchmal k.o. schlägt. Judith Holofernes gelingen immer noch wunderbare Umdeutungen wie „Meine Freundin war im Koma und ich krieg nur ein lausiges T-Shirt“ – und das in einer niederschmetternden Pianoballade. Ein paar Ausfälle, die nach Fußgängerzonenfolklore klingen, kann man verzeihen; insgesamt ist „Bring mich nach Hause“ ein ziemlich souverän gewonnenes Heimspiel.

“Bring mich nach Hause” ist bereits bei Columbia erschienen.

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Wavves - King Of The Beach

wavvesMit „King Of The Beach” sollte sich Nathan Williams vom Spezialistenthema zumindest zum Plattenschrank des interessierten Gelegenheitshörers vorarbeiten. Die Songs klingen aufgeräumter und haben genügend Selbstbewusstsein um ausdrücklich gefallen zu wollen - erstmalig in der zwar kurzen, aber turbulenten Karriere des kalifornischen Skaterkids, der sich auf Pille schon mal mit seinem Drummer prügelt. Der ist nun sowieso ein Ex-Drummer: Für die Aufnahmen seines dritten Albums hat Williams die Band von Jay Reatard verpflichtet, die der kurz vor seinem Tod geschasst hatte. Die Zusammenarbeit scheint zu klappen, und beim Konzert letzten Monat in der Astra-Stube gab es ebenfalls für niemanden Backenfutter. Nur fiepende Ohren. Alter Rockjournalismussatz: Muss man laut hören!

“King Of The Beach” ist bereits bei Cooperative Music/Universal erschienen.

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Autolux - Transit Transit

autoluxMit Autolux hat vermutlich niemand mehr gerechnet: 2004 erschien ihr Debüt „Future Perfect”, dessen stoischer Opener „Turnstile Blues” Stereolab und Sonic Youth so kongenial zusammendachte, dass der Rest der Platte dagegen leider ein wenig verblasste. „Transit Transit” schließt trotz der langen Pause nahtlos an den Vorgänger an. Krach und Repetition stehen weiterhin hoch im Kurs, Autolux haben vor allem Aktien in Krautrock, Shoegazing und vielleicht noch ein winziges Depot in Grunge. Das selbstbeherrschte, unglaublich präzise Drumming von Carla Azar hält die Songs zusammen - vermutlich ist das Schlagzeug sogar das prominenteste Instrument auf „Transit Transit”. Es muss ja nicht jeder Song solo auf der Akustikgitarre funktionieren. Als Trio mit fliegenden Fäusten klingen Autolux aber prächtig.

“Transit Transit” ist bereits bei ATP erschienen.

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Janelle Monáe - The Archandroid

monaeMan ist schnell mit dem Begriff Retrofuturismus zur Hand, möchte man Janelle Monáes „The Archandroid” zu fassen kriegen. So ein Hü und Hott von Gestern und Heute passt dann allerdings doch nicht so recht zu dem ebenso wertkonservativen wie bilderstürmerischen R’n'B. „The Archandroid” neigt sich nämlich nicht nur nach früher und nachher, sondern auch nach links und rechts, oben und unten, in einem System, das keine Grenzen kennt. Janelle Monáe ist im besten Sinne Mainstream, und sei es nur um zu demonstrieren, was heutzutage so alles in ihn gesickert ist. Dass das Album Kollaborationen mit Spoken-Word-Ikone Saul Williams, Big Boi von Outkast und den Psychedelicfolkern Of Montreal enthält, gibt bereits einen Hinweis auf die Bandbreite. Ein in zwei Suiten aufgeteilter, luzider Traum aus Soul, Future Rock, POP in Großbuchstaben - mit einer Handvoll Instant-Klassiker.

“The Archandroid” ist bereits bei Warner erschienen.

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Hot Hot Heat - Future Breeds

hot-hot-heatZum Glück haben Hot Hot Heat nichts Anständiges gelernt: würden da Karrieren als Automechaniker oder Physiklehrer auf Luke Paquin und Co. warten, hätte man das Projekt Band vielleicht inzwischen bleiben lassen. Gut acht Jahre sind seit dem Hit „Bandages” verstrichen. Und wer sich nicht daran erinnern kann, was die Kanadier in der Zwischenzeit fabriziert haben, hat kein schlechtes Gedächtnis, sondern eher ein gesundes Gespür für Relevanz. „Future Breeds” darf aber aufmerken lassen. Das selbstproduzierte Album fischt auch nicht gerade in tiefen Gewässern, ist aber hochenergetischer, tanzbarer Indierock, der Vertracktheit bloß vortäuscht, um mit den Refrains herzhaft auf die Mütze zu geben. Tracks wie „21@12″ und „Implosionate” sind atemlos und äußerst gegenwärtig. Don’t you forget about me.

“Future Breeds” ist bereits bei Dinealone Records/Soulfood eschienen.

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The Fall - Your Future, Our Clutter

the-fallMusikschreibern geht eher die Tinte aus als Mark E. Smith die Songs. Es ist müßig, die Zahl der bislang erschienenen Studioalben auseinander zu klamüsern, sagen wir nur: The-Fall-Komplettisten sind ähnlich gut beschäftigt wie Bob-Dylan-Fans. „Your Future Our Clutter” holpert monoton-misanthropisch durch Smiths Weltekel: Er schnarrt, nölt, bellt, knurrt und ist generell keine freundliche Gesellschaft. Worüber regt sich dieser hässliche kleine Mann eigentlich die ganze Zeit so auf? Man weiß es bis heute nicht recht. Die austauschbare Band um ihn herum müht sich nach Kräften, den wirren Tiraden ordentlich Schub zu geben - auch wenn es die meiste Zeit eher nach The Fall versus Mark E. Smith klingt. Der Typ ist eben Anti-Zen: Er will eigentlich uneins mit allem sein. Ach ja, ist übrigens mal wieder eine super Platte geworden.

“Your Future, Our Clutter” ist bereits bei Domino erschienen.

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Stars - The Five Ghosts

starsEs ist keine freundliche Welt, in der Amy Millan und Torquil Campbell, die beiden Köpfe von Stars, leben. Alles ist eintönig und ziemlich blöd. Die Liebe ist kein Schlachtfeld, sondern ein Bombenkrater. Und wirklich besser scheint es nicht zu werden: Der selbstzerfleischende Witz von Songs wie „Your Ex-Lover Is Dead” oder die Blödelei eines verliebten Fahrstuhls in „Elevator Love Letter” sind den Stars heutzutage eher fremd. Der Tod klopft laut und vernehmlich an auf Songs wie „I Died So I Could Haunt You” oder „Dead Hearts”. Nach dem etwas zerfahren wirkenden letzten Album „In Our Bedrooms After The War”, wirkt „The Five Ghosts” einheitlicher, auch wenn das heißt: ganzheitlich bedrückend. Selbst der Diskostampfer „We Don’t Want Your Body” wirkt antihedonistisch und lebensmüde. Stars’ Geschichten sind monochrom und bitter – aber dennoch schön: Zwar ist alles in grau getaucht, aber eben nicht wie in hingeworfenen Bleistiftzeichnungen, sondern in aufwändigen Schraffuren und Radierungen. Wie es in der ausgezeichneten Doctor-Who-Folge „Blink” heißt: „What’s good about being sad?” – „It’s happy for deep people.”

“The Five Ghosts” ist bereits bei Soft Revolution/Alive erschienen.

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Villagers - Becoming A Jackal

villagersEs ist nicht so einfach, von sich reden zu machen, wenn einem die große Shownummer nicht liegt. Conor O’Brien ist ein folkiger Singer/Songwriter mit Band - so weit, so gähn. Aufgrund einiger feiner Auftritte zerreisst man sich aber in Übersee und überm Kanal schon seit einiger Zeit das Maul über den jungen Mann mit den dunklen Texten und den schwelgerischen Songs. Ohne die rohe Wut der frühen Stücke seines Namensvetters Oberst, aber mit einem ähnlichen Gefühl für Dramatik gesegnet, stellt O’Brien sein Herz der Finsternis aus: dem nur die eigene Stimme Trost bringt, das Pfeifen im Walde. In „Becoming A Jackal” steckt soviel Schönheit ohne Kalkül, dass es beängstigt. Die Worte fließen selbstverständlich aus seiner Kehle, als seien die Songs schon immer da gewesen. Und selbst ein hübscher, verdrehter Tweepopsong springt mit „The Pact (I’ll Be Your Fever)” heraus. Bereits auf ihrem ersten Album klingen Villagers vollendet. Wenn das mal kein Trugschluss ist.

“Becoming A Jackal” ist bereits bei Domino erschienen.

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Band Of Horses - Infinite Arms

band-of-horses„So muss sich die Musik trauriger Holzfäller anhören”, meinte ein Begleiter beim Konzert der Band, angesichts Gesichtsgestrüpp und Karohemd. Ohne der holzverarbeitenden Industrie ans Bein pinkeln zu wollen, aber die Songs von Ben Bridwell sind doch etwas zu filigran, als dass einem als erstes Axt und Säge dazu einfielen. Vokalharmonien und ausklingende Akkorde ergeben eine wunderbare Nachtmusik, gelegentlich dengelt sich eine Neil-Young-Gitarre in den Vordergrund: Wer den Vorgänger „Cease To Beginn” mag, wird dieses Album, nun ja, mögen. So wirklich viel scheint in der Zwischenzeit ja nicht passiert zu sein. Ob die Band Of Horses ihren Tritt gefunden hat oder im Kreis läuft, ist vermutlich Ansichtssache. Der eine freut sich über mehr von dem, was er mag, der Rest denkt sich: Hab ich doch schon.

“Infinite Arms” ist bereits bei Columbia/Sony erschienen.

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Ólafur Arnalds - …And They Have Escaped The Weight Of Darkness

arnaldsEs ist wohl Sigur Rós zu verdanken, dass in zeitgenössischer Popmusik nunmehr so völlig unverstellt dem Schönklang gehuldigt werden darf. Die Soundlandschaften ihres Landsmannes Ólafur Arnalds scheinen gleich hinter dem nächsten Hügel zu liegen: Dass die Musik auf „…And They Have Escaped The Weight Of Darkness” aus Island stammt, ist also erst einmal so überraschend wie der umgefallene sprichwörtliche Sack Reis in Fernost. Nimmt man elegische Streicher und sich sehnsüchtig windende Klaviermotive aber als das Rüstzeug des jungen Komponisten an, findet sich eine durchaus eigene Stimme, die den Vergleich mit etablierten Größen wie Jóhann Jóhannsson und Max Richter nicht zu scheuen braucht. Sein zweites Album ist mal todtraurig und blendet kurz darauf wieder mit hellwachem Optimismus – nicht gerade Achterbahn, aber willkommene Perspektivwechsel.

“…And They Have Escaped The Weight Of Darkness” wird am 8. Juni via Erased Tapes veröffentlicht.

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