Munitionen zu Besuch: Visite bei der Redaktion von „Schinken Omi“
7. Januar 2011
Wäre Theofanis Gekas Popjournalist, er hieße Linus Volkmann. Auch nach vielen Jahren in diesem Land spricht er nur gebrochen Deutsch, gilt unter Kollegen als extrem faul, aber wenn er sein Ziel anvisiert, gelingt ihm meist ein Treffer. So auch das wunderbare Fanzine „Schinken Omi“, das der 43-Jährige gemeinsam mit Felix Scharlau (19) herausgibt. Die zweite Ausgabe (mit großem Drogen-Spezial) ist jetzt draußen. Eine gute Gelegenheit, mal in der Redaktion von „Schinken-Omi“ vorbeizuschauen.
Große Fenster, blitzendes Parkett, ein frischer Duft durchzieht die geräumige Kölner Redaktion in bester Lage. Mit prominenten Nachbarn: Stephanie Freifrau zu Guttenbergs Verein „Innocence in Danger“ residiert Tür an Tür mit den Fanzinemachern Volkmann (35) und Scharlau (ÖDP). Reiner Zufall, wie der in Nebentätigkeit als stellvertretender Chefredakteur des Musikmagazins „Intro“ arbeitende Volkmann (4) betont: „Das ist reiner Zufall.“ Vor wenigen Monaten hat sich der umtriebige Medienunternehmer mit „Schinken Omi“ einen langjährigen Traum erfüllt. Seitdem steht das Telefon nicht mehr still. „Ja“, „Nein“, „Vielleicht“, „Keine Ahnung“, „Innocence in Danger hat die Durchwahl 4, hier sind Sie bei der 3“ – Volkmann (51) ist kurz angebunden, wichtige Entscheidungen warten. Der maskuline Felix Scharlau (Quatsch Comedy Club) sitzt ihm gegenüber und schmunzelt. Er kennt sein Gegenüber seit vielen Monaten. Schließlich arbeitet auch er bei „Intro“. „Der Spex für Leute, die Dath nicht verstehen“, wie er mit sanftem Lächeln betont. Die Atmosphäre des Büros unterstreicht ihre Persönlichkeit: Nicht die im Popjournalismus üblichen Titten- und Würstchenbilder, stattdessen tibetanische Gebetsfahnen und warmes Licht. Scharlau (Halle/Saale) bevorzugt ebenso wie sein kurzsichtiger Kompagnon klare Strukturen.
Dabei könnte ihr Lebenslauf nicht unterschiedlicher sein: Scharlau wurde 1984 als Sohn eines Großindustriellen in Hanau geboren, gewann viel Geld beim Glücksspiel und hat wenig Sorgen. Volkmanns Leben verlief weitaus turbulenter: 1947 in Königsberg, dem heutigen Kaliningrad, geboren, floh seine Familie 1973 versehentlich in die DDR, bevor sie am 8. November 1989 unter Todesgefahr die Grenze überquerte. Den Mauerfall verschliefen sie erschöpft. Danach ging es nach Hessen. Wieder eine Klammer zwischen dem passionierten Dynamitfischer Volkmann (24) und Scharlau (müde): Beide sind große Anhänger Eintracht Frankfurts. „Ich liebe den FC Frankfurt“, betont Volkmann (85). „Eintracht Frankfurt“, wirft Scharlau (überbezahlt) ein. Bei aller Freundschaft, der Wettbewerb um die besten Ideen treibt die beiden an. „Competition is a must“, da sind sich die gefeierten Edelfedern einig.
Ich will über die Inhalte sprechen. Da wird Linus Volkmann (Alter unbekannt) ernst. „Für die zweite Ausgabe haben wir Drogen als Klammer gewählt. Sex, Heroin, Meskalin. Alles das, was der Business-Punk-Leser erwartet und nicht bekommt. Dazu gibt es tolle Bilder von Katzenshows, hassenswerte Menschen und ganz konkrete Hilfestellungen.“ Zum Beispiel? Scharlau (hä?) erklärt: „Wie erkenne ich einen V-Mann im Freundeskreis. Ein ganz spannendes Thema, für das wir auch im Internet recherchiert haben. Ach ja, eine 20-seitige Kiffer-Sitcom über Jugendliche gibt’s auch noch“. Diese spielt in den 90er Jahren, einer Zeit, in der beiden Autoren noch gar nicht auf der Welt waren. Volkmann (wurde Opfer von Trickbetrügern) wiegelt ab: „Das Hineinversetzen in vergangene Epochen ist simples journalistisches Handwerk.“ Scharlau (muss mal) ergänzt: „Das ist wie bei Bad Men“. Lachend wirft sein Geschäftspartner einen kiloschweren Locher nach ihm und schaut verstohlen auf seine drei Uhren (Zeitzonen Berlin, London, New York). Ich verstehe. Hier wird Zeitungsgeschichte geschrieben und die schreibt sich nicht von alleine.
„Schinken Omi #2“ ist bereits erschienen. Kontakt: facebook.com/schinkenomi, schinkenomi@gmx.de
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