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Munitionen zu Besuch: Visite bei der Redaktion von „Schinken Omi“

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Wäre Theofanis Gekas Popjournalist, er hieße Linus Volkmann. Auch nach vielen Jahren in diesem Land spricht er nur gebrochen Deutsch, gilt unter Kollegen als extrem faul, aber wenn er sein Ziel anvisiert, gelingt ihm meist ein Treffer. So auch das wunderbare Fanzine „Schinken Omi“, das der 43-Jährige gemeinsam mit Felix Scharlau (19) herausgibt. Die zweite Ausgabe (mit großem Drogen-Spezial) ist jetzt draußen. Eine gute Gelegenheit, mal in der Redaktion von „Schinken-Omi“ vorbeizuschauen.

Große Fenster, blitzendes Parkett, ein frischer Duft durchzieht die geräumige Kölner Redaktion in bester Lage. Mit prominenten Nachbarn: Stephanie Freifrau zu Guttenbergs Verein „Innocence in Danger“ residiert Tür an Tür mit den Fanzinemachern Volkmann (35) und Scharlau (ÖDP). Reiner Zufall, wie der in Nebentätigkeit als stellvertretender Chefredakteur des Musikmagazins „Intro“ arbeitende Volkmann (4) betont: „Das ist reiner Zufall.“ Vor wenigen Monaten hat sich der umtriebige Medienunternehmer mit „Schinken Omi“ einen langjährigen Traum erfüllt. Seitdem steht das Telefon nicht mehr still. „Ja“, „Nein“, „Vielleicht“, „Keine Ahnung“, „Innocence in Danger hat die Durchwahl 4, hier sind Sie bei der 3“ – Volkmann (51) ist kurz angebunden, wichtige Entscheidungen warten. Der maskuline Felix Scharlau (Quatsch Comedy Club) sitzt ihm gegenüber und schmunzelt. Er kennt sein Gegenüber seit vielen Monaten. Schließlich arbeitet auch er bei „Intro“. „Der Spex für Leute, die Dath nicht verstehen“, wie er mit sanftem Lächeln betont. Die Atmosphäre des Büros unterstreicht ihre Persönlichkeit: Nicht die im Popjournalismus üblichen Titten- und Würstchenbilder, stattdessen tibetanische Gebetsfahnen und warmes Licht. Scharlau (Halle/Saale) bevorzugt ebenso wie sein kurzsichtiger Kompagnon klare Strukturen.

Dabei könnte ihr Lebenslauf nicht unterschiedlicher sein: Scharlau wurde 1984 als Sohn eines Großindustriellen in Hanau geboren, gewann viel Geld beim Glücksspiel und hat wenig Sorgen. Volkmanns Leben verlief weitaus turbulenter: 1947 in Königsberg, dem heutigen Kaliningrad, geboren, floh seine Familie 1973 versehentlich in die DDR, bevor sie am 8. November 1989 unter Todesgefahr die Grenze überquerte. Den Mauerfall verschliefen sie erschöpft. Danach ging es nach Hessen. Wieder eine Klammer zwischen dem passionierten Dynamitfischer Volkmann (24) und Scharlau (müde): Beide sind große Anhänger Eintracht Frankfurts. „Ich liebe den FC Frankfurt“, betont Volkmann (85). „Eintracht Frankfurt“, wirft Scharlau (überbezahlt) ein. Bei aller Freundschaft, der Wettbewerb um die besten Ideen treibt die beiden an. „Competition is a must“, da sind sich die gefeierten Edelfedern einig.

Ich will über die Inhalte sprechen. Da wird Linus Volkmann (Alter unbekannt) ernst. „Für die zweite Ausgabe haben wir Drogen als Klammer gewählt. Sex, Heroin, Meskalin. Alles das, was der Business-Punk-Leser erwartet und nicht bekommt. Dazu gibt es tolle Bilder von Katzenshows, hassenswerte Menschen und ganz konkrete Hilfestellungen.“ Zum Beispiel? Scharlau (hä?) erklärt: „Wie erkenne ich einen V-Mann im Freundeskreis. Ein ganz spannendes Thema, für das wir auch im Internet recherchiert haben. Ach ja, eine 20-seitige Kiffer-Sitcom über Jugendliche gibt’s auch noch“. Diese spielt in den 90er Jahren, einer Zeit, in der beiden Autoren noch gar nicht auf der Welt waren. Volkmann (wurde Opfer von Trickbetrügern) wiegelt ab: „Das Hineinversetzen in vergangene Epochen ist simples journalistisches Handwerk.“ Scharlau (muss mal) ergänzt: „Das ist wie bei Bad Men“. Lachend wirft sein Geschäftspartner einen kiloschweren Locher nach ihm und schaut verstohlen auf seine drei Uhren (Zeitzonen Berlin, London, New York). Ich verstehe. Hier wird Zeitungsgeschichte geschrieben und die schreibt sich nicht von alleine.

„Schinken Omi #2“ ist bereits erschienen. Kontakt: facebook.com/schinkenomi, schinkenomi@gmx.de

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Erklär mir: Philipp Poisel

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Philipp Poisel sieht wirklich nicht aus wie der kommende Singer/Songwriter-Superstar oder der nächste Popdarling für die „Wetten, dass …?“-Couch. Viel eher wirkt er wie ein sehr seltsames Kind. Ein sehr seltsames Kind, das einen mit seiner Musik unweigerlich zu berühren imstande ist – und dabei zu aller Verwirrung sogar bereits 26 Jahre alt ist.

„Meine Freunde hatten mich vor dem Melt! Festival gewarnt, das sei nur so ein Electro-Ding, die würden mich da doch von der Bühne werfen, wenn ich nicht aufpasse.“ Jetzt, nach der Show, hat Philipp aus Stuttgart gut reden. Das Worst-Case-Szenario auf der Hauptbühne blieb aus. Natürlich. Denn Philipp Poisel wirkt zwar wie ein Schüler, den man vor den Klassen-Bullys beschützen möchte, aber eigentlich sollte man sich von ihm an die Hand nehmen lassen. Seine Songs machen das unmittelbar klar, ach, seine Songs machen dich unmittelbar klar.
Eine markante nuschelige Stimme, die immer auch mit paar Schrägheiten spielt, dazu eine Band, die aber kaum mehr Raum einnimmt als die alles begleitende Gitarre. Aus dieser einfachen Formel holte Poisel schon seit seinem Debüt 2008 („Wo fängt dein Himmel an?“) mehr raus als so viele andere.

Im Zentrum der neuen Platte steht ein Song über eine Krebsdiagnose, die ihn ereilte und sich erst nach quälend langer Zeit und Untersuchungen als falsch rausstellte. Und so singt er: „Ich hab furchtbar Angst vorm Tod / … / Auch wenn das Leben manchmal traurig ist / Bin ich froh, froh, dabei zu sein.“ Nimmt man Glaubwürdigkeit, Originalität und Emotionen als Maßstab für Kunst, ist das System Poisel eine Offenbarung.

So offenbarend, dass man auch Angst haben muss. Immerhin wurde Poisel entdeckt von Herbert Grönemeyer, auf dessen Label er damit auch landete, immerhin gibt ihm seine Mutter Ratschläge, er solle ruhig mal bisschen fetzigere Musik spielen, immerhin zitiert das Platteninfo das Magazin Petra. Will sagen: Poisel ist so gut und universell, den wird es nicht „indie-only“ geben – mit „Bis nach Toulouse“ ist der Weg zu jener „Wetten, dass …?“-Couch schon geebnet. Dagegen kann man nichts tun. Außer vielleicht: es selbst den drögsten Format-Radiohörern und ungeilsten Mühlsteinen gönnen, dass sie bald schon Fan von Poisel sein werden. Man muss auch teilen können.

“Bis nach Toulouse” von Philipp Poisel ist bereits bei Grönland/Rough Trade erschienen.

Erstveröffentlichung des Artikels bei Intro.

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Interview: Florian Horwath

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Ein Wiener Künstler, der sich stoisch Zeit nimmt. Zeit, die er von Plattenfirmen nie bekommt. Sorgsam verspielt und unbeeindruckt von den Männern in den grauen Anzügen erscheint nun auf dem nächsten Label sein drittes Album, “Speak To Me Now” – trainiert von Sven Regener. Linus Volkmann fragte sich durch.

Das Platten-Info spricht vom Einfluss von “Rauchwaren” auf das Album – soll uns damit vermitteln werden, dass ihr Kiffer seid? Nur keine Scham!
Das mit den Rauchwaren gestaltet jeder bei uns so, wie er es für richtig hält. Für mich ist das nichts in Zusammenhang mit Musik. Räucherstäbchen sind ja auch Rauchwaren, oder? Wobei, da waren keine dabei bei den Aufnahmen …

Wie kamst du auf Sven Regener von Element Of Crime als Produzent?
Sven und Charlotte [dessen Frau und Managerin] waren neben der Band die Ersten, denen ich die Demos der neuen Lieder vorgespielt habe. Ihr Feedback spornte mich an, bei der Einfachheit der Demos zu bleiben und mich auf die Kraft jenes Einfachen zu konzentrieren. Dass Sven sich dann bereit erklärt hat, das Album zu mischen, und auch noch zusätzliche Instrumente spielte, war herrlich – und hat diesen Kreis geschlossen.

Sven gilt ja als großer Skeptiker mit norddeutsch harschem Gemüt – musstet ihr beide euch erst mal arrangieren, um mit der Art des anderen im Arbeitsalltag zurechtzukommen?

Ich schätze die direkte Art der Kommunikation sehr. Es geht immer um die Sache, um das Konstruktive, es gibt kein Herumfackeln oder -daddeln, alles immer am Punkt, keine Zeitverschwendung. Insofern: nein.

Du bist ja labelmäßig sehr ruhelos. Sind die neuen Engagements für dich mehr Gewinn oder eher kunstlose Zeitfresser?
Die Funktion von Labels hat sich stark verändert in den letzten Jahren, und es ist insgesamt die Frage, ob man überhaupt eins braucht. Ich finde ja – auch aus einer Art romantischen Vorstellung davon, wie eine Platte in die Welt kommt und dass dies ein gemeinsamer liebevoller Akt des Erweckens ist. Ganz so ist es in der Label&Musik-Realität ja dann doch nicht, habe ich dann festgestellt … Trotzdem bin ich sehr zufrieden mit dem jetzigen Set-up. Klare, schnelle Entscheidungen und ein einfacher Plan mit Zug zum Tor dahinter.

“Speak To Me Now” ist bereits bei Stereo Deluxe/Warner erschienen.

Erstveröffentlichung des Artikels bei Intro.

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Interview Tocotronic: “Freiheit macht arm”

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Ein neues Album von Tocotronic ist ein Ereignis, „Schall und Wahn” macht da keine Ausnahme. Ein hysterischer Fiebertraum aus Angst und Unterdrückung: Euphorie ist, wenn der Schmerz nachlässt. Michael Weiland traf sich für hamburg:pur mit Jan Müller und Dirk von Lowtzow zum Gespräch.

DIY, also „Do it yourself” war ja mal so eine Maxime der Punkszene. Nun heißt die erste Single „Macht es nicht selbst”. Ist das provokant gemeint?
Dirk: Provokation unserer selbst. Man muss ja alles selber machen. (lacht.)
Jan: Es ist schon ein bisschen provozierend, es wird ja überall wahnsinnig glorifiziert, wie kreativ neuerdings alle sein können.
Dirk: Es ist aber auf keinen Fall ein Diss der DIY-Punkszene, wir haben ja unsere erste Single mehr oder weniger selbst gepresst… (lacht.) Es ist eine Anklage gegen diese Forderung im zeitgenössischen Kapitalismus, diese Forderung der ständigen Selbstmobilisierung. DIY war ja mal eine Gegenbewegung zu einer herrschenden Meinung, inzwischen bist du ja gezwungen dich permanent selber zu erfinden, das ist ja ein gesellschaftlicher Imperativ. Insofern hat sich das, was mal DIY war, ja nahezu pervertiert und ist zu etwas geworden, was permanent von dir verlangt wird und auch zu Überforderung führt. Man darf aber nicht vergessen, dass das Stück ja doch sehr humoresk ist. Das ist ein Blödelknüller.

Im Info bezeichnet ihr die letzten drei Platten inklusiver dieser als Berlin-Trilogie.
Dirk: Natürlich ist es immer auch ein Quäntchen Scherz mit dabei, auch die Lust an der eigenen Kategorisierung und an der Unterteilung in Werkgruppen. Man findet so was ja oft sehr witzig. Aber ich finde, da ist schon was dran, und die drei Alben verbinden sich auch ganz schön zu einer Gruppe.
Jan: Wir haben mit dieser Art live aufzunehmen und auf eine bestimmte Art zu arbeiten bei „Pure Vernunft darf niemals siegen” angefangen und sind über „Kapitulation” weitergegangen bis zu so einem Endpunkt… zumindest erscheint der einem wie ein Endpunkt. Damit ist diese Methode für uns aber auch ausgereizt. Irgendwie schien uns „Schall und Wahn” wie ein Abschluss, daher die Bezeichnung Trilogie.

Ihr seid, bis vielleicht auf Rick, alle auch in elektronische Projekte involviert. In den Tocotronic-Kosmos hat elektronische Musik aber nie so recht Einzug gehalten. Gibt es Dinge die Tocotronic nicht sein darf?
Jan: Es gab ja schon eher elektronisch inspirierte Stücke von Arne, wie „Tag ohne Schatten”. Und wir haben uns auch bei der weißen Platte, „Tocotronic”, schon sehr mit dem Track-artigen Aufbau von Stücken beschäftigt. Aber um deine Frage zu beantworten, ich denke, Tocotronic ist noch lange nicht ausgelotet. Natürlich haben wir Restriktion auch immer als Aufgabe gesehen. Wir sind eine Rockband, eine deutschsprachige zudem – aber es gibt eigentlich keine Regel, die man nicht brechen darf.
Dirk: Wir finden so eine Selbstbeschränkung oft spannender als jede Möglichkeit zu haben.
Jan: Daraus erwächst auch so eine Stärke. Wie bei einem Konzentrat.
Dirk: Zuviel Freiheit macht auch arm. Wenn man alles zulassen würde, dann würde man sich verlieren, auch in der Abbildung der eigenen Vorlieben. Nur weil ich persönlich gerne Freejazz von John Coltrane höre, muss man das nicht unbedingt machen.
Jan: Stichwort Schnapsidee. (Gelächter.)
Dirk: Weil es einfach wichtig ist, ein bestimmtes Regelwerk zu haben, was eine Rockband wie Tocotronic zu sein hat. Und wie du richtig sagst, wann immer es diesen Rahmen sprengt, fangen wir lieber ein neues Projekt an. Was aber nicht heißt, dass wir die Grenzen einer Rockband nicht ausdehnen und alle Ecken beleuchten.

„Schall und Wahn” erscheint am 22. Januar bei Universal.

Foto: Sabine Reitmeier

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Air: Die Imitation von Chinesisch

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Nach Kollaborationen mit unter anderem Charlotte Gainsbourg, Jarvis Cocker und Neil Hannon sind Air auf ihrem neuen Album “Love2″ wieder auf sich gestellt. Sebastian Ingenhoff traf Jean-Benoît Dunckel in Berlin und wollte erst mal wissen, wie man denn eine so Jam-artige Platte machen könne.

So ein Album muss man sich wahrlich leisten können. Es gibt mal wieder keinen Hit. Auch keine Stargäste wie noch auf dem Vorgänger “Pocket Symphony”. Das Titelstück besteht gesanglich einzig und allein aus der monotonen Wiederholung des Wortes “Love”. Die Single ist eine Art instrumentaler Progrock mit synthetischen Gitarrensoli. Und dann dieser Albumtitel: “Love2″. Der macht doch überhaupt keinen Sinn.

Air veröffentlichen wohlgemerkt noch auf einem großen Majorlabel. Auf die Frage, ob ihr Plattenboss ihnen die Mastertapes nach dem ersten Hören nicht um die Ohren gehauen habe, muss Jean-Benoît Dunckel lachen. “Nein, hat er nicht. Wir sind tatsächlich in der angenehmen Situation, totale Narrenfreiheit zu haben. Auch viele unserer älteren Stücke klangen ja erst mal völlig weird, aber es hat irgendwie immer funktioniert. Also, was sollen sie sagen? Ich glaube, die hören sich das gar nicht mehr richtig an. Das läuft so nach dem Motto: ‘Macht, was ihr wollt, ihr seid sowieso Spinner.’ Es ist halt eine gegenseitige Abhängigkeit. Wir brauchen diese professionelle Hilfe, weil wir von dem ganzen Businesskram keine Ahnung haben, und sie brauchen uns, weil wir trotz allem immer noch gut Platten verkaufen. Auch wenn es schon ein paar Jahre her ist, dass wir unseren letzten Radiohit hatten.”

Falls hier der Eindruck völliger Unhörbarkeit entstanden sein sollte, das wäre natürlich arg übertrieben, denn auch auf dem mittlerweile siebten Album der Franzosen (den “Virgin Suicides”-Soundtrack mit eingerechnet) gibt es noch den einen oder anderen klassischen Song. Zum Beispiel das empfindsame, von einem Oscar-Wilde-Stück inspirierte “So Light Is Her Footfall”, das tatsächlich an “Virgin Suicides”-Zeiten erinnert. Progrock-Einflüsse ließen sich auch früher schon heraushören, nur war das Fundament weitestgehend elektronisch. Auf “Love2″ hingegen gibt es mehr Gitarren denn je, und durch die Zusammenarbeit mit Joey Waronker spielt das Schlagzeug eine immer wesentlichere Rolle in der Produktion. In ihrem Pariser Studio haben Jean-Benoît Dunckel und Nicolas Godin einen Fuhrpark an Synthesizern und Gitarren angehäuft. Das Album wurde erstmals im Alleingang produziert: “Ohne unser neues Studio Atlas hätte ‘Love2′ niemals entstehen können. Wir hatten absolut keinen Zeitdruck und improvisierten viel. Das hört man den Songs an, die Stücke sind freier, es gibt viele obskure Sounds zu hören. Wir wollen einfach keine Radiohits mehr schreiben, das ist so ermüdend auf Dauer. Es ging uns eher darum, Sounds zu entdecken und mit ihnen zu experimentieren.”

Das Ergebnis hat tatsächlich Jamsession-Charakter. Die Beschäftigung mit improvisierter Musik ließ sich schon auf “Pocket Symphony” heraushören, wo bei einem Stück Fela-Kuti-Drummer Tony Allen trommelte. Wurden Air früher schon mal als bourgeoise Fahrstuhlkomponisten belächelt, die mit geringem Störfaktor harmlos vor sich hin plätscherten, so kann man “Love2″ eine solche Gefälligkeit nun wirklich nicht mehr vorwerfen. Es gibt sogar vereinzelt Stücke, die gehen einem richtig auf den Sack. Also, im positiven Sinne. Da wird mit nervigen Klangfiguren und Geräuschen jongliert, da fiept es, da jaulen irgendwelche gitarrenähnlichen Maschinen. Das muss sich Musik eben herausnehmen können: auch mal zu stören. Immer nur gefällig und nett sein, davon wird man auf Dauer rammdösig.

Die Gesangspassagen werden zum großen Teil wieder von Dunckel übernommen, dessen Elfenstimme wie ein eigenes Instrument eingesetzt wird. “Das war immer schon unser Konzept, egal, wer unsere Lieder gesungen hat. Dem Gesang muss irgendetwas Rätselhaftes anhaften. Die Musik ist aber nicht gebunden an eine feste Sängerfigur, sie ist gewissermaßen körperlos. Es geht nicht um den Mann, der seine Geschichte erzählen muss. Das unterscheidet uns von jemandem wie Leonard Cohen. Aus den Songs spricht immer etwas uns Übergeordnetes.” Die Texte sind, wenn es denn welche gibt, relativ simpel gehalten. Dunckel meint, das läge in erster Linie daran, dass ihre sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten im Englischen nun mal sehr limitiert seien. So erklärt sich ein Song wie das ungewollt dadaistische “Sing Sang Sung”, dessen Refrain an einen Sechsjährigen erinnert, der versucht, Chinesisch zu imitieren.

Großen kommerziellen Erfolg haben Air also scheinbar nicht mehr nötig. Hatten sie ja noch nie – sie sind finanziell abgesichert, qua Stammbaum gewissermaßen. Aus ihrer gehobenen Herkunft haben die Franzosen nie einen Hehl gemacht. Trotzdem sind sie regelrechte Workaholics und haben nebenher zahlreiche Projekte am Laufen. Jean-Benoît Dunckel plant langfristig wieder ein Soloalbum als Darkel. Darüber hinaus wird es auch wieder einen Filmsoundtrack geben, Gerüchten zufolge für den neuen Film von Sam Gabarski (“Irina Palm”). Und falls sie mit dieser Platte hier tatsächlich die Leute verprellen sollten, dann machen sie eben einfach eine neue.

“Love 2″ ist bereits bei Virgin/EMI erschienen.

Erstveröffentlichung des Artikels bei Intro.

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Jochen Distelmeyer – In Zukunft alles offen

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Mit seiner Band Blumfeld hat Jochen Distelmeyer deutschem Indierock in den Neunzigern eine unverwechselbare, hochkomplexe Sprache geschenkt, um nach und nach zu einem modernen Liedermachertum der klaren Worte zu
finden. Sein erstes Soloalbum „Heavy“ ist eine bruchlose Fortführung seiner Karriere: Ein Album über Trennungsschmerz und Liebe, das unumwunden Pop ist, an emotionaler Tiefe seinem Titel aber alle Ehre macht. Unser Mann Michael Weiland war im Auftrag von Hamburg:Pur ganz nah am Mann.

Man erwartet von Soloalben oft so eine Art emanzipatorischen Akt: dass man sich mit Nachdruck vom Alten löst. Das Gefühl hat man bei „Heavy“ überhaupt nicht.

Mir ging es auch nicht um Emanzipation oder Abkehr von irgendetwas, sondern darum bei mir, mit mir weitermachen – unter anderen Vorzeichen. Es gibt in den 16 Jahren Blumfeld nichts, was ich nicht gut fände, wovon ich mich distanzieren müsste. Das ist eine sehr wichtige, schöne, prägende Zeit gewesen, die mich dahin geführt hat, wo ich jetzt eben bin, mit einem veränderten Verständnis von mir als Musiker und als Mensch.

Welche veränderten Vorzeichen wären das denn?

Ich hab das Gefühl, dass ich mit dem, was ich versuche als Musiker und als Typ zu tun, alleine bin. Dass es dafür keine Role Models oder Instanzen zur Orientierung für mich gibt. Ich hab meine Dämonen aufgebraucht. Diese Strecke ist niemand vor mir gegangen, das ist mein Weg.

Als ersten neuen Song von dir hörte man „Wohin mit dem Hass?“ mit Zeilen wie „Lasst ihre Wagen brennen“ oder „Macht etwas Schönes kaputt“. Ist dir dieses Gefühl sehr vertraut?

Mir war so, als läge etwas in der Luft, etwas Gärendes, was darauf drängt, sich in irgendeiner Form entladen zu können. Und mich hat gereizt und beschäftigt, durch welche Stadien man damit geht. Und ich verstehe die Strophen so, dass, auch wenn es möglicherweise nachvollziehbare Gründe gibt die Wagen brennen zu lassen, das aber nichts mit dem Überwinden dieses Gefühls zu tun.

In der aktuellen SPEX-Titelgeschichte wird von Seiten der Goldenen Zitronen der leise Wunsch geäußert, du könntest dich musikalisch mehr trauen. Hattest du selbst im Vorfeld der Aufnahmen schonmal die Überlegung, das Ganze wieder etwas „edgier“ zu machen?

Och, ich finde es schon ziemlich edgy, was ich da mache. Ich glaube, diese Einschätzung ist abhängig davon, was man denkt, dass Mut erfordert. Und vordergründig edgigere Sounds zu fahren, finde ich zwar auch gut, hat für mich aber nichts mit „sich was trauen“ zu tun. Da geht es am Ende des Tages um ganz andere Sachen.

Was nach „Old Nobody“ kaum mehr in deinen Songs auftauchte, sind die synthetischen, elektronischen Elemente. Hast du überhaupt noch ein Interesse an Tracks, als Gegensatz zu Songs?

Ich finde auch Tracks nach wie vor super, und das ist auch etwas was mich immer noch interessiert. Aber für dieses Album mit diesen Songs, die im Laufe der Zeit entstanden sind, schien mir das nicht angezeigt zu sein. „Hiob“ hat ja auch noch so ein „trackiges“ Gefühl. Für die Zukunft ist alles offen.

Jochen Distelmeyers Solo-Album “Heavy” erscheint heute bei Columbia.

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Audiolith – Doin’ Our Thing

23056319Ein Label, ein Leben, ein Sound, eine Welt. Stimmt natürlich nur bedingt – denn Audiolith hat viele Gesichter und klingt ungeahnt verschieden mitunter. Clickclickdecker, Egotronic, The Dance Inc., Frittenbude, Rampue, Bratze etc. – alles: “brought you by Audiolith from HH”. Zur Jubiläumsplatte plus DVD steht ein Talk mit Lars Lewerenz an.

Wie lange gibt es Audiolith eigentlich?
Etwas über sechs Jahre. In diesen sechs Jahren bin ich gefühlte 20 gealtert, habe diverse Alben, Singles, MP3s veröffentlicht, bin auf die Schnauze gefallen und wieder aufgestanden. 2009 ist Katalognummer 50 am Start, eine CD-Compilation mit 18 exklusiven Tracks plus Bonus-DVD mit siebenundzwanzig Musikvideos, sozusagen der heiße Scheiß der Künstler, die ich so liebe.

Audiolith ist seit 2008 auch ein Verlag, eine Bookingagentur, die mein Kollege Artur Schock in Berlin leitet, und das soziale Netzwerk, in dem ich mich tagtäglich bewege. Nur gute Leute, keine Arschlöcher, und 100 % qualitativ hochwertiger Output, hinter dem ich stehe.

Was war die Idee, als du damit begonnen hast – und wie bewertest du, was in der Zeit daraus geworden ist?
Ich hab mir ein Buch auf dem Flohmarkt gekauft und mir angelesen, wie man so was Geiles wie Audiolith aufzieht. Ein paar Jahre später hat Audiolith diverse aktive Künstler im Roster, und das Konto ist dick gefüllt. So einfach ist das natürlich nicht. Ich habe meine Erfahrung aus Bands, in denen ich gespielt habe, und aus der Arbeit für Dim Mak Records mitgebracht – und gute Menschen, die mir ihr Repertoire anvertraut haben und ihre Visionen mit mir teilen, um mich gehabt. Viel hat sicher auch mit meiner Sozialisation zu tun. Punkrock, Dicker! Und na klar ist es vor allem harte Arbeit für wenig Geld, aber ich bin mein eigener Boss, und die Künstler und ich können machen, was uns passt. Das wachsende Feedback der Menschen, die unsere Veröffentlichungen und Merchandise kaufen, die Konzerte besuchen und sich mit dem, was wir tun, identifizieren, hat es eigentlich zu dem gemacht, was es heute ist.

Hand aufs Herz, kann man mit einem Indie-Label 2009 noch Geld verdienen?
Audiolith funktioniert nur als ganzheitliches Chaos aus Label, Verlag, Booking und Veranstaltungen etc. und den mafiösen Strukturen dahinter.

Falls nicht, wie klappt es dann mit der Ökonomie – für dich und deine Bands?
Einige gehen noch Fliesenlegen, in Clubs Garderoben bauen, und einige schreiben sogar Bücher. Jeder im Audiolith-Kosmos beschäftigt sich auch noch mit anderen Dingen.

Was ist deine persönlich liebste Platte unter den Audioliths so far?
Am liebsten sind mir die Momente, wenn jemand ein neues Album abliefert und ich mich dann in die Sachen reinhöre. Dann wachsen die Songs, und ich fang teilweise an zu weinen, bekomme Gänsehaut und denke oft: “Die Musik ist einfach viel zu gut für mein kleines Labelchen.” Zu verschiedenen Zeiten habe ich da meine Lieblingssongs, aber generell finde ich alles geil, sonst würde es auch nie auf Audiolith rauskommen.

Du hast ja selbst eine Band (gehabt). Die Oi-Skin-Gruppe Smegma. Warum veröffentlichst du selbst so auffallend wenig Musik in der Art?
Weil ich keinen Bock auf Leute hab, die in ihrer musikalischen Wahrnehmung beschränkt sind. Und leider muss ich sagen, dass ich nicht nur im Punkbereich, sondern auch bei vielen anderen Musikrichtungen einfach nicht mit den Leuten klarkomme, die sich irgendeine Szene auf die Fahne schreiben und nicht offen für andere Sachen sind. Aber das beste Erlebnis hatte ich dazu in Wolfsburg. Ein Skinhead steht vor mir, und ich frag ihn, was er für Musik hört. “Ska und Egotronic” – recht so! Verschiedene Musik. Das will ich sehen. Verschiedene Menschen.

Stimmt es, dass es ein Smegma-Re-Release geben wird?
Die Sammlung “Gehalt, Hab und Gut” kommt demnächst auf True Rebel Records aus Hamburg raus.

Was ist deine Utopie davon, wie es mit Audiolith weitergehen sollte?
Mein Traum ist, das Ding so zum Laufen zu bekommen, dass wir ein paar Leute einstellen können. Das Audiolith-Ding an die jüngere Generation weiterzugeben.

Und wie, denkst du, geht es in echt aus?
Es wird sich in 50 Jahren ein schwarzes Loch auftun und alles verschlingen. Das ist nur die Ruhe vor dem Sturm 2009. Alles wird untergehen, und es wird still werden.

“Doin’ Our Thing” ist bereits bei Audiolith/ Broken Silence erschienen.

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Schön ausgedacht: Sally Shapiro

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Nicht nur über Labels wie Italians Do It Better erfährt Italo Disco seit geraumer Zeit eine skurrile Renaissance. Die Szeneprotagonisten scheinen von überallher aus der Welt zu stammen – nur nicht aus Italien. Der rheinische Südländer von Intro, Sebastian Ingenhoff, weiß mehr darüber.

Auch die Schwedin Sally Shapiro hat sich mit ihrem Produzenten Johan Agebjörn eine warmblütige Tanzmusik ausgedacht, die ihr bereits Kollaborationen mit Bands wie den Junior Boys oder Holy Ghost einbrachte und das hellwache Permanent-Vacation-Label auf den Plan rief. Dort erscheint ihr zweites großartiges Album “My Guilty Pleasure”.

Du hast Sally Shapiro als reine Kunstfigur entworfen. Über dich selbst erfährt man so gut wie nichts, auch deinen richtigen Namen möchtest du nicht verraten. Warum so viel Geheimniskrämerei?
Sally: Ich betreibe die Musik ja nicht hauptberuflich, sondern habe einen ganz normalen Job. Da wir nicht live spielen, gibt es Sally Shapiro eben nur auf Platte. Das soll auch so bleiben. Ich finde es schön, jemand anders sein zu können, das macht es ein bisschen mysteriöser. In meinen Texten geht es hauptsächlich um Dinge, die jeder kennt. Ich versuche eben, das möglichst von mir selbst zu abstrahieren, sodass immer nur die Kunstfigur Sally Shapiro spricht.
Johan: Natürlich steckt in unseren Texten auch immer etwas Eigenes drin, aber es ist eben nie die ganze Wahrheit. Das tatsächlich Erlebte wird immer um irgendwas Fiktionales ergänzt.
S: Du musst dir also keine Sorgen machen, dass ich die ganze Zeit lovesick wäre. Wenn ich Musik konsumiere, möchte ich mich und meine Gefühle einfach in der Musik wiederfinden können. Ein Song muss mir als Hörerin immer diesen Spielraum geben. Ich möchte dabei gar nicht alles über den jeweiligen Künstler selbst wissen. Ein Künstler sollte sich gewisse Geheimnisse bewahren, das macht ihn ja gerade zu einem besonderen Wesen.

Das widerspricht natürlich dem Trend, dass man über jeden Popstar alles weiß. Lily Allen bloggt sogar, wann sie auf der Toilette war.
S: Ich finde das schade, da werden ganze Mythen zerstört. Das meiste, was man in diesen Blogs liest, ist ja wirklich stinklangweilig. Da fragt man sich manchmal: “Ihr seid Popstars, und das hier soll wirklich euer Leben sein?” Da fahre ich lieber den Computer wieder herunter und lasse im Kopf meine eigenen Bilder entstehen.

“My Guilty Pleasure” ist bereits bei Permanent Vacation/Groove Attack erschienen.

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Gilbert Blecken – Destination:Pop

destinationpop50Interviews gelten ja gemeinhin als die Königsdisziplin im musikjournalistischen Gewerbe. Dabei wird vergessen, dass es sich meist um dröge Veranstaltungen handelt. Nervige “Betreuer/innen” des Künstlers, Zeitlimits, abgesprochene Fragen, Künstler in redefaulen oder sonstigen derangierten Zuständen. Erfahrungen, die auch der ehemalige Fanzine-Schreiber Gilbert Blecken in seinem Buch “Destination:Pop” beschreibt, das jetzt in dritter Auflage erscheint. “50 Interviews von ABC bis Zoot Woman” lautet der Untertitel und Gott sei Dank sind nur wenige Interviews vernachlässigbar. Dazwischen viel Informatives, Lustiges und auch mit gescheiterten Interviewanfragen und schlimmen Künstlern hält Blecken nicht hinter dem Berg. Vor allem nicht bei seinem speziellen Freund Brett Anderson (Suede).

“Destination: Pop”(288 Seiten) ist ab 7. September bei yeahbooks für 22,- Euro und im eigenverkauf bei booklooker für 18,- Euro erhältlich.

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Interview: Jon McLure (Reverend & The Makers)

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Jon McLure hat mit seinen „Reverend & The Makers“ nicht nur ein fantastisches, neues Album gefertigt, er definiert sich auch über Electro, Rock und Pop hinaus. Ehrlich und laut sein, auch wenn die Skinheads auf ihn warten. Und am besten alles in Schutt und Asche liegt.

„Mermaids“ ist der Schlüsselsong deines neuen Albums. Was ist die Idee dahinter?
Es geht um „Transgender Dysphoria“. Die Sehnsucht danach, dem anderen Geschlecht anzugehören. Bis zu 65% dieser Jugendlichen bringen sich um, bevor sie 18 Jahre alt werden. Ich habe eine Dokumentation über einen dieser jungen Leute gesehen und war tief berührt.

Sexualität spielt als Einfluss für dich also eine große Rolle?
Es geht mir dabei nicht so sehr um explizite Sexualität. Mehr darum, etwas sein zu wollen, was man nicht ist und daran zugrunde zu gehen. Darin kann ich mich sehr gut wiederfinden.

Der Hauptunterschied zwischen deinem ersten und aktuellen Album sollen die Drogen gewesen sein, die du in der Zwischenzeit genommen hast?
Ja, hauptsächlich sehr viel MDMA. Aber ich hab’s übertrieben und bin an irgendeinem Punkt ziemlich abgedreht. Mittlerweile ist es aber wieder okay und ich bin bei mir selbst. Derzeit rauche ich nur noch ne Menge Gras.

Auf „A French Kiss In The Chaos“ versuchst du, deinen Platz als ehrlicher Mensch in einer zynischen Welt zu finden.
Und das auf eine positive Weise. Es ist hart, sich von dieser ganzen Scheiße nicht runterziehen zu lassen, aber es gibt keine Alternative dazu.

Machen dich diese apokalyptischen Visionen und die Angst vor dem Chaos, die du beschreibst, kreativer in deiner Arbeit?
Was heißt Visionen? Wir führen derzeit zwei große Kriege und die Angst ist doch überall greifbar. Vielleicht haben wir nicht mehr viel Zeit, also muss ich Songs schreiben und als Künstler und Privatmensch das tun, was wichtig ist.

Dabei beziehst du als einer der wenigen Musiker explizit politisch Stellung.
Was nichts Besonderes ist. Nur weil andere lieber ihr Maul halten und ihren Erfolg vor ihre Integrität stellen, muss ich das nicht auch noch tun. Egal, welchen Preis man dafür zahlen muss. Meine Eltern wurden telefonisch bedroht. Auf Gigs wurden unsere Fans und wir von BNP-Sympathisanten bedroht und angegriffen. In einer Toilette eingeschlossen zu sein, während draußen vier Skinheads darauf warten dich fertigzumachen, ist schrecklich. Aber ich werde deshalb meine Art nicht ändern.

Du giltst gerade deshalb als Independent-Ikone…
…was lächerlich ist. Nur weil ich ein paar Major-Angebote ausgeschlagen habe, mich politisch äußere und wie ein normaler Mensch verhalte? Das kann dir nur in einer Umgebung, in der sich andere Bands wie Angsthasen und Idioten verhalten, als außergewöhnlich lobenswert erscheinen.

Du bist während der Thatcher-Ara in Sheffield aufgewachsen…
…und ich habe John Major, Tony Blair und Gordon Brown erlebt. Diese ganzen korrumpierten Gestalten. Das System Westeuropas und der USA ist doch nicht nur finanziell bankrott, sondern auch und vor allem moralisch. Wir müssen nach neuen Wegen suchen, auch wenn dabei das Bestehende in Schutt und Asche untergeht.

“A French Kiss In The Chaos” erscheint am 21. August bei Wall Of Sound/PIAS. Foto: Chris M. Saunders

Erstveröffentlichung des Interviews bei Intro.

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