Beiträge zum Thema Alben

[Album] Depeche Mode – Delta Machine

depeche-modeDer Titel „Delta Machine” soll ein Verweis auf den Blues sein, den Depeche Mode angeblich für sich entdeckt haben. Irgendwas Neues muss man ja zu jedem Album erzählen. Wenn Dave Gahan in „Angel” guttural grölt, als wolle er dem Teufel seine Seele andrehen, weiß man, was wohl damit gemeint ist. (In dem Fall nichts Gutes.) Wirklich gelungen ist die erste Single „Heaven” mit einem ungewohnten Duett von Gahan und Martin Gore, bei dem fast so etwas wie die herzergreifende Spiritualität von Blurs „Tender” durchscheint. Allerdings mit einer Extra-Portion Pathos. „Delta Machine” ist kein großes Alterswerk, aber auch kein Ausfall. Depeche Mode machen weiter das, was sie gut können. Und weil sie damit immer noch Konzerthallen vollkriegen, machen sie es offensichtlich sogar irgendwo richtig.

“Delta Machine” ist bereits bei Columbia/Sony erschienen.

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[Album] Black Pus – All My Relations

blackpusWer bei »Lightning Bolt« nur an den Song von Jake Bugg denkt, wäre womöglich geschockt, welch infernalischer Wahnsinn sich noch dahinter verbirgt. Gewitter eben. Schon seit 1994 tritt das gleichnamige Noiserock-Duo aus Rhode Island auf der ganzen Welt auf, wenn auch so gut wie nie auf den Konzertbühnen. Meistens spielen die beiden uneitel auf dem Boden des Zuschauerraums. Den minimalistischen Terror destilliert der Lightning-Bolt-Schlagzeuger Brian Chippendale seit einigen Jahren in einer Art pionierhaftem Selbstversuch noch weiter herunter – bis zur Naturgewalt gewordenen Essenz von Rockmusik. Für sein Soloprojekt unter dem latent unangenehmen Namen Black Pus bedeutet das konkret: Chippendale knüppelt aufs Schlagzeug, singt gleichzeitig in einen mikrofonierten Helm und triggert zudem mit der Bassdrum wabernde Oszillatoren an, die hypnotische Tiefenbässe erzeugen. Die Limitiertheit dieses zirkusartigen Live-Setups macht das Besondere von »All My Relations« aus. Die zweitönigen Basspassagen und verhallten Gesangsmelodien, die zwischen den Hardcore-Free-Jazz-Rhythmen durchschimmern und zumindest ein wenig für Halt sorgen, wirken wie Mantras in einer Welt, die gerade untergeht. Black Pus klingt mal nach Fußballgesang aus der Hölle, mal nach dem Einsturz eines Hochhauses, mal nach dem brutalen Opferritus eines Urvolkes. Kurz: Interessanter als das meiste, was immer noch von sich behauptet, Rockmusik-Standards ungewöhnlich weiterzuverarbeiten.

“All My Relations” ist bereits bei Thrill Jockey/Rough Trade erschienen.

Erstveröffentlichung des Artikels bei Intro.

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[Album] The Strokes – Comedown Machine

strokesNatürlich sind das nicht mehr die Strokes der ersten beiden Alben „Is This It” und „Room On Fire”. Die hatten alles gesagt, was es in dieser Form zu sagen gab, und wurden 2006 mit „First Impressions Of Earth” zu Recht zu Grabe getragen. Auf „Comedown Machine” gibt es Cameo-Auftritte dessen, was die Band in ihrer heißesten Zeit zum Glühen brachte, die Gitarren, die mal schrubben, mal sich wie Synthesizer anhören, die vorwärts pluckernde Rhythmussektion und Julian Casablancas, der durch ein Megaphon singt. Die Songs sind allerdings sehnsüchtiger und weniger lakonisch. Die Exaktheit, mit der die Band sich in den Arrangements zusammenfindet, erinnert mehr als einmal an Phoenix, aber mit Schmutz unter den Fingernägeln. Relevanz noch einmal bewiesen. War aber knapp.

“Comedown Machine” ist bereits bei Sony erschienen.

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[Album] Suede – Bloodsports

suede„See You In The Next Life“ – Mit diesen Worten beerdigte Suede-Frontmann Brett Anderson im Dezember 2003 die Band, die mit der Single „The Drowners“ dem Genre BritPop die Initialzündung gab. Live kam die mehrfach umbesetzte Band bereits 2010 zurück und jetzt erscheint nach über zehn Jahren auch wieder ein Studioalbum, das überraschenderweise frisch und knorrig klingt wie zu „Dog Man Star“-Zeiten. Anderson, der Typ mit dem einst knackigsten Hintern einer ganzen Generation, lässt die unverstandene Diva im Schrank und konzentriert sich auf offensiven und lakonischen Gesang. Dazu peitschen die sehnsuchtsvoll glasklaren Gitarren als verspräche der Kalender, es sei wieder 1996. Gänsehaut für Nostalgiker: „Barriers“ oder „It Starts And Ends With You“ knüpfen da an, wo die Uptempo-Hits der Band Ende der 90er endeten. Damit hätte ja nun wirklich keiner mehr rechnen können, der Andersons miese Soloalben bis zum Ende durchhielt. Je suis entzückt.

“Bloodsports” ist bereits bei Warner erschienen.

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[Album] Ellen Allien – LISm

ellen allienHatten wir von Intro nicht das so oft beschworene Siegel des »Inner Cinema« verboten? Die Vorstellung des »Kino im Kopf« ist allerdings von der lästigen Kritiker-Plattitüde zum echten Genre gewachsen. Gruselig, aber wahr. Auch Ellen Allien schickt dieses Szenario ihrem aktuellen Output voran. Nun ja, immer noch greifbarer als die nicht-metaphorische Story hinter dieser Platte: 2010 vertont Allien eine Tanzperformance, zwei Jahre später wird mit Ko-Produzenten das Material neu angefasst und zusammengesetzt. Alles richtig wiedergegeben? Ach, wen interessiert’s, geht ja hier ohnehin vornehmlich um Feelings statt Fakten. Diese aufgewertete Auftragsarbeit zieht ihren Reiz aus der elegischen Field-Recording-Anmutung. Knistern, Brutzeln, Langsamkeit. Spannungsgeladene Zeitlupenmusik mit hochakzentuierten Sounds. Dennoch wähnt man sich trotz der Gesamtheit von 44 Minuten Musik (es handelt sich dabei nur um einen einzigen Track) nicht wirklich in einem Guss. Es gibt kein wiederkehrendes Thema, Instrumente und Rhythmen blitzen auf, verweilen und sind nie wieder gesehen. Eine dadurch auch irgendwie zufällige Klangreise ohne feste Anhaltspunkte oder Wegbegleiter. Dennoch, die Spannung kann durchgehend gehalten werden, und es gibt immer wieder etwas Neues zu bestaunen. But don’t call it Kino im Kopf.

“LISm” ist bereits bei BPitch Control/Rough Trade erschienen.

Erstveröffentlichung des Artikels bei Intro.

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[Album+Stream] Jeans Team – Das ist Alkomerz

jeans teamVor etlichen Jahren irrte ich verkatert durch einen der wenigen beliebten Stadtteile Berlins, ich hatte Angst, mir war kalt. Es verschlug mich damals in eine riesige trashige Mall – sie hieß Gesundbrunnencenter. Vor einigen Jahrzehnten hörte ich die Solo-Single von Peter Behrens, dem traurigen Clown am Schlagzeug von Trio, sie hieß: »Sie kam Australien«, etwa zur selben Zeit entdeckte ich die ebenfalls wegweisende Band Die Abstürzenden Brieftauben – und während ich ängstlich und aufgeregt niedrigprozentige Prä-Mixgetränke (Marke: Criss) soff, hörte ich von ebenjenem Duo »Zwei Pullen Korn bringen dich wieder nach vorn«. Falls jemand diese kulturelle Disposition teilt, kann ich ihm bescheiden: Die neue Jeans-Team-Platte setzt dein albernes Lebenswerk kongenial fort. Songs, die man nicht mehr als Karnevalsstücke lesen muss, sondern die de facto welche sind. Die beiden Berliner Sextoys aus den Resten des »guten« Berlin-Mitte von einst haben sich lustvoll ins Aus gekegelt. Viele Styler, Hipster und Checker zeigen sich nämlich unangenehm berührt von »Hits« wie »Gesundbrunnencenter« und davon, wie jener zur Melodie des Fußballschlagers »Eviva España« arrangiert ist. Die Platte erzeugt entsetztes Kopfschütteln in einem Kernklientel, das sicher gern noch mal von so was wie »Das Zelt« abgeholt worden wäre. Ist aber eben nicht mehr. Und wo es wirklich funktionieren könnte (Karneval, Druckbetankung auf dem Schützenfest, bei Deichkind-Fans), da kommt es vermutlich nie an. Ein Schuss ins Knie, ein lauter Tusch und eine durchgedrehte Schlumpfstimme. Dieses Album musste man sich erst mal trauen!

“Das ist Alkomerz” ist bereits bei Staatsakt/Rough Trade erschienen.

Erstveröffentlichung des Artikels bei Intro.

Das ganze Album kann man sich hier anhören.

 

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[Album] DMX – Undisputed

dmxDMX aus Baltimore spielte Anfang der Nuller noch Champions League im globalen HipHop-Zirkus. Selbst wenn er in Deutschland nie auf dem Level wahrgenommen wurde wie einige seiner Kollegen. Doch dann: Hallo Sendepause. Sechs Jahre! Das Platteninfo bietet als Erklärung »Drogen« und »Gesetzeskonflikt« an. Klingt gleichsam realistisch wie nach der typischen Gangsta-Pose. Und so geht es auch auf »Undisputed« weiter. DMX hat es immer noch so was von raus, also die Illusion des tough guy mit dem Finger am Abzug. Doch dem inszenierten Schrecken und seinem außergewöhnlichen Flow gibt das Album auch noch echte Oldschool-Momente drauf: Die Arrangements wirken auffällig funky, fast schon Jurassic Five. Und genau das steht DMX’ knallhartem Rostkehlchen gut. Große Gangsta-Muppet-Show.

“Undisputed” ist bereits bei Seven Arts Music erschienen.

Erstveröffentlichung des Artikels bei Intro.

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[Album+Video] Laing – Paradies Naiv

laingParadies Laing. Eine neue Band, die einem – wie alles immer – als total fresh verkauft werden soll. Alles klar, ich kotz’ dann später. Doch im kompletten Gegensatz zur sonstigen Fresh-Tristesse fällt hier bei den ersten Klängen, den ersten Stücken, den ersten Eindrücken sofort auf: Auf diesem Album läuft tatsächlich mal nicht Dienst nach Vorschrift. Und dann diese nicht mehr für möglich gehaltene Überraschung, dass eine Band 2013 noch an die NDW erinnern kann, ohne dass dieser Verweis scheintot oder routiniert klingen würde. So ist man versucht, an die katzigen Balladen von Ideal zu denken. Allerdings smoothen Nicola Rost und ihre Kolleginnen den Gesang immer auch bisschen ab – so, als wäre man doch eher bei Sade. Eine Reizüberflutung der guten Styles eben. Der wirklich einschneidende Unterschied zu dem regulären Radio-Pop-Nichts: Die Flut bleibt hier immer schön spartanisch. Das heißt, »Paradies Naiv« ist einfach nicht zugekleistert mit Sounds, Riffs, Tatütata. Alles hat hier Platz und Sinn – die drei bis vier Berlinerinnen können es sich leisten, jeder der vielen kleinen und großen Ideen in Pop ihren eigenen Auftritt zu gewähren. Sexy, spröde, genialisch, herzlich und subtil. Diese Platte ist ein Vergnügen.

“Paradies Naiv” ist bereits bei Island/Universal erschienen.

Erstveröffentlichung des Artikels bei Intro.

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[Album] Voigt & Voigt – Die zauberhafte Welt der Anderen

voigtWolfgang Voigt gibt sich zum zwanzigjährigen Kompakt-Jubiläum äußerst produktiv: »Die zauberhafte Welt der Anderen« ist die erste Gemeinschaftsarbeit mit dem jüngeren Bruder Reinhard auf Albumlänge. Der Titel als Fusion zweier Nullerjahre-Filme mag erst mal abgedroschen klingen, mit dem französischen Glückskekskino Jeunets hat die Musik jedoch wenig zu tun, dafür aber mit Sandra Maischberger. Im Stück »Tja Mama, Sandra Maischberger« werden Vocalfetzen aus verschiedenen TV-Sendungen derart grotesk verhallt, echoisiert und zusammenmontiert, dass man sich beim Hören im Delirium beim Zappen auf der Couch wähnt, vielleicht sonntagabends nach durchzechtem Wochenende. Alles zieht an einem vorbei, und dann ruft auch noch Mama an. Trotz der nebulösen Vocals trägt das Stück chansonartige Züge und offenbart die Kunst, aus vorgefundenem Soundmaterial etwas komplett Neues zu erschaffen. Größter Popmoment ist der Rauskehrer »Triptychon Nummer 7«, ein Stück, aus dem man eigentlich zwei hätte machen müssen. Eine Hymne, die sich hinter New Order nicht zu verstecken braucht, deren mächtige Bassline am Ende von einem Orchestersturm weggefegt wird.

“Die zauberhafte Welt der Anderen” ist bereits bei Kompakt/Rough Trade erschienen.

Erstveröffentlichung des Artikels bei Intro.

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[Album] Justin Timberlake – The 20/20 Experience

Justin-Timberlake-The-2020-ExperienceSechseinhalb Jahre sind im Musikbusiness eine Ewigkeit. Soviel Zeit hat sich Justin Timberlake gelassen, um seinen Anspruch als neuer King Of Pop zu untermauern. Und es scheint, als sei er von Jahr zu Jahr größer geworden. Vorhang auf für den neuen Regenten, den König des Neo-Soul! Wie groß und mächtig Justin Timberlake mittlerweile im Popgeschäft geworden ist, zeigt sein Auftritt bei seinem Freund und US-Entertainer Jimmy Fallon in dessen Show. Cool und auch ein bisschen high freestylen sich die beiden durch die komplette HipHop-Geschichte und Timberlake macht in Sekundenschnelle jeden Rap zu seinem eigenen. Grandios, wunderbar, göttlich. Die Vorfreude auf den Nachfolger zu „Future Sex/Love Sounds“ mochte dabei auch die eher durchschnittliche Single „Suit & Tie“ (feat. Jay-Z) nicht stören. Genial: Die Credibility im Teich der Coolen holte er sich durch den Remix von Star-Underground-Frickler Four Tet ab. Das richtige Händchen für das Drumherum hat er nämlich auch. Voller Charisma sind die Tracks von „The 20/20 Experience“, sie bauen sich langsam auf, schlagen massig Haken und atmen durchgehend einen großen Geist. Die Messlatte für Timberlake kann schließlich nicht Lady Gaga oder Justin Bieber heißen, sondern Marvin Gaye oder Stevie Wonder. So kann auch nicht verwundern, dass die Songs eigentlich viel zu sperrig – und viel zu lang – fürs Formatradio sind. Den einfachen Weg geht keiner von ihnen, der Flow ist wichtiger als der Punch an der Kasse. Der US-Superstar singt über afrikanische Rhythmen, lässt Bässe wummern und gibt dem Groove soviel Platz er braucht.

Erstveröffentlichung des Artikels in der Aprilausgabe des Lifestyle-Magazins.

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