Beiträge zum Thema Alben

[Album] Neil Young & Crazy Horse – Psychedelic Pill

Der Einsatz, mit dem Neil Young seinen Status als Vater von Grunge, Feedback-Emanzipation und Zwei-Ton-Gitarrensoli in den vergangenen 20 Jahren mal befeuerte, mal einriss, ist erstaunlich. Die letzten Alben, ob mit oder ohne Crazy Horse, ließen wohlgemerkt nie den Eindruck entstehen, als habe er keine Lust mehr auf seinen Beruf. Nur, als habe er regelmäßig Lust auf etwas völlig anderes als seine Fans. Im Ergebnis herrschte meist spürbare Einigkeit bei der interessierten Öffentlichkeit darüber, welche neue Neil-Young-Platte gerade gut geworden und welche gescheitert sei. Allgemeiner Konsens im vorliegenden Fall: »Psychedelic Pill« steht für ein lärmendes Altersmeisterwerk. Tatsächlich stellt die Doppel-CD vieles von dem prominent aus, das Neil Young einst zur Vaterfigur vieler junger Grunge-Bands werden ließ. Etwa den stoffeligen Eigensinn, ein Album einfach mal mit einem 27-minütigen Stück auf vier Akkorden zu beginnen, bei dem sich der Schlagzeuger mehrfach verspielt. Oder das andauernde Unverständnis über den Fast-Food-artigen Medienkonsum der Jetztzeit, wenn Neil Young beteuert: »Don’t want my MP3!« Der 66-Jährige wirkt auf »Psychedelic Pill« mal wie ein kantiger Bote aus längst vergangenen Tagen, der auf einem Pferd in eine Apple-Show geritten kommt und die Aktionäre anbrüllt. Mal wie eine vernarbte Schildkröte, die kopfschüttelnd den Digital-Dschungel aus Studio-Presets, Quantisierung und Overdubs links liegen lässt und es sich im hohen Gras gemütlich macht. Suchen Sie sich ein Bild aus oder machen Sie sich noch besser ein eigenes. Alternativer Untertitel zur Platte auf jeden Fall: »Wenn Konservativismus kurz mal wieder die coolste Sau des Dorfes ist«.

“Psychedelic Pill” ist bereits bei Reprise/Warner erschienen.

Erstveröffentlichung des Artikels bei Intro.

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[Album+Video] Jake Bugg – Jake Bugg

jake-bugg2Simon Reynolds, übernehmen Sie! Der Musikjournalist stellte in seinem vielbeachteten Buch „Retromania” die These auf, dass die Menschheit niemals so besessen von ihrer jüngsten Vergangenheit war wie heute – und die Popkultur sich damit in einer Feedbackschleife selbst verschlingt. Der achtzehnjährige Wunderbub Jake Bugg hat das Buch bestimmt nicht gelesen. Ebensowenig wie er Dylan und die Stones gehört hat, wie ihm unterstellt wird. Die Songs seines Debütalbums sind Zitate von Zitaten, sozusagen der Gospel nach YouTube. Die Retro-Fassade und die mumpfigen Mikrophonaufnahmen sind unnötiger Kitsch, wie Fehler und Filter auf Handyfotos: Instagram-Rock’n'Roll. Dabei wären die Bilder doch auch ohne den Quatsch ganz hübsch. Verzeihung: die Songs.

“Jake Bugg” ist bereits bei Universal erschienen.

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[Album] Leslie Clio – Gladys

leslieclioErster Gedanke: Geschichten aus der Gruft! Zweiter Gedanke: Quatsch, schon zu Lebzeiten wurde Amy Winehouse’ Motown-Pop abgerippt, bis das saudumme Formatradio mit seiner noch dümmeren Playlist kam. Auch Leslie Clios Debüt kann sich nicht freisprechen, auf den abgehangenen Retrosound-Hype des letzten Jahrzehnts abzuzielen. Dennoch wirkt das hinter all der fraglosen Berechnung nicht komplett leer und kalt, wie man es sonst so gewohnt ist. Man erschrickt fast, denn das hier ist konstant gut, stellenweise sogar mehr als das. Der Hit »Told You So« hat den Boden bereitet, jetzt kann mit dicker Hose das nächste Level beschritten werden. Es gibt nichts Richtiges im Falschen, aber immer wieder paar gute neue Künstler, paar gute neue Platten. Diese ist eine davon. Übrigens mehr als eine Hand im Spiel und im Feuer hat hierbei Nicholai Potthoff, seines Zeichens Musiker bei Tomte und Produzent von Muff Potter. Vielleicht ist das genau jener Crossover, der »Gladys« nicht nach Zielgruppenparanoia, sondern nach einem echten Menschen klingen lässt. Wow, echte Menschen in den Single-Charts … Jetzt habe ich wirklich alles gesehen!

“Gladys” ist bereits bei Vertigo/Universal erschienen.

Erstveröffentlichung des Artikels bei Intro.

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[Album] Patrick Richardt – So, wie nach Kriegen

so wie nach kriegenWenn man ein bisschen gemein wäre, könnte man jubeln: Jetzt hat Grand Hotel Van Cleef seinen eigenen Gisbert zu Knyphausen! Dem jungen Mann fallen die Worte nun einmal mit ähnlichem Drall aus dem Mund, da kann er vielleicht gar nichts für. Da im Dreieck Indierock, Pop und Folk deutschsprachige Lakoniker sich nicht unbedingt gegenseitig auf den Füßen stehen, ist „So, wie nach Kriegen” (was macht das Komma eigentlich da?) durchaus willkommen. Patrick Richardts Debüt ist an den richtigen Stellen zärtlich und zupackend, melodiös, kratzig und in organisch wirkenden Bandarrangements uneitel runtergespielt. Keine Ahnung, wo dieser Gedanke jetzt herkommt, aber: Was für Musik würden wohl Echt mittlerweile machen?

“So, wie nach Kriegen” ist bereits bei GHVC/Indigo erschienen.

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[Album] Unter Ferner Liefen – Infusion

unter ferner liefenAlso 2003 war das Eighties-Revival schon auf seinem absoluten Zenith. 2013 ist es dagegen um den unvermeidlichen 90er-Flashback schlechter bestellt. Wo einst »Sweet Dreams« zum x-ten Mal gecovert wurde, lassen außer Trash-Fans alle die Finger von zum Beispiel »Narcotic«. Dieser Mega-Hit der Band Liquido aus dem Höhepunkt der VIVA-Ära. Nun, da sie also offensichtlich nicht fristgerecht ausgebuddelt werden, müssen es sich zwei ältere Boys aus dem Liquido-Nachlass unter dem Namen Unter ferner Liefen halt selbst machen. Zusammen mit zwei weiteren Akteuren gibt es spröden Radio-Pop in seiner typisch deutschen Interpretation von Sentiment, Romantik und Technik. Die musikalischen Mittel variieren, die Qualität der Stücke auch. »Wir waren nur Komparsen ohne Scheinwerferlicht« … hier wird Befindlichkeit nicht vermieden, sondern gesucht. Bei aller nicht zu überblendenden Uncoolness besitzt diese Platte auch etwas sehr Ehrbares. Ich bin abwechselnd abgestoßen und gerührt.

“Infusion” ist bereits bei Brainzone/Rough Trade erschienen.

Erstveröffentlichung des Artikels bei Intro.

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[Album+Video] Shout Out Louds – Optica

shoutoutloudsNa klar. Die ADHS-Kids haben wieder Probleme mit Musik, die nicht schon nach 20 Sekunden auserzählt ist und ihnen bunte Geschenke an den Kopf geworfen hat. Shout Out Louds wollen auch nicht zum schäbigen Quickie verkommen, als Teil eurer Prokrastination zwischen einem Facebook-Status-Update und den besten Toren der Hinrunde verklappt werden. Seit 2005 haben die Stockholmer den unabgeschlossenen musikalischen Selbstfindungstrip zur Maxime erhoben und sich so eine kindliche Unschuld im Sound bewahrt. Auch auf »Optica« strömt der Freigeist durch sanft pulsierende Pop-Balladen. Durch dezente Disco-Bässe, verträumte 80er-Jahre-Arpeggio-Gitarren und die larmoyanten Gesangspassagen des immer traurig guckenden Adam Olenius. Ja, die Kurzweiligkeit bleibt dabei eher eine Ausnahme. So was klingt zwangsläufig nicht wie die maßgeschneiderte Pop-Oper zum Lebensgefühl der Generation Saturn-Postwurfsendung. Aber wer sich Zeit nimmt, wird von diesem federhaften, sehnsüchtigen, fast diskret zu nennenden Album belohnt werden. Liebe auf den zweiten Blick ist immer noch Liebe.

“Optica” erscheint am 22. Februar bei Vertigo/Universal.

Erstveröffentlichung des Artikels bei Intro.

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[Album] Foals – Holy Fire

foalsholy fire bigAn Fakten ist nicht zu rütteln: Die Band Foals hat ein neues Album herausgebracht. Inhaltlich muss diese Feststellung aber hinterfragt werden. Ist das nicht eher die halbe Wahrheit, ist das wirklich neu, was wir da hören? Anlass, es so genau zu nehmen, haben die Engländer mit ihren zwei ersten Alben selbst provoziert. Das leichtfüßige und doch so akribisch durchdachte “Antidotes” gab einer Generation von ambitionierten Nachwuchsmusikern Hausaufgaben mit auf den Weg. “Total Life Forever” nahm den Faden vier Jahre später wieder auf, perfektionierte den Sound jedoch noch einmal, gab ihm mehr Facetten – führte ihn zu neuer Brillanz. Die Oxforder sind demnach selbst schuld, wenn man auf ihrem dritten Werk “Holy Fire” mit Großem rechnet, nach neuen Geistesblitzen lechzt. Und in Teilen befriedigen sie dieses Verlangen. Mit dem funkigen “My Number” etwa, dem für die Band schon fast zu fröhlichen Dancefloor-Filler. Oder dem eingängigen “Milk & Black Spiders” mit seinen Popqualitäten. Vor allem aber mit “Inhaler”, diesem merkwürdigsten aller bisher da gewesenen Foals-Songs, bei dem Sänger Yannis Philippakis gegen deftige Stoner-Rock-Gitarren anschreit, und “Bad Habit”, das für eine Weile gekonnt aus üblichen Foals-Mustern ausbüchst, um sich nach drei Minuten doch wieder nahtlos einzureihen. Auf der anderen Seite klingt auch vieles vertraut: perfekt konzipierter Indiepop mit zackigen Rhythmen und punktgenauen Gitarren. Und das darf auch so sein, denn dieser Foals-Sound ist ein Qualitätssiegel. Und wer sich so konsequent einen eigenen Stiefel geschaffen hat, darf ihn eben auch guten Gewissens tragen. Er sieht schließlich noch immer besser und individueller aus, als die meisten anderen.

“Holy Fire” ist bereits bei Warner erschienen.

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[Stream] Squeaky Lobster – Killing Eleven EP

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[Album] Villagers – {Awayland}

villagersDas Debüt von Conor O’Brien als Villagers „Becoming A Jackal” war eine klare Sache: Singer-Songwriter-Folk mit Hang zu Holzinstrument und besorgter Selbsteinsicht. Das war zwar nicht aufregend verpackt, aber ausgezeichnet geschrieben. „{Awayland}” ist das Produkt einer Schaffenskrise: Tolle Songs verfasst O’Brien noch immer, aber an der Darbietung hat er gefeilt. Das zweite Album flirtet mit progressivem Rock und Elektronik, kein ganz unbeschrittener Weg für Singer-Songwriter: Beck und Namensvetter Conor Oberst/Bright Eyes haben hier bereits ihre Duftmarken gesetzt. „{Awayland}” weitet den Horizont dessen, was Villagers ist: Eine leise Ahnung von Unheil liegt über den Titeln, eine stärkere von Hoffnung. Die Welt ist groß und Rettung lauert überall.

“{Awayland}” ist bereits bei Domino/Goodtogo erschienen.

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[Album] Delphic – Collections

DelphicVor knapp zwei Jahren haute Intro eine Newcomerband aufs Cover, das Debüt von Delphic hatte in seiner extremen Geschmeidigkeit und mit galanter Elektrizität dem Indie-Nerd die Tanzfläche zu Füßen gelegt. Beim Melt! Festival 2010 platzte die Gemini-Stage aus allen Nähten, als Delphic rollten. Doch danach passierte … nicht mehr viel. Delphic legten nicht sofort nach, und die vom Hype verdorbene Amnesie-Popkultur verlor sie aus den Augen. Jetzt fühlt es sich daher schon fast an, als würde man einem Comeback beiwohnen, dabei ist »Collections« nur die zweite Platte. Nur? Von wegen. Zweite Platten sind gemeinhin nicht leicht. Delphic lösen das Dilemma von Erwartung und Übersättigung allerdings glänzend. Sie haben einfach neue Hypnose-Richtlinien aufgestellt. Faszinierte auf dem Debüt noch das artifizielle Moment in den sich hochschaukelnden Songs, wird man jetzt durch extreme, analog instrumentierte Versiertheit in Trance gespielt. Auf »Baiya« gibt es sogar Ofra-Haza-Gedächtnis-Passagen. Das hier ist weiße Musik zum Tanzen – und mit Tanzen meine ich Ficken.

“Collections” ist bereits bei Chimeric/Coop erschienen.

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