Beiträge zum Thema Literatur

Dem Arbeitsmarkt zur Speise: Christiane Rösinger & Peter Licht

Das Pop-Leben ist prekär – und Literatur der neue Punkrock. Frische gute Bücher von Christiane Rösinger und Peter Licht handeln von Provinz, Glamour und Minusgeld.

Musiker haben ein Leben, das könnt ihr einfachen Leute euch nicht vorstellen. Konzerte spielen, in Bars abhängen, trinken, gute Drogen nehmen, gute Geschichten erleben, tagein, tagaus. Wer auf Zack ist, diversifiziert sich und schreibt neben den Songs auch noch Bücher über das glamouröse Dasein.

Christiane Rösingers autobiographischer Roman ‘Das schöne Leben’ berichtet von der viel gerühmten Berliner Lo-Fi Boheme. Mal wieder, muss man schon sagen. All die finsteren, kaputten, verarmten, putzigen, kantigen Typinnen und Typen, die aus Jens Friebes ’52 Wochenenden’, diversen Szenekolumnen und dem realen Nachtleben bekannt sind, tauchen auf und erleben Sachen, die glaubt man nicht, wüsste man nicht, dass sie halbwegs wahr wären. Die Geschichte der späteren Lassie Singers, Britta- und Flittchen-Records-Gründerin beginnt irgendwo tief in der badischen Provinz.

Doch die Farmerstochter träumt von mehr als dem einförmigen Leben auf dem Spargelacker. Es sind die goldenen Achtziger und Berlin ruft. Man feiert erste kleine Erfolge mit der Band, merkt aber trotzdem, dass Künstler sein auch bedeutet, auf vieles zu verzichten. Zum Beispiel auf Geld, das es nur sporadisch und in kleinen Mengen gibt. Dennoch hangelt man sich brav und heroisch von Auftritt zu Auftritt, von Platte zu Platte und genießt die Leerstellen zwischendurch. Die verbringt Christiane Rösinger sympathischerweise gerne auf der Couch beim Zappen durch die Soaps der Öffentlich-Rechtlichen. Gleichfalls gemütlich episodenhaft liest sich “Das schöne Leben”. Rösingers Sprachstil lässt sich im positiven Sinne als schwatzhaft bezeichnen. Wer ihre Songs kennt oder Konzerte erlebt hat, wird wissen, was ich meine.

Auch PeterLicht plagt der Mammon. Gleich am Anfang seiner Bachmannpreis-Erzählung vom letzten Jahr, die es nun gebunden in Buchform mit selbst gezeichneten surrealistischen Illustrationen gibt, kommt der Ich-Erzähler auf seine Schulden zu sprechen, die er mit dem schönen Begriff “Minusgeld” umschreibt. In der knapp dreißig Seiten starken Geschichte geht aber auch um Liebe, ein kaputtes Sofa und Waschmaschinen, die in ein Riesenloch fallen. Und immer wieder grüßt der hochenervierende Kapitalismus: “Am folgenden Morgen dann, erfrischt und in guter Kraft, würde ich dem Tabernakel meines Herzens wieder die Hostie meiner Arbeitskraft entnehmen und sie dem Arbeitsmarkt zur Speise reichen.” Wer solche guten Sätze mag, wird dieses kurze Büchlein mehr als nur einmal lesen.

Christiane Rösinger, Das schöne Leben, Fischer, 8,95 Euro & Peter Licht, Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends, Blumenbar, 14,90 Euro

Mit freundlicher Genehmigung von Intro

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Telefonjoker

Da sitze ich also nun und bin Telefonjoker bei „Wer wird Millionär?“. Wie es dazu kam, muss ich kurz erläutern: Thomas, ein guter Bekannter, erzählte mir, dass er es zur Endrunde bei Günther Jauch geschafft habe und noch einen intelligenten, vielseitig versierten Telefonjoker brauche und ob ich denn nicht…Natürlich fühlte ich mich geschmeichelt und sagte zu. Und jetzt sitze ich hier in meiner natürlich geräuschlosen Wohnung und warte auf den Anruf. Der kann ja jederzeit kommen und ich will nicht erst noch die Anlage ausdrehen müssen. Das macht keinen guten Eindruck, wenn man erst beim sechsten Klingeln an den Apparat geht. Bilde ich mir zumindest ein. Den ganzen Tag habe ich mich mit leichter Wissens-Muse beschäftigt, um in einer gewissen „intellektuellen Anspannung“ zu stehen. Das finde ich cool von mir, denn diese Anstrengung macht sich bestimmt nicht jeder. Außerdem habe ich ALLEN Menschen, die mich in den letzten zwei Jahren telefonisch kontaktiert haben, Bescheid gesagt, heute Abend nicht doof bei mir anzurufen und mir entscheidende Sekunden kostende Gespräche über Koks oder humanitäre Interventionen zu drücken. Und jetzt muss ich aufs Klo. Geht aber nicht, denn jederzeit könnte ja der ominöse Anruf kommen. Man stelle sich vor: Thomas sitzt im Studio, hat schon irre schwierige Fragen über neuseeländische Gebirge oder den finnischen Außenminister von März bis Juli 1953 beantwortet und dann käme eine für mich total easy Fußball-Frage und er würde 500.000 Euro in den Sand setzen, weil ich pullern muss!!! Also: Verkneifen! Boah, so 2 Stunden gehen echt langsam rum. Blick an die Decke, Blick auf den Staub auf den Büchern, Blick auf die quirlige Garderobe, die ich zu diesem feierlichen Anlass aufgetragen habe. Wenn es schon Bildtelefone in einer solchen Sendung gäbe, dann hätte ich ab übermorgen eine eigene Show auf Pro Sieben. Aber das sind ja Phantastereien, denn Herr Jauch ist seriös und ärgert sich nicht mit solch neumodischem Schnickschnack wie „Bildtelefonen“ herum. Und wäre ich noch so vor mich hinsinniere, klingelt das Telefon. „Prrrriiiiiiiing“. Bloß nicht beim ersten Klingeln rangehen, sonst halten dich die Zuschauer noch für einen kontaktarmen Sonderling, der nur darauf geifert, angerufen zu werden. „Prrrrrriiiiing“. Jetzt rangehen. Nur zweimal klingeln lassen deutet Aufmerksamkeit und Interesse an. „Fuchs“, melde ich mich bestimmt und sonor. „Guten Abend Herr Fuchs, hier spricht Günther Jauch.“ Ja, wer sonst. Das sage ich natürlich nicht, sondern antworte ebenso höflich mit „Guten Abend“, um keine negativen Vibrations im Studio aufkommen zu lassen. Soweit alles richtig gemacht. „Ihr Freund Thomas sitzt hier und braucht ihre Hilfe“. Hach, wer hätte das gedacht? Außerdem ist er nicht „mein Freund“. Eher so ein Typ, mit dem man in Großgruppen sanfte Drogen konsumieren würde, aber niemals auf die Idee käme, ihn zu fragen, ob er Bock auf ‘nen Dreier hätte. Aber auch das schlucke ich im monetären Interesse „meines Freundes“ Thomas herunter. Statt dessen ein schlichtes „Aha.“ Jauch schmonzt weiter: „Ihr Freund hat per 50-50 Joker schon die Auswahl auf 2 Möglichkeiten reduziert“. Das ist jetzt natürlich einerseits gut für ihn, andererseits setzt es mich auch gehörig unter Druck. „Herr, Fuchs, halten sie sich fest“. Blödmann, quassel nicht so viel, mein Hirn wird ganz schwammig. „Es geht um…(Pause)…EINE MILLION EURO!!!“. Na super. Die Nation schaut zu, wahrscheinlich ´ne sensationell spannende Sendung, und jetzt hängt es an Herrn Fuchs. Am liebsten würde ich sofort wieder auflegen, aber ich gehe den Weg des Bewährten: „Aha.“ Jauchs Stimme überschlägt sich schon. „Ich gebe sie mal weiter.“ Das ist gut. Noch ein „Aha“ hätte ich mir nicht verziehen. Und schon während Thomas die ersten Worte sagt, ahne ich, dass die nächsten 30 Sekunden die hemmungslos peinlichsten Sekunden meines Lebens werden:

„Hallo Marco!“

„Hallo Thomas“

(Warum eigentlich so viel wertvolle Zeit mit solchen Floskeln verschwenden? Da gehen glatt 4 Sekunden drauf. Das sind bei 30 Sekunden Gesamtzeit 13 1/3 Prozent!!!)

Ich höre Thomas schwer atmen. Wahrscheinlich hat ihn dieser Gesichtsgulasch von Jauch in der letzten halben Stunde dermaßen durch die Mangel gedreht, dass er nicht mehr weiß, ob er Männchen oder Weibchen ist.

„Marco, welche Internetseite gibt es wirklich: >penner-treten.de< oder >dreilochstute.de<???“

„Häääääää???“ (Das denke ich natürlich nur, soweit habe ich meine sieben Murmeln noch zusammen)

Was soll das denn bitte? Mir wird heiß und kalt gleichzeitig. Das ist ja wohl ein Scherz!!!??? „Penner-treten“??? „Dreilochstute“???

„Marco? Penner-treten oder Dreilochstute? Welche Seite gibt es wirklich?“

Ich bin im falschen Film. Eindeutig. Auch wenn ich die Wahl von Günter Jauch zum intelligentesten Deutschen nur weil er unfallfrei von einem Bildschirm ablesen kann, immer für reichlich absurd befunden habe, aber so eine Frage geht ja wohl gar nicht. Und wieso um Himmels Willen ruft der Arsch ausgerechnet mich an? Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie das Gespräch zwischen den beiden vor dem Anruf abgelaufen ist: „Haben sie nicht einen Telefonjoker, der sich eventuell mit Porno-Seiten im Netz auskennen könnte?“ Und Thomas unter dem Gejohle des Publikums sagt: „Ja bestimmt! Der Herr Fuchs müsste das wissen!“. Blöder Wichser.

„Marco? Hast Du ´ne Ahnung?“

Ne, hab ich nicht. Und selbst wenn, würde ich jetzt meine Klappe halten. Jahaaaa, erst einen auf den Dicken im Studio machen und mich vor 10 Millionen Zusehern bloßstellen, und jetzt hilflos im Stuhl hin- und herrutschen. Wahrscheinlich hat er auch noch so ein niedliches Maskottchen am Pult befestigt. So was ganz süßes. Solche Kandidaten gehören ja sofort an die Wand. Ohne Ausnahme. Ja, „mein Freund“, jetzt nutzt Dir auch dein Stoffhäschen nix mehr. Verkalkuliert, mein Lieber!

„Marco???“

Seine Stimme ist von Angst zerfressen. Da klingen die entscheidenden Momente „ausgesorgt“ oder nur „Familienurlaub in der Karibik“ durch. Ich versuche, ihn hinzuhalten.

„Hm, das ist schwierig.“

Gut gemacht, Marco. Nicht das Tanzäffchen für den Mob spielen, sondern vermeintlich ernsthaftes Überlegen an den Tag legen. Wahrscheinlich blenden sie jetzt gerade das grüblerische Stirnfaltengesicht von Jauch und dann das vom blanken Entsetzen gezeichnete Antlitz von diesem „Thomas“ ein. Wahrscheinlich hat er echt noch Hoffnung. Haha, du traurige Gestalt.

„Marco, noch 5 Sekunden!!!“

Oh, noch 5 Sekunden!!! Da werde ich aber ganz unruhig. Hähähähä. Genialität bemannt sich meiner:

„Thomas! Die richtige Antwort ist…

Oh, wie kann ich mir die atemlose Spannung in diesem Studio ausmalen. Mütter und Töchter umklammern ihre bescheuerten Glücksbringer, weit aufgerissene Augen bei diesem Typen, äh, Thomas heißt er. Selbst G.Jauch ahnt, dass ihm diese Sendung eine Goldene Rose in Montreux oder sowas einbringen könnte. Oh, wie ich euch leiden sehe. Doch ich werde euer Spiel nicht mitspielen. Wenigstens einer muss sich doch mal gegen diesen Irrsinn auflehnen, wenigstens einer muss doch die Kraft haben. Absurder Gedanke, dass ausgerechnet ich derjenige sein sollte. Aber man muss die Diktatur des Profits schlagen, wenn man sie am Schlawittchen hat. Wie viele schwitzende Dialektsprecher musste ich schon ertragen? Wie viele blassierte Apothekersfrauen, die bei einer falschen Antwort und „nur“ gewonnenen 32.000 Euro beleidigt und enttäuscht die Augen verdrehten? Und jetzt ist die Zeit der Rache für den gedemütigten Besserwisser auf der Couch gekommen. Millionen von kreuzworträtselnden Rentnern werden T-Shirts mit meinem Namen tragen. RTL wird Profi-Knochenbrecher bei mir anklopfen lassen. Doch dies ist mir in dieser heroischen Sekunde gleich. Schweig, Marco, schweig. Ich weiß, es fällt dir schwer, doch schweig!

3-2-1…“tuuuuuuuuuuuuuuuuut“

Aus, vorbei. Nassgeschwitzt lasse ich den Hörer in Zeitlupe auf die Station sinken. Ich schließe meine Augen und genieße die körperliche Schwäche, die mich durchdringt. Marco, du bist der Größte. Und jetzt geh‘ ich pullern.

(Anm.: Ein uralter Text, den ich die Tage wiederentdeckt habe und der – zumindest bei mir – dann doch für den einen oder anderen Lacher gesorgt hat. Geil, wenn man selber nicht mehr erinnert, was man da mal hingesaut hat…)

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Am Sonntag ist Handtuch-Tag

Nein, nein – nicht des Badewetters wegen: Der Towel Day findet jedes Jahr am 25. Mai statt und ist ein Gedenktag für den verstorbenen Autor Douglas Adams, der am 11. Mai 2001 verstarb und sich mit seiner Buchreihe “Hitchhiker’s Guide to the Galaxy” (‘Per Anhalter durch die Galaxis’) in so manche Lachmuskeln geschrieben hat.

Am Towel Day (Homepage) trägt man den ganzen Tag über ein Handtuch mit sich herum. Warum erklärt ein Zitat aus dem Anhalter:

Towel
Just about the most massively useful thing any interstellar Hitchhiker can carry. For one thing it has great practical value – you can wrap it around you for warmth on the cold moons of Jaglan Beta, sunbathe on it on the marble beaches of Santraginus Five, huddle beneath it for protection from the Arcturan Megagnats as you sleep beneath the stars of Kakrafoon, use it to sail a miniraft down the slpow heavy river Moth, wet it for use in hand to hand combat, wrap it round your head to avoid the gaze of the Ravenous Bugblatter Beast of Traal, and even dry yourself off with it if it still seems clean enough.

More importantly, a towel has immense psychological value. For some reason, if a strag (strag: non-hitchhiker) discovers that a hitchhiker has his towel with him, he will automatically assume that he is also in possession of a toothbrush, face flannel, soap, tin of biscuits, flask, compass, map, ball of string, gnat spray, wet weather gear, space suit etc., etc. Furthermore, the strag will then happily lend the hitch hiker any of these or a dozen other items that the hitchhiker might accidentally have “lost”. What the strag will think is that any man who can hitch the length and breadth of the galaxy, rough it, slum it, struggle against terrible odds, win through, and still knows where his towel is is clearly a man to be reckoned with.

Die hübschen Handtücher auf dem Foto sind übrigens käuflich zu erwerben.

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Musik Zwo Null

music 2.0Wieder eine Fußnote mehr im zähen Epos der strauchelnden Musikindustrie und rigiden Copyrightverfechter: Microsoft schalten den Lizensierungsserver ihres MSN-Music-Stores ab. Im Store hat man durch DRM (Digitales Rechtemanagement) geschützte MP3s verkauft. Wenn man ein solches MP3 auf seinem Rechner abspielen will, fragt der Windows Media-Player einmalig bei einem zentralen Server nach, ob man das denn auch darf. Diesen Lizensierungsserver schaltet Microsoft aber Ende August ab. Ab dann steht man als Kunde nach einem Betriebssystemwechsel, Festplattencrash oder Rechneraustausch dumm da. Empfohlen wird seitens Microsoft nun das Brennen als Audio-CD und anschliessendes Rippen.

Was bei Betroffenen Ärger, bei Anderen nur Häme oder ein müdes hab-ich-schon-immer-gesagt-Schulterzucken hervorruft, markiert doch ein Scheitern der Strategie, digitale Kopien unterbinden zu wollen. Derzeit liebäugeln die großen Player mit einer DRM-gesicherten Musik-Flatrate als einer Art Bezahl-Radio (listen only). Nicht nur die MSN-Schliessung deutet aber darauf hin: Andere Konzepte sind gefragt.

Wie diese aussehen könnten, darüber lässt sich der Wahl-Schweizer Gerd Leonhard in seinem Buch “Music 2.0″ aus. Die als pay-what-you-want unter Creative Commons-Lizenz veröffentlichte Essay-Sammlung bringt einige seiner Thesen zu verschiedenen Aspekten des Themas zusammen. Wem 220-Seiten-PDFs nicht liegen, bekommt die zentralen Aussagen auch komprimiert in einem Video in seinem Blog serviert.

Wenn er das Thema auch interessant und querlesenswert aufbereitet, halte ich manches doch für verkürzt und plakativ, anderes verwechselt Spekulation und Vision: So ist die Macht der Konsumenten keine qualitativ andere, die “Abstimmung per Kaufentscheid” gab es schon immer. Betrachtet man Aufmerksamkeit als Ware, so kann man festhalten, dass zwar unzählige Angebote wie auch munitionen.de einfache Einstiegspunkte in vormals nur schwierig zugängliche Nischen liefern. Aber die Massen der Netzuser konzentrieren sich auf virtuelle Entsprechungen bereits im “Meatspace” etablierter Angebote. Crossmedia wirkt besser als “web only”.

Ein weiterer Kurzschluss: Die Distributionskosten von Musik sind höher als 0 – dies verdeutlicht die neuerdings verstärkt geführte Diskussion von Netzwerkbetreibern, die Netzneutralität für trafficintensive Dienste aufzuheben.

Zuletzt erscheinen mir die von ihm angeführten neuen Revenues nicht sehr überzeugend, bzw. stehen im Widerspruch zu den proklamierten sinkenden Marketingkosten. Will man diese Revenues realisieren, ist nach wie vor Marketing gefragt. Aktuell erscheinen Künstler, insbesondere in Nischen, nicht die Profiteure zu sein dieses Umschwungs zu sein. Hohe Konjunktur hat unter Musikern 2.0 wohl hauptsächlich die alte 1.0-Frage: “Und wovon lebst du?”.

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Jutta Ditfurth: “Ulrike Meinhof – Die Biographie”

ditfurt_meinhof1.jpgWie sauer Status Quo, Gesellschaft, Medienarbeiter und andere Loser immer noch auf die RAF sind, bemerkt man, wenn man die mittlerweile konsensfähige Lesart zum deutschen Terrorismus betrachtet, die sich alle gemeinsam zusammengepuzzelt haben und derer sich in immer scherenschnittiger Art und Weise stets aufs Neue versichert werden muss. Motive der seinerzeit Handelnden dürfen somit offiziell und unbedingt nur persönliche Deformation oder Pathologisches widerspiegeln, bei Meinhof kommt gern noch der zum Hirntumor des Bösen gehypte Blutschwamm hinzu, der ihr während der Schwangerschaft 1962 entnommen wurde. Emanzipatorische Real-Utopien wie zum Beispiel der große Anteil von Frauen in Führungsrollen der Gruppe wurden im öffentlichen Display längst zugunsten von „der verruchte Chauvi-Gangster-Baader und seine abhängigen Groupies bzw. Schlampen” umgeschrieben. Bei soviel geglückter Verzerrung wundert man sich allerdings, warum Dinge rund um die RAF dennoch weiterhin derart aufgeladen rezipiert werden. Dahingehend durfte man sich nun auch von Jutta Ditfurths epischer Meinhof-Biographie einiges versprechen. Immerhin kehrte Ditfurth den Grünen Anfang der 90er den Rücken wegen deren Rechtsentwicklung a.k.a. dem Einflussgewinn der Realo-Fraktion und gründete mit der Ökolinx eine weit weniger konsensträchtige Linkspartei. Zudem schwoll im Vorfeld zu dem Buch reflexartig die jeweilige Gesinnungslyrik an – so empörten sich konservative Blätter über die fehlende Dämonisierung, Antiimp-Blogs über zuviel Distanz und die antideutsche Position in der Jungle World peitschte sich gar auf Ausfalls-Polemik gegen Meinhof wie Ditfurth hoch. Tja, und ganz zum Schluss steht dann das Buch. Ein Buch, das all die Aufregung in seinen 34. chronologischen Kapiteln nicht nötig hätte. Die Sprache betulich und es ergießt sich („Fremd-Biographie”-typisch) immerfort diese Kaskade an zusammengetragenen uninteressanten Klein-Klein-Information. Die droht jegliche Erkenntnisse zu ersticken. Denn solche blinken hier und da schon mal auf – und Ditfurth liefert immer auch den gesellschaftlichen Kontext mit, um die Beweggründe ihrer Protagonistin nicht nur über das Private zu erzählen. Viel weiter gerade auch in die Motive der RAF reicht das alles aber nicht. Unaufgeregt, realistisch, wohlmeinend spulen sich die Stationen von den Großeltern bis zum Tod in Stammheim ab. Aufschlussreicher und irgendwie auch lebendiger sind da doch die gesammelten Meinhof-Essays in „Die Würde des Menschen ist antastbar” (Wagenbach, 1980).

Jutta Ditfurth “Ulrike Meinhof – Die Biographie” (Ullstein, 482 S., 22,90 Euro)

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Sprak kaputt (Teil1): Franz-Josef Wagner

Man muss Franz-Josef Wagner zu Gute halten, dass er mit seiner BILD-Kolumne “Post von Wagner” dem bisher vernachlässigten Segment der Borderline-Schreibe zu voller Blüte verholfen hat. Begierig kopfschüttelnd stößt man sich immer wieder gerne an diesem Mischmasch aus schmierigen Altmänner-Phantasien, Linken-Verachtung und nur in schwerem Alkoholrausch entstehbaren Metaphern, die einem – teils durchaus neidisch – die Tränen in die Augen steigen lassen. In der Manier jedes schlecht frisierten und zurecht außerhalb jeder moralischen Diskussionsebene gestellten Menschen sieht sich Franz-Josef Wagner als letztes Glied einer Kette, die außer ihm vor Größe nur so strotzt. Beweis gefällig? Bitte sehr.

“Der Unterschied zwischen Goethe und mir ist, dass Goethe zwar jeden Tag schrieb, aber nicht jeden Tag veröffentlichen musste.”

So sagten sie es in einem Porträt des NDR und wer in die in ihrem vom Leben angepinkelten Gesicht ruhenden Augen schaute, erkannte den Grad der Ironie: Er war schlichtweg nicht vorhanden.

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