Jochen Distelmeyer – In Zukunft alles offen

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Mit seiner Band Blumfeld hat Jochen Distelmeyer deutschem Indierock in den Neunzigern eine unverwechselbare, hochkomplexe Sprache geschenkt, um nach und nach zu einem modernen Liedermachertum der klaren Worte zu
finden. Sein erstes Soloalbum „Heavy“ ist eine bruchlose Fortführung seiner Karriere: Ein Album über Trennungsschmerz und Liebe, das unumwunden Pop ist, an emotionaler Tiefe seinem Titel aber alle Ehre macht. Unser Mann Michael Weiland war im Auftrag von Hamburg:Pur ganz nah am Mann.

Man erwartet von Soloalben oft so eine Art emanzipatorischen Akt: dass man sich mit Nachdruck vom Alten löst. Das Gefühl hat man bei „Heavy“ überhaupt nicht.

Mir ging es auch nicht um Emanzipation oder Abkehr von irgendetwas, sondern darum bei mir, mit mir weitermachen – unter anderen Vorzeichen. Es gibt in den 16 Jahren Blumfeld nichts, was ich nicht gut fände, wovon ich mich distanzieren müsste. Das ist eine sehr wichtige, schöne, prägende Zeit gewesen, die mich dahin geführt hat, wo ich jetzt eben bin, mit einem veränderten Verständnis von mir als Musiker und als Mensch.

Welche veränderten Vorzeichen wären das denn?

Ich hab das Gefühl, dass ich mit dem, was ich versuche als Musiker und als Typ zu tun, alleine bin. Dass es dafür keine Role Models oder Instanzen zur Orientierung für mich gibt. Ich hab meine Dämonen aufgebraucht. Diese Strecke ist niemand vor mir gegangen, das ist mein Weg.

Als ersten neuen Song von dir hörte man „Wohin mit dem Hass?“ mit Zeilen wie „Lasst ihre Wagen brennen“ oder „Macht etwas Schönes kaputt“. Ist dir dieses Gefühl sehr vertraut?

Mir war so, als läge etwas in der Luft, etwas Gärendes, was darauf drängt, sich in irgendeiner Form entladen zu können. Und mich hat gereizt und beschäftigt, durch welche Stadien man damit geht. Und ich verstehe die Strophen so, dass, auch wenn es möglicherweise nachvollziehbare Gründe gibt die Wagen brennen zu lassen, das aber nichts mit dem Überwinden dieses Gefühls zu tun.

In der aktuellen SPEX-Titelgeschichte wird von Seiten der Goldenen Zitronen der leise Wunsch geäußert, du könntest dich musikalisch mehr trauen. Hattest du selbst im Vorfeld der Aufnahmen schonmal die Überlegung, das Ganze wieder etwas „edgier“ zu machen?

Och, ich finde es schon ziemlich edgy, was ich da mache. Ich glaube, diese Einschätzung ist abhängig davon, was man denkt, dass Mut erfordert. Und vordergründig edgigere Sounds zu fahren, finde ich zwar auch gut, hat für mich aber nichts mit „sich was trauen“ zu tun. Da geht es am Ende des Tages um ganz andere Sachen.

Was nach „Old Nobody“ kaum mehr in deinen Songs auftauchte, sind die synthetischen, elektronischen Elemente. Hast du überhaupt noch ein Interesse an Tracks, als Gegensatz zu Songs?

Ich finde auch Tracks nach wie vor super, und das ist auch etwas was mich immer noch interessiert. Aber für dieses Album mit diesen Songs, die im Laufe der Zeit entstanden sind, schien mir das nicht angezeigt zu sein. „Hiob“ hat ja auch noch so ein „trackiges“ Gefühl. Für die Zukunft ist alles offen.

Jochen Distelmeyers Solo-Album “Heavy” erscheint heute bei Columbia.

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Die Goldenen Zitronen – Die Entstehung der Nacht

goldenen-zitronenKurze Redaktionsdiskussion: Darf man noch „Punk“ über eine neue Platte der Goldenen Zitronen schreiben? Bei kaum einer Band divergiert das, was sie verkörpert, so sehr von dem, was sie macht. Es würde sich richtig anfühlen, aber wir nennen es mal lieber… Elektro? Krautrock? Avantgarde? Pop? Wenn man seine Karriere damit verbracht hat, Schubladen kaputtzuschlagen, sind eben von allem nur noch die Splitter übrig. Kleine, gemeine Dinger, die sich tief unter die Haut graben: „Ja, der Silbermond in dieser schnellen Zeit sucht Beständigkeit, die beim alten bleibt“ krakeelt ein gedoppelter Schorsch Kamerun in Richtung schwarz-gelben Gesinnungspops. Ansonsten: 50 Minuten Musik ungeklärter Herkunft, mit einer Gesinnung, die eindeutig bestimmbar von links schmerzhaft in die Seite fährt. Darum: siehe oben.

“Die Entstehung der Nacht” erscheint am 16. Oktober bei Buback/Indigo.

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Karpatenhund – Der Name dieser Band ist Karpatenhund

karpatenhundDer kenntnisreiche Zitatpop von Karpatenhund ist zunächst einmal grundsympathisch: Die Bandmitglieder haben die richtigen Platten gehört, so dass die durchaus radiofreundlichen Songs in Geschmacksfragen stets auf der guten Seite sind, mit Post-Punk-Klackergitarren, The-Cure-Bässen und eingängigen Melodien. Ein Problemfall bleibt Sängerin Claire Oelkers Stimme: Ihr expressives Organ erinnert manchmal an Elke Brauweiler von Paula, lässt in kurzen, schmerzhaften Momenten aber auch an eine Art Indie-Rosenstolz denken. Den oftmals recht lakonischen Texten tut derlei Pathos nicht gut: ein bisschen wie Overacting in der Schulaufführung. Dennoch: das zweite Album streicht das Attribut „harmlos“ aus dem Bandprofil und traut sich gelegentlich in recht düstere Elektropopgefilde. Deren Reise fängt erst an.

“Der Name dieser Band ist Karpatenhund” erscheint am 28. August bei Wanderlust/Rough Trade.

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A Fine Frenzy – Bomb In A Birdcage

a-fine-frenzyNicht dass wir vorschnelle Urteile unterstützen, aber der erste Eindruck trügt nicht. Bereits ein flüchtiger Blick aufs Cover des Nachfolgers von „A Cell In The Sea“ lässt aufmerken: Während Alison Sudol bei ihrem Debüt noch unter sich schaute, wird auf „Bomb In A Birdcage“ die Brust vorgestreckt. Selbstbewusster klingen die neuen Songs, die sich nach dem hübschen Folk-Ditty zu Beginn zu meisterhaft gedrechseltem Singer/Songwriter-Pop emporschrauben. Für jemanden, der alleine am Klavier anfing Konzerte zu spielen, schrammt das überaus einfallsreiche Album häufiger mal haarscharf an der Überproduktion vorbei, aber vielleicht gehört das noch zum Ausprobieren in Ermangelung einer unumstößlichen Vision: langweilig ist die Mischung aus Dreampop, Elektrocountry und Pianoballaden dadurch immerhin nie – wenn auch manchmal der rote Faden fehlt.

“Bomb In A Birdcage” erscheint am 28. August bei Virgin/EMI.

http://myspacetv.com/index.cfm?fuseaction=vids.individual&videoid=61776490

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Cougar – Patriot

cougarInstrumentale Rockmusik hat von jeher etwas Akademisches; nicht umsonst nennt sich ein verwandtes Genre Math-Rock. Cougar sind zwar komplex, aber nicht kompliziert. Obwohl mit dem Gesang nun einmal das entscheidende Kriterium für die Bezeichnung fehlt, sind die elf Stücke auf „Patriot“ näher an Songs als an Tracks: Struktur statt endloses Mäandern, Dramaturgie, Melodie und – wenn es verlangt wird – Gedresche mit Hingabe. Cougar erzwingen durch konzentriertes Zusammenspiel und, genau, Songwriting große Momente und warten nicht darauf, dass in der Improvisation Mirakulöses passiert. Da wirkt der Verzicht auf Texte beinahe wie ein etwas angestrengter Gimmick. Solange das Endergebnis allerdings derart kompakt und luftdicht daherkommt, kann man gut damit leben, Gitarrenlinien nachzupfeifen statt Textzeilen zu memorieren.

“Patriot” erscheint heute bei Counter/Rough Trade.

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Telekinesis! – Telekinesis!

51bxh3xzm2l_sl500_aa240_Den Bandnamen kann man wunderbar durch die Zähne zischen, sonst hat das Debüt von Michael Benjamin Lerner, der hauptverantwortlich hinter den Songs steht, so gar nichts Verkniffenes. Telekinesis machen leicht verständlichen Indierock – was banal klingt, es aber nicht ist. Wenn es nämlich einfach wäre, was Lerner hier veranstaltet, gäbe es sicherlich mehr dieses unwahrscheinlich eingängigen Gitarrenpops – als Bezugspunkte seien mal Death Cab For Cutie und das zweite Brendan-Benson-Album „Lapalco” genannt. Ein konstantes Wundern und Staunen zieht sich durch die Songs; jemandem zuzuhören, der sich nie langweilt, das ist doch schon die halbe Miete.

“Telekenisis!” ist bereits bei Morr Music erschienen.

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Jan Delay – Wir Kinder vom Bahnhof Soul

61rmhsuavfl_sl500_aa240_Ein neuer Jan, ein neuer Anfang? Diesmal nicht. Jan Delay fühlt sich mit seiner Band Disko No.1 offensichtlich zu wohl, um den Funk von „Mercedes Dance” wieder eintauschen zu wollen. Dabei ist „Wir Kinder vom Bahnhof Soul” nicht so sehr Wiederholung als Ausdifferenzierung des Vorgängers. Es geht tiefer in die Siebziger mit 1A-Blaxploitation-Sounds, und einem kompetent nachgeahmten 80er-Jahre-Falco/Cameo-Track, über den Delay aus lauter Lust am Anachronismus über DVDs singt. Delay ist mal wieder generell nicht einverstanden, allerdings weniger plakativ als zuletzt: gerade soviel, dass es eine gute Partyplatte nicht aus dem Takt bringt.

“Wir Kinder vom Bahnhof Soul” erscheint am 14. August bei Universal.

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Future Of The Left – Travels With Myself And Another One

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Es ist absolut folgerichtig, dass die grandiose Bratzrockband mclusky im Streit auseinanderging. Alles andere hätte nur Imageschäden nach sich gezogen. Von den beiden Nachfolgebands hat Shooting At Unarmed Men von Bassist Jonathan Chapple zwar den besseren Namen bekommen, Future Of The Left aber den Wüterich Andy Falkous, der dafür die gemeineren Songtitel hat: „Throwing Bricks At Trains” oder „You Need Satan More Than He Needs You”, etwa. „Travels With Myself And Another One” ist voller hakeligem Minimalrock, der seine Schläge hart und gezielt einsetzt. Tut irre weh, tut irre gut.

“Travels With Myself And Another One” ist bereits bei 4AD/Beggars/Indigo erschienen.

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God Help The Girl – God Help The Girl

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Erzeugt ein Album beim Hörer besonders eindrückliche Bilder vorm inneren Auge, spricht man gerne mal vom Soundtrack zu einem Film, den es noch nicht gibt. Stimmt in diesem Fall ausnahmsweise mal: „God Help The Girl” ist ein Langzeitprojekt von Belle-&-Sebastian-Chef Stuart Murdoch, der hier seinen Musicalambitionen nachgibt. Doll viel geschmettert und plakativ gelitten wird dennoch nicht: Über weite Strecken erinnert das Album eben an ein B&S-Werk – wenn auch mit Hollywoodstreichern und einer manchmal etwas angestrengt wirkenden Dramaturgie. Eine Tweepop-Oper! Gar nicht schlecht für den ersten Eintrag ins Genre.

“God Help The Girl” ist bereits bei Rough Trade/Indigo erschienen.

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Phoenix – Wolfgang Amadeus Phoenix

41o91fay9l_ss500_Man fällt leicht dem Trugschluss zum Opfer, dass bei Phoenix 2009 alles beim alten ist. Pustekuchen. Phoenix entwickeln sich bloß relativ langsam. „Wolfgang Amadeus Phoenix” ist immer noch geradezu unmenschlich präziser Gitarrenpop, das flache Juchzen von Thomas Mars ist dasselbe geblieben. Dazugelernt haben Phoenix allerdings in Sachen Dramaturgie und Bandbreite der Songs, der Schriftartenwechsel auf dem Backcover ist mehr Statement als grafisches Element. Groß Wesensveränderndes ist dabei nicht auszumachen. Von der Kunst auf dem richtigen Weg zu bleiben ohne stehen zu bleiben, viertes Kapitel.

“Wolfgang Amadeus Phoenix” ist bereits bei V2/Cooperative/Universal erschienen.

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