Beiträge zum Thema Literatur

Lesen/schauen: Leanne Shapton

9783827009012Was bleibt, ist die Erinnerung. Die Momente einer großen Liebe, flüchtige Augenblicke für die Ewigkeiten. Und vielleicht das Lieblingskissen mit dem kitschigen Hund, das er damals auf der Fahrt nach München gekauft hat, damit man bequem schlafen konnte.

Ich kann sehr schwer Dinge wegschmeissen. Nicht aus Gründen des Messietums, sondern aus Angst, die an die Gegenstände gebundenen Erinnerungen für immer zu verlieren. Oft habe ich mir die Zeit und Geduld gewünscht, alles zu fotografieren, bevor ich die Regale leer räume, um Platz zu schaffen für neue Erinnerungen. Genau so muss auch Leanne Shapton gedacht haben, als sie sich auf die Spurensuche nach der vergangenen Liebe zwischen Leonore und Harold machte. In unendlicher Akribie hat sie anhand eines Auktionskataloges die Beziehung der beiden Menschen rekonstruiert, hat zusammengefügt, was vielleicht zusammengehört und so Stück für Stück ein Mosaik erschaffen, wie es wohl jede/r schon aus seinem Leben kennt. Fragmente einer fiktiven Beziehung, von Shapton erschaffen in völlig neuer Weise. Am 14. Februar 2010 kommen nun die Überbleibsel dieses gemeinsamen Stück Weges zweier Menschen unter den Hammer. Höchstgebote werden entgegengenommen!

“Bedeutende Objekte und persönliche Besitzstücke aus der Sammlung von Leonore Doolan und Harold Morris, darunter Bücher, Mode und Schmuck” ist bereits beim Berlinverlag erschienen.

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Lesen: Alexander Wall - Hotel Monopol

+ Hotelmonopol Cover09Caspar zieht mit seinen Bekannten mindestens soviel Lines wie dieses Buch Seiten hat. Und am Ende steht er mit dem verstaubten goldenen O vor den mit Dönerwerbung zugeklebten Überresten seines ehemaligen Szenetreffs in der Hand. Hedonistisch bis in die Haarspitzen der wunderschönen Bedienung zieht Caspar sein Hotel Monopol auf. Die Kernzelle des Wahnsinns liegt irgendwo im niedersächsischen Flachland, schafft es aber, ihre Fühler bis in die Hamburger Ludenbereiche auszustrecken und macht auch vor brandenburgischen Schweinebauern nicht halt. Hauptsache, die weißen Fahrbahnmarkierungen auf der Landstraße weisen die Richtung und lassen den Schädel golden durch die Nacht glänzen. Caspar bescheißt seine Gäste aus und mit reichlich Liebe, verliert sich im Dunkel der Nacht und zwischen seinen unfähigen Mitarbeitern und taucht wieder auf mit dem schmerzenden Schädel im Spülbecken. Es klingt kein Techno durch die Boxen seines Etablissements, kein Hype wird gezüchtet, nur die Schimmelpilze in der Wohnung des austherapierten Nachbarn. Kosakenkaffeeklaus darf seine Schlager am Mittwoch nachmittag auflegen, während Auge, der türkische Koksdealer gern mal irgendsoeine Grafikerin über die Spüle legen darf.

Alexander Wall ist es gelungen, eine in keinster Weise überzogene halbschattige Parallelwelt zu erschaffen. So real geschrieben wie die klebrige Thekenoberfläche jeder Kaschemme. Niemals gewinnt man das Gefühl, verarscht zu werden, Opfer einer Irritationswut zu sein, sondern einfach Gast einer vollkommen alltäglichen wahnsinnigen Karriere eines Ladens, den jede Kleinstadt kennt und liebt. Wenigstens für ein paar Jahre, bis der nächste Schatten aus dem Dunkel hervortritt und glänzend und schillernd seine warmen Arme ausbreitet und den Hocker an der Theke bequem zurechtrückt. „Erkenntnisse gewinnt man meist in raschen Zeitsequenzen. Sie bauen sich plötzlich auf und entladen sich eruptiv und im Bruchteil einer Sekunde.“

Aber Achtung: Ohne ein Ventil in greifbarer Nähe, sei es Schnaps, Koks, ein schnelles Auto zur Nacht oder auch einfach nur einen guten Sexualpartner macht das Buch nur halb soviel Spaß.

“Hotel Monopol” ist bereits im Ventil Verlag erschienen. Preis: 12,90 Euro.

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Gilbert Blecken - Destination:Pop

destinationpop50Interviews gelten ja gemeinhin als die Königsdisziplin im musikjournalistischen Gewerbe. Dabei wird vergessen, dass es sich meist um dröge Veranstaltungen handelt. Nervige “Betreuer/innen” des Künstlers, Zeitlimits, abgesprochene Fragen, Künstler in redefaulen oder sonstigen derangierten Zuständen. Erfahrungen, die auch der ehemalige Fanzine-Schreiber Gilbert Blecken in seinem Buch “Destination:Pop” beschreibt, das jetzt in dritter Auflage erscheint. “50 Interviews von ABC bis Zoot Woman” lautet der Untertitel und Gott sei Dank sind nur wenige Interviews vernachlässigbar. Dazwischen viel Informatives, Lustiges und auch mit gescheiterten Interviewanfragen und schlimmen Künstlern hält Blecken nicht hinter dem Berg. Vor allem nicht bei seinem speziellen Freund Brett Anderson (Suede).

“Destination: Pop”(288 Seiten) ist ab 7. September bei yeahbooks für 22,- Euro und im eigenverkauf bei booklooker für 18,- Euro erhältlich.

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Thomas Pynchon - Inherent Vice

YouTube Preview Image

Hat es sein letztes Opus “Against the Day” / “Gegen den Tag” hierzulande gerade erst durch die Übersetzung geschafft, erscheint entgegen seinen üblichen Schaffenszyklen bereits ein neues Werk von Thomas Pynchon, dem großen Unbekannten der literarischen Postmoderne. Der obige Buchtrailer zu “Inherent Vice” lässt auf ein Buch hoffen, das an “Vineland” und einige seiner früheren Werke anknüpft.  Meine akute Frage nach Urlaubslektüre hat sich somit gelöst.

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Ertrunken im Phrasenmeer: Der Auftrag

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Zum Geburtstag gibt’s Maskerade. Sylvain Creuzevault inszeniert Heiner Müllers „Der Auftrag“ als leblose Revolution.

Der 80. Geburtstag des bedeutendsten deutschen Dramatikers des 20. Jahrhunderts hat den Ehrgeiz des Kulturbetriebes geweckt. Wie deuten, wie inszenieren? Der junge französische Regisseur Sylvain Crezevault, Jahrgang 1982, hat im Malersaal des Hamburger Schauspielhauses „Der Auftrag – Erinnerung an eine Revolution“ auf die Bühne gebracht und sich dabei dem revolutionären Impetus Heiner Müllers sehenden Auges entzogen. Fast sklavisch an die ursprünglichen Regieanweisungen Müllers gebunden, lässt er das Ensemble im engen Korsett des 1980 von Müller selbst uraufgeführten Stückes agieren. Im Zuge der Französischen Revolution soll der Arzt Debuisson, begleitet von dem bretonischen Bauern Galloudec und dem der Sklaverei entronnenen Schwarzen Sasportas, einen Aufstand der unterdrückten jamaikanischen Schwarzen gegen die englischen Kolonialherren vorbereiten. Napoleons Machtübernahme bedeutet für Debuisson das Ende seines Auftrages, während Galloudec und Sasportas am revolutionären Ziel festhalten. Im kargen Bühnenbild vermag einzig Tim Grobe dem Stück Leben einzuhauchen. Ansonsten drischt das Phrasenmeer Müllers unterkühlt und leidenschaftslos, wie es den revolutionären Bewegungen anno 2009 zu eigen ist, auf das Publikum ein. Bevor am Ende die vorhersehbarsten Taschenspielertricks aus dem Ärmel geschüttelt werden: Alles gerät aus den Fugen, nichts ist mehr an seinem Platz, alle haben ihr maskiertes Gesicht verloren… Dröge und zahnlos vermag es Creuzevault leider nicht, dem dankbaren Sujet Aktualität einzuhauchen.

Foto: A.T. Schaefer

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Heinz Strunk - Fleckenteufel

Heute Abend ab 20.00 Uhr live im Netz: Die Premierenlesung von Strunke´s  Heinz neustem Werk “Fleckenteufel”.  D.h. ab 20h unten auf das Playknöpfchen drücken und freuen. Falls es hier Probleme gibt, einfach mal hier versuchen.

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Kurz vor Transferschluss: munitionen kauft Jimi Berlin

jimi-berlin-foto-4a.jpgLange und zähe Verhandlungen liegen hinter uns, doch im letzten DSF-Doppelpass ließ munitionen-Urgestein Udo Lattek die Bombe platzen: Medien-Mogul und hunderttausend.de-Inhaber Jörg Halstein hat gegen eine immense Lizenzgebühr seine Rechte-Schatulle geöffnet und die berühmten “Hallo Tagebuch”-Kolumnen des noch berühmteren Uwe Reinhard alias des noch berühmteren Jimi Berlin…äh…rausgerückt. Kurz und knapp: Im Jahre 2009 gibt’s saftige Resteverwertung aus dem Hause Berlin mit reichlich Apathie, schneidigem Humor und Zuckerstangen für Alt-Rocker. Wir freuen uns drauf. Ihr besser auch, sonst war die Kohle nämlich in den Mosel-Treibsand gesetzt.

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Heute! Großer Mohammed-Ähnlichkeitswettbewerb (vielleicht)!

Wer eh gerade auf der Buchmesse ist, in Frankfurt wohnt oder einfach nur Mohammed “Kult” findet, der sollte heute abend (20 Uhr) im Caricatura-Museum (Weckmarkt 17) vorbeischauen. Moderiert von Oliver Maria Schmitt wird bei der TITANIC-Buchmessenlesung zu Ehren des Gastlandes Türkei der große Mohammed-Ähnlichkeitswettbewerb stattfinden! Worum geht’s?

Natürlich darf man den Propheten niemals abbilden, aber man kann versuchen, ihm ähnlich zu sein, in Werken und Worten. Erleben Sie deshalb, wie Gläubige und Ungläubige vor Ihren Ohren die schönsten Suren vortragen. Und am Ende entscheidet dann seine Heiligkeit Swami Durchananda: Islam oder is doch ganz gut. Das dürfen Sie auf keinen Fall verpassen!

Es lesen und ähneln: Leo Fischer, Stefan Gärtnerm Pit Knorr, Oliver Nagel, Christian Y. Schmidt, Mark-Stefan Tietze, Rayk Wieland und Hans Zippert.

(So war der Beitrag geplant. Stattdessen teilte die Stadt Frankfurt mit: „Die große öffentliche Resonanz macht eine Durchführung der Veranstaltung im caricatura museum frankfurt unmöglich, weil der dafür vorgesehene Raum zu klein ist. Eine Gefährdung der dort ausgestellten Kunstwerke ist zu befürchten.“ Ob und wie die Veranstaltung stattfindet, bitte der Tagespresse entnehmen.)

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Dem Arbeitsmarkt zur Speise: Christiane Rösinger & Peter Licht

Das Pop-Leben ist prekär - und Literatur der neue Punkrock. Frische gute Bücher von Christiane Rösinger und Peter Licht handeln von Provinz, Glamour und Minusgeld.

Musiker haben ein Leben, das könnt ihr einfachen Leute euch nicht vorstellen. Konzerte spielen, in Bars abhängen, trinken, gute Drogen nehmen, gute Geschichten erleben, tagein, tagaus. Wer auf Zack ist, diversifiziert sich und schreibt neben den Songs auch noch Bücher über das glamouröse Dasein.

Christiane Rösingers autobiographischer Roman ‘Das schöne Leben’ berichtet von der viel gerühmten Berliner Lo-Fi Boheme. Mal wieder, muss man schon sagen. All die finsteren, kaputten, verarmten, putzigen, kantigen Typinnen und Typen, die aus Jens Friebes ‘52 Wochenenden’, diversen Szenekolumnen und dem realen Nachtleben bekannt sind, tauchen auf und erleben Sachen, die glaubt man nicht, wüsste man nicht, dass sie halbwegs wahr wären. Die Geschichte der späteren Lassie Singers, Britta- und Flittchen-Records-Gründerin beginnt irgendwo tief in der badischen Provinz.

Doch die Farmerstochter träumt von mehr als dem einförmigen Leben auf dem Spargelacker. Es sind die goldenen Achtziger und Berlin ruft. Man feiert erste kleine Erfolge mit der Band, merkt aber trotzdem, dass Künstler sein auch bedeutet, auf vieles zu verzichten. Zum Beispiel auf Geld, das es nur sporadisch und in kleinen Mengen gibt. Dennoch hangelt man sich brav und heroisch von Auftritt zu Auftritt, von Platte zu Platte und genießt die Leerstellen zwischendurch. Die verbringt Christiane Rösinger sympathischerweise gerne auf der Couch beim Zappen durch die Soaps der Öffentlich-Rechtlichen. Gleichfalls gemütlich episodenhaft liest sich “Das schöne Leben”. Rösingers Sprachstil lässt sich im positiven Sinne als schwatzhaft bezeichnen. Wer ihre Songs kennt oder Konzerte erlebt hat, wird wissen, was ich meine.

Auch PeterLicht plagt der Mammon. Gleich am Anfang seiner Bachmannpreis-Erzählung vom letzten Jahr, die es nun gebunden in Buchform mit selbst gezeichneten surrealistischen Illustrationen gibt, kommt der Ich-Erzähler auf seine Schulden zu sprechen, die er mit dem schönen Begriff “Minusgeld” umschreibt. In der knapp dreißig Seiten starken Geschichte geht aber auch um Liebe, ein kaputtes Sofa und Waschmaschinen, die in ein Riesenloch fallen. Und immer wieder grüßt der hochenervierende Kapitalismus: “Am folgenden Morgen dann, erfrischt und in guter Kraft, würde ich dem Tabernakel meines Herzens wieder die Hostie meiner Arbeitskraft entnehmen und sie dem Arbeitsmarkt zur Speise reichen.” Wer solche guten Sätze mag, wird dieses kurze Büchlein mehr als nur einmal lesen.

Christiane Rösinger, Das schöne Leben, Fischer, 8,95 Euro & Peter Licht, Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends, Blumenbar, 14,90 Euro

Mit freundlicher Genehmigung von Intro

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Telefonjoker

Da sitze ich also nun und bin Telefonjoker bei „Wer wird Millionär?“. Wie es dazu kam, muss ich kurz erläutern: Thomas, ein guter Bekannter, erzählte mir, dass er es zur Endrunde bei Günther Jauch geschafft habe und noch einen intelligenten, vielseitig versierten Telefonjoker brauche und ob ich denn nicht…Natürlich fühlte ich mich geschmeichelt und sagte zu. Und jetzt sitze ich hier in meiner natürlich geräuschlosen Wohnung und warte auf den Anruf. Der kann ja jederzeit kommen und ich will nicht erst noch die Anlage ausdrehen müssen. Das macht keinen guten Eindruck, wenn man erst beim sechsten Klingeln an den Apparat geht. Bilde ich mir zumindest ein. Den ganzen Tag habe ich mich mit leichter Wissens-Muse beschäftigt, um in einer gewissen „intellektuellen Anspannung“ zu stehen. Das finde ich cool von mir, denn diese Anstrengung macht sich bestimmt nicht jeder. Außerdem habe ich ALLEN Menschen, die mich in den letzten zwei Jahren telefonisch kontaktiert haben, Bescheid gesagt, heute Abend nicht doof bei mir anzurufen und mir entscheidende Sekunden kostende Gespräche über Koks oder humanitäre Interventionen zu drücken. Und jetzt muss ich aufs Klo. Geht aber nicht, denn jederzeit könnte ja der ominöse Anruf kommen. Man stelle sich vor: Thomas sitzt im Studio, hat schon irre schwierige Fragen über neuseeländische Gebirge oder den finnischen Außenminister von März bis Juli 1953 beantwortet und dann käme eine für mich total easy Fußball-Frage und er würde 500.000 Euro in den Sand setzen, weil ich pullern muss!!! Also: Verkneifen! Boah, so 2 Stunden gehen echt langsam rum. Blick an die Decke, Blick auf den Staub auf den Büchern, Blick auf die quirlige Garderobe, die ich zu diesem feierlichen Anlass aufgetragen habe. Wenn es schon Bildtelefone in einer solchen Sendung gäbe, dann hätte ich ab übermorgen eine eigene Show auf Pro Sieben. Aber das sind ja Phantastereien, denn Herr Jauch ist seriös und ärgert sich nicht mit solch neumodischem Schnickschnack wie „Bildtelefonen“ herum. Und wäre ich noch so vor mich hinsinniere, klingelt das Telefon. „Prrrriiiiiiiing“. Bloß nicht beim ersten Klingeln rangehen, sonst halten dich die Zuschauer noch für einen kontaktarmen Sonderling, der nur darauf geifert, angerufen zu werden. „Prrrrrriiiiing“. Jetzt rangehen. Nur zweimal klingeln lassen deutet Aufmerksamkeit und Interesse an. „Fuchs“, melde ich mich bestimmt und sonor. „Guten Abend Herr Fuchs, hier spricht Günther Jauch.“ Ja, wer sonst. Das sage ich natürlich nicht, sondern antworte ebenso höflich mit „Guten Abend“, um keine negativen Vibrations im Studio aufkommen zu lassen. Soweit alles richtig gemacht. „Ihr Freund Thomas sitzt hier und braucht ihre Hilfe“. Hach, wer hätte das gedacht? Außerdem ist er nicht „mein Freund“. Eher so ein Typ, mit dem man in Großgruppen sanfte Drogen konsumieren würde, aber niemals auf die Idee käme, ihn zu fragen, ob er Bock auf ‘nen Dreier hätte. Aber auch das schlucke ich im monetären Interesse „meines Freundes“ Thomas herunter. Statt dessen ein schlichtes „Aha.“ Jauch schmonzt weiter: „Ihr Freund hat per 50-50 Joker schon die Auswahl auf 2 Möglichkeiten reduziert“. Das ist jetzt natürlich einerseits gut für ihn, andererseits setzt es mich auch gehörig unter Druck. „Herr, Fuchs, halten sie sich fest“. Blödmann, quassel nicht so viel, mein Hirn wird ganz schwammig. „Es geht um…(Pause)…EINE MILLION EURO!!!“. Na super. Die Nation schaut zu, wahrscheinlich ´ne sensationell spannende Sendung, und jetzt hängt es an Herrn Fuchs. Am liebsten würde ich sofort wieder auflegen, aber ich gehe den Weg des Bewährten: „Aha.“ Jauchs Stimme überschlägt sich schon. „Ich gebe sie mal weiter.“ Das ist gut. Noch ein „Aha“ hätte ich mir nicht verziehen. Und schon während Thomas die ersten Worte sagt, ahne ich, dass die nächsten 30 Sekunden die hemmungslos peinlichsten Sekunden meines Lebens werden:

„Hallo Marco!“

„Hallo Thomas“

(Warum eigentlich so viel wertvolle Zeit mit solchen Floskeln verschwenden? Da gehen glatt 4 Sekunden drauf. Das sind bei 30 Sekunden Gesamtzeit 13 1/3 Prozent!!!)

Ich höre Thomas schwer atmen. Wahrscheinlich hat ihn dieser Gesichtsgulasch von Jauch in der letzten halben Stunde dermaßen durch die Mangel gedreht, dass er nicht mehr weiß, ob er Männchen oder Weibchen ist.

„Marco, welche Internetseite gibt es wirklich: >penner-treten.de< oder >dreilochstute.de<???“

„Häääääää???“ (Das denke ich natürlich nur, soweit habe ich meine sieben Murmeln noch zusammen)

Was soll das denn bitte? Mir wird heiß und kalt gleichzeitig. Das ist ja wohl ein Scherz!!!??? „Penner-treten“??? „Dreilochstute“???

„Marco? Penner-treten oder Dreilochstute? Welche Seite gibt es wirklich?“

Ich bin im falschen Film. Eindeutig. Auch wenn ich die Wahl von Günter Jauch zum intelligentesten Deutschen nur weil er unfallfrei von einem Bildschirm ablesen kann, immer für reichlich absurd befunden habe, aber so eine Frage geht ja wohl gar nicht. Und wieso um Himmels Willen ruft der Arsch ausgerechnet mich an? Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie das Gespräch zwischen den beiden vor dem Anruf abgelaufen ist: „Haben sie nicht einen Telefonjoker, der sich eventuell mit Porno-Seiten im Netz auskennen könnte?“ Und Thomas unter dem Gejohle des Publikums sagt: „Ja bestimmt! Der Herr Fuchs müsste das wissen!“. Blöder Wichser.

„Marco? Hast Du ´ne Ahnung?“

Ne, hab ich nicht. Und selbst wenn, würde ich jetzt meine Klappe halten. Jahaaaa, erst einen auf den Dicken im Studio machen und mich vor 10 Millionen Zusehern bloßstellen, und jetzt hilflos im Stuhl hin- und herrutschen. Wahrscheinlich hat er auch noch so ein niedliches Maskottchen am Pult befestigt. So was ganz süßes. Solche Kandidaten gehören ja sofort an die Wand. Ohne Ausnahme. Ja, „mein Freund“, jetzt nutzt Dir auch dein Stoffhäschen nix mehr. Verkalkuliert, mein Lieber!

„Marco???“

Seine Stimme ist von Angst zerfressen. Da klingen die entscheidenden Momente „ausgesorgt“ oder nur „Familienurlaub in der Karibik“ durch. Ich versuche, ihn hinzuhalten.

„Hm, das ist schwierig.“

Gut gemacht, Marco. Nicht das Tanzäffchen für den Mob spielen, sondern vermeintlich ernsthaftes Überlegen an den Tag legen. Wahrscheinlich blenden sie jetzt gerade das grüblerische Stirnfaltengesicht von Jauch und dann das vom blanken Entsetzen gezeichnete Antlitz von diesem „Thomas“ ein. Wahrscheinlich hat er echt noch Hoffnung. Haha, du traurige Gestalt.

„Marco, noch 5 Sekunden!!!“

Oh, noch 5 Sekunden!!! Da werde ich aber ganz unruhig. Hähähähä. Genialität bemannt sich meiner:

„Thomas! Die richtige Antwort ist…

Oh, wie kann ich mir die atemlose Spannung in diesem Studio ausmalen. Mütter und Töchter umklammern ihre bescheuerten Glücksbringer, weit aufgerissene Augen bei diesem Typen, äh, Thomas heißt er. Selbst G.Jauch ahnt, dass ihm diese Sendung eine Goldene Rose in Montreux oder sowas einbringen könnte. Oh, wie ich euch leiden sehe. Doch ich werde euer Spiel nicht mitspielen. Wenigstens einer muss sich doch mal gegen diesen Irrsinn auflehnen, wenigstens einer muss doch die Kraft haben. Absurder Gedanke, dass ausgerechnet ich derjenige sein sollte. Aber man muss die Diktatur des Profits schlagen, wenn man sie am Schlawittchen hat. Wie viele schwitzende Dialektsprecher musste ich schon ertragen? Wie viele blassierte Apothekersfrauen, die bei einer falschen Antwort und „nur“ gewonnenen 32.000 Euro beleidigt und enttäuscht die Augen verdrehten? Und jetzt ist die Zeit der Rache für den gedemütigten Besserwisser auf der Couch gekommen. Millionen von kreuzworträtselnden Rentnern werden T-Shirts mit meinem Namen tragen. RTL wird Profi-Knochenbrecher bei mir anklopfen lassen. Doch dies ist mir in dieser heroischen Sekunde gleich. Schweig, Marco, schweig. Ich weiß, es fällt dir schwer, doch schweig!

3-2-1…“tuuuuuuuuuuuuuuuuut“

Aus, vorbei. Nassgeschwitzt lasse ich den Hörer in Zeitlupe auf die Station sinken. Ich schließe meine Augen und genieße die körperliche Schwäche, die mich durchdringt. Marco, du bist der Größte. Und jetzt geh‘ ich pullern.

(Anm.: Ein uralter Text, den ich die Tage wiederentdeckt habe und der - zumindest bei mir - dann doch für den einen oder anderen Lacher gesorgt hat. Geil, wenn man selber nicht mehr erinnert, was man da mal hingesaut hat…)

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