[Album] Andreas Dorau – Todesmelodien

dorauFür manche englische Redewendung gibt es keine deutsche Entsprechung, „hidíng in plain sight” etwa. Am ehesten kommt dem nahe, wenn jemand den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht. Die Lieder von Andreas Dorau sind ein bisschen so: Die Sätze sind schön und klar und eindeutig, und trotzdem weiß man nie ganz recht, was bei Herrn Dorau so abgeht. Die Lieder verstecken sich, obwohl sie vor einem wie aufgebahrt liegen. Die Bahre gibt das Stichwort: „Todesmelodien” hat zwar Schlagseite ins Jenseits, erstickt aber nicht an seiner Morbidität – der Schnitter klopft rhythmisch an die Tür. Doraus Bubenstimme, die ähnlich wie die von Christiane Rösinger immer ein bisschen nach Sesamstraße klingt, intoniert krude gebaute Lieder zwischen Chanson und Elektropop über Altenheime und in Diamanten gepresste Asche. Himmlisch.

“Todesmelodien” ist bereits bei Staatsakt/Rough Trade erschienen.

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[Album+MP3] Vetiver – The Errant Charm

51ltcmvesvl_sl500_aa300_Empfohlenes Material für lange Überlandfahrten: Ausreichend Wasser. Aktuelles Kartenmaterial. „The Errant Charm” von Vetiver. Das fünfte Album von Songwriter Andy Cabic unter dem Bandnamen ist keines an dem man sich abzuarbeiten hätte – was nicht heißt, dass es nicht mit der Zeit wüchse. Es sind auch keine Hits drauf – obwohl sich Ohrwürmer wie „Wonder Why” finden. „The Errant Charm” ist ein wunderbar in sich selbst ruhendes Indiefolkalbum: eine ruhige Stimme, die sagt, dass alles gut wird, selbst wenn sie nur mit sich selbst spricht. Dass Cabic sonst mit Devendra Banhart und Joanna Newsom abhängt (mit deren Platten man durchaus seine liebe Not haben kann), verwundert da beinahe ein bisschen. Ein Tüftler und Bilderstürmer ist Cabic nicht. Aber ein beeindruckender Songschreiber mit einer nicht unsympathischen Rampenlichtallergie.

“The Errant Charm” ist bereits bei Cooperative/Universal erschienen.

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[Album+Track] Locas in Love – Lemming

41aehvra11l_sl500_aa300_-1Locas in Love waren irgendwie schon immer da und genauso lange unterm Radar. „Lemming” soll das bitteschön endlich ändern. Seit die Schwesterband Karpatenhund, in der alle Locas ebenfalls spielen, immer besser wird, war es Zeit, dass das Mutterschiff nachlegt: Die elf Songs des aktuellen Albums haben wenig Entsprechung im deutschsprachigen Pop, der oftmals nur Diskurs und niedlich kann. Björn Sonnenberg, Stefanie Schrank und Jan Niklas Jansen spielen jene Art Plattenladen-geschulten, formverliebten Indierock, wie man ihn eher von Bands wie The Ladybug Transistor oder Yo La Tengo kennt. (Dass man Jansen auch als Musikschreiber kennt: geschenkt.) „Lemming” ist ein klassischer Beidfüßer: Texte stark, Kompositionen stark. Das müsste es doch mal sein. Um es mit Sven Regener zu sagen: Jetzt musst du springen.

“Lemming” ist bereits bei Staatsakt/Rough Trade erschienen.

An Den Falschen Orten by Locas In Love

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[Album] The Horrors – Skying

the-horrorsDer erste hämische Facebook-Kommentar zur aktuellen Horrors-Single „Still Life” ließ nicht lange auf sich warten: „Ach, guck mal, die Simple Minds!” Verdienste der schottischen Synthiepopper hin oder her, falsch ist die Einschätzung nicht, auch Echo & the Bunnymen und Tears For Fears kann man aus „Skying” heraushören. Das wäre noch nicht so bemerkenswert, hätte sich die Band nicht (über drei Alben!) von Indie-Goth über Shoegazer-Krautrock hierher entwickelt: zur bislang zugänglichsten Version der Band – zählt man Sänger Faris’ Freizeitbeschäftigung mit Cat’s Eyes nicht mit. Ein paar Überbleibsel der letzten Inkarnation sind noch anzutreffen: So treffen My-Bloody-Valentine-Gitarrenschlieren in „I Can See Through You” auf ein „Lala-lala-la”, das geradewegs aus dem Breakfast Club zu kommen scheint. Nett euch kennenzulernen, wieder einmal.

“Skying” erscheint am 8. Juli bei XL/Beggars/Indigo.

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[Album] Thurston Moore – Demolished Thoughts

thurston-mooreEine E-Gitarre ist nicht einfach eine laute Gitarre. Rock’n'Roll und Punk haben überzeugend dagegen argumentiert, aber vermutlich erst der soundfetischistische Avantgarderock von Sonic Youth hat das Instrument vollständig vom Nylon-bespannten Sechssaiter emanzipiert: Was Stromgitarren können, können nur Stromgitarren. Da scheint es nahezu eine radikale Idee von Sonic Youths Thurston Moore ein folkiges Akustikalbum einzuspielen. Den Kompagnon an der Seite hätte er sich dafür allerdings nicht besser aussuchen können: Der Folkie und Teilzeit-Noisenik Beck produzierte und führt Moore zielsicher aus dem Krach zu freundlichen Gitarrenpickings und Celloläufen. „Demolished Thoughts” ist ein leises, intimes Album, das den Bilderstürmer als hervorragenden Songwriter zeichnet. Nicht überraschend. Aber bei dem Lärm bekam man das nicht immer mit.

“Demolished Thoughts” ist bereits bei Matador/Beggars/Indigo erschienen.

Anhören kann man sich das komplette Album hier.

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[Album+Video] Beastie Boys – Hot Sauce Committee Part 2

beastie-boysIn Sachen Innovation mögen die Beastie Boys 2011 zwar so weit vorne sein wie ein Vintage-Sneaker, dafür sind Ad-Rock, MCA und Mike D immer noch fit wie ein Turnschuh. „Hot Sauce Committee Part 2″ ist bodenständiger als „Hello Nasty” und spaßbereiter als „To The Five Boroughs”, im Grunde sind dies die Beastie Boys von „Check Your Head” und „Ill Communication”: drei hysterische weiße Jungs mit Wurzeln im Hardcore-Punk, die zu Funksamples und Offbeat rappen. Zwar ist ein mittelgut gelungenes Dub-Experiment mit Gast Santigold auf der Platte gelandet, daneben gibt es wenig Überraschungen. Die Punkrocknummer, die diesmal „Lee Majors Come Again” heißt, gehört schließlich auch zum normalen Repertoire der Band. Da das Trio in seiner langjährigen Karriere aber nicht gerade mit Veröffentlichungen um sich schmiss, stellt sich nirgends Überdruss ein. Wie Nas auf der Platte rappen darf: „Too many rappers, still not enough MCs.” Eben, eben. Von denen hier könnte man noch ein paar Handvoll brauchen.

“Hot Sauce Committee Part 2″ ist bereits bei EMI erschienen.

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[Album] Metronomy – The English Riviera

metronomyKleine Dissonanzen tauchen unvermittelt in den Songs der rundum überholten Metronomy auf wie kurze, warme Regenschauer, die an die Fensterscheibe klopfen. Für ein Sommeralbum, das es zweifellos sein will, klingt „The English Riviera“ nämlich bemerkenswert häuslich und lichtscheu. Aus dem Laptop-Pop vom Vorgänger „Nights Out“ ist eine richtige Band gewachsen, die mit herrlich unfetter Achtziger-Effekterei eine Art Softrock spielt, beflügelt von einer spät erwachten Liebe zu Fleetwood Mac und Steely Dan. Mit denen haben Metronomy auf „The English Riviera“ allerdings so viel gemein wie der Ikea-Katalog mit einer Sitzgelegenheit: Schlüsselreize wie die unverzerrte Gitarre und der in den Vordergrund gemischte melodische Bass hat man sich eher flüchtig abgeschaut. Das dritte Album von Songschreiber Joseph Mount gibt sich zwar den Anschein einer abgezirkelten Ästhetik, die Band haut aber immer wieder absichtsvoll Klinken in die Fahrbahn – „The English Riviera“ macht dank dieses Gekurves erst Spaß. Zumindest mehr, als man eingangs vermutet hatte.

“The English Riviera” ist bereits bei Warner erschienen.

Erstveröffentlichung des Artikels bei Intro.

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[Album] Box Codax – Hellabuster

box-codaxDie beste Art, ein nur mittelgroßes Genie zu tarnen, ist Nachlässigkeit: Weltformeln unleserlich auf Papierservietten schmieren zum Beispiel. Nick McCarthy, sonst bei Franz Ferdinand als Gitarrist tätig, weiß das genau. „Hellabuster“, das zweite Album mit Alex Ragnew als Box Codax und das erste mit seiner Frau Manuela Gernedel, ist dank dessen immens frustrierend. Der Psychofolk von „Inanimate Inamorato“ etwa würde unweigerlich am Herzen zupfen, wäre das zungenbrecherische Requiem nicht von so friedlicher Beschränktheit. Die blöde Idee, Ragnew mit deutschem Akzent singen zu lassen, ist auch eine solche Verschleierungstaktik. Box Codax können ganz offensichtlich Songs schreiben, in so ziemlich jedem Genre – mit einem Kräfteüberschuss bei Barockpop und Vaselines-artigem Lo-Fi-Punkrock. Das Hingeworfene und die Albernheit des Ganzen lassen eine eingehende Beschäftigung mit den Songs allerdings nicht zu, das stete Ironisieren wirkt, als würden sie selbst das Album nur mit spitzen Fingern anfassen. Ja verdammt, dann hat es eben Potenzial – eine gute Platte ist „Hellabuster“ darum nicht.

“Hellabuster” ist bereits bei Gomma/Groove Attack erschienen.

Erstveröffentlichung des Artikels bei Intro.


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[Album+Video] FM Belfast – Don’t Want To Sleep

fm-belfastWer sich anlässlich eines Weihnachtssongs für Freunde als Band zusammenfindet, kriegt diese verfluchte Freundlichkeit wohl nie wieder raus. FM Belfast sind derart herzlich, dass man ihnen zu Konzerten selbstgebackenen Kuchen mitbringen will. „Don’t Want To Sleep”, das zweite Album der Isländer, ist warmer, ruheloser Elektropop, dem allerdings eindeutige Alleinstellungsmerkmale abgehen. Maschinen wummern und schwurbeln im Hintergrund, mal bliept ein Acht-Bit-Chip rein, als hätte jemand vergessen den Gameboy auszuschalten. Darüber legt sich der Boy/Girl-Wechselgesang von Árni Rúnar Hlöversson and Lóa Hlín Hjálmtsdóttir. Das hat durchaus Antrieb, Charme und ab und an Ohrwurmcharakter, dennoch mag der Funke nicht immer überspringen. Live ist das eine andere Geschichte. Aber allein unter Kopfhörern kann „Don’t Want To Sleep” recht spannungsarm sein.

“Don’t Want To Sleep” erscheint am 3. Juni bei Morr Music/Indigo.


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[Album] Smith Westerns – Dye It Blonde

smith-westernsWas Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr. Zum Glück für Smith Westerns hätte man zu Zeiten ihres Debüts den blutjungen Musikern noch irgendwo einen Diminutiv anheften können. Soll heißen: Statt in alle Ewigkeit T.Rex als noisige Garagenband nachzuspielen, ist die Band aus Chicago auf „Dye It Blonde” merklich gereift und vielseitiger zu hören. Noch immer gibt es ausreichend Glam-Anleihen, aber die Songs sind deutlich weniger halsbrecherisch, interessanter arrangiert und überraschen mit viel Gezwinker Richtung Classic Rock. Zum Glück war noch Platz im jungen Kopf und so musste für den neuen Kram nichts altes raus: Wie man griffige Songs schreibt, hat das Trio nicht verlernt. „Dye It Blonde” ist knappe, glänzende Rockmusik und die imposante Weiterentwicklung einer Band, die von vornherein was konnte.

“Dye It Blonde” ist bereits bei Domino erschienen.


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