Beiträge zum Stichwort: DFA
[Album+Video] The Rapture – In The Grace Of Your Love
1. August 2011
Acht Jahre ist es her, dass The Rapture mit „House Of Jealous Lovers“ gleichermaßen zur Renaissance New Yorks wie der Kuhglocke in populärer Musik beitrugen. Spricht man über „In The Grace Of Your Love“, fällt es schwer, nicht über vergangene Erfolge zu reden: Mit ihrer dritten Platte sind sie zu DFA zurückgekehrt, jenem Label, das den Dance-Punk-Trend des beginnenden 21. Jahrhunderts erst startete. An „In The Grace Of Your Love“ gefällt die Einsicht der Band, dass der Blitz nicht an der selben Stelle zweimal einschlägt: Luke Jenner und Vito Roccoforte arbeiten sich an liebgewonnenen Sounds ab, haben hier das House-Klavier, federnde Bässe, dort eine Gang-Of-Four-Klackergitarre und wirken insgesamt recht zufrieden mit dem, was sie damit anstellen. Das dürfen sie auch: Statt sich einem Stildiktat zu beugen, ist das der Werkzeugkasten, mit dem sie ihre Songs zusammenbauen, tolle Stücke wie das von einer euphorischen Keyboardsirene getragene „Children“ zum Beispiel. In Würde weitermachen, bei denen sieht das so leicht aus.
“In The Grace Of Your Love” wird am 2. September bei Cooperative Music/Universal veröffentlicht.
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LCD Soundsystem – This Is Happening
1. Mai 2010James Murphy ist überdeutlich von Clubmusik inspiriert und von ihrer Funktionalität fasziniert: Im Gegensatz zu einem zehn Minuten vor sich hin hämmernden Dancetrack nimmt er aber ständig Abzweigungen, dreht um und überrascht immer dann, wenn man endlich glaubt, ihm auf die Schliche gekommen zu sein. Darum funktioniert LCD Soundsystem so gut als Liveband und auf der heimischen Anlage: Was in Fragmente zerlegt auch als 08/15-Abgehnummer im DJ-Koffer landen könnte, gewinnt durch Schichtung und Brüche enorm an Tiefe. „This Is Happening”, das vermeintlich letzte Album unter dem Projektnamen, hat den Vorgängern „LCD Soundsystem” und „Sound Of Silver” wenig hinzuzufügen, wirkt aber wie eine konzentriertere, fokussiertere Version des sehr einzigartigen Stils. Ein dichtes Beatgerüst hat die Tracks bombensicher im Griff, während sich Postpunk, Disco und Synthiepop auf Nebenschauplätzen schlagen und vertragen. Doch die zum Markenzeichen gewordenen selbstreflexiven Texte, die Murphy singt, spricht und croont als hätten sich Prince und Mark E. Smith das Sorgerecht geteilt, sind erneut der halbe Spaß: „You wanted a hit, but maybe we don’t do hits. I try and try, it always comes out wrong.” Die einzige Fehleinschätzung auf einem nahezu perfekten Album.
“This Is Happening” erscheint am 14. Mai bei EMI.
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V.A. – If This Is House I Want My Money Back
22. Dezember 2009
Wer dachte, dass sich das Thema Permanent Vacation spätestens nach dem Hype um Cosmic Disco erledigt haben würde, sah sich schnell eines Besseren belehrt. Man hat sich längst diversifiziert. Auf der ironisch betitelten Compilation “If This Is House I Want My Money Back” huldigen aktuelle Produzenten den Ursprüngen von House. Die Tracks rekurrieren auf jene legendäre Zeit Anfang der Achtziger, als in der schwarzen schwulen Subkultur von Chicago und New York die moderne Tanzmusik erfunden wurde. Larry Levan, Ron Hardy und Frankie Knuckles mixten die Rhythmuspassagen ihrer Disco-, Funk- und Postpunkplatten stundenlang ineinander und ritten Körper in Ekstase. Die Musik war weit davon entfernt, “kalt, seelenlos und beliebig” zu sein, ein Vorwurf, dem sich aktuelle Dance-Produktionen immer wieder ausgesetzt sehen. Diese Compilation versammelt einige der schönsten organischen Housetracks von aktuellen Genrehelden wie Walter Jones, den man von DFA kenne könnte, oder Mugwump, der zuletzt auf Kompakt aktiv war. Vieles bewegt sich tatsächlich nur im Schritttempobereich, um die 110, 120 bpm. Mehr braucht es auch nicht, einen Körper auf Hochtouren zu bringen, so sehr pulsiert diese Maschinenmusik.
“If This Is House…” ist bereits bei Permanent Vacation erschienen.
Erstveröffentlichung des Artikels bei Intro.
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Zurück in die Zukunft: The Juan McLean
16. April 2009Unter dem Namen The Juan McLean veröffentlicht der ehemalige Six-Finger-Satellite-Gitarrist John McLean seit Jahren konstant gute Postdisco-Platten auf Tim Goldsworthys und James Murphys DFA-Label. Sein neues Album “The Future Will Come” hingegen zeigt sich eher inspiriert von klassischem Synthiepop. Sebastian Ingenhoff traf den Menschen hinter den Tasten in Berlin.
Die DFA-Geschichte begann vor bald acht Jahren mit The Raptures “House Of Jealous Lovers”, einem Song, der das Postpunk-Revival mit viel Aplomb und Kuhglockengebimmel auf den Weg brachte. Kurze Zeit später folgte die Single “By The Time I Get To Venus” von The Juan McLean. Das auf einem Herbie-Hancock-Sample basierende Discostück war – mehr noch als die tendenziell rockigeren Rapture – eine Blaupause für den aus dem New Yorker Disco-Underground und frühen House-Produktionen seine Inspiration ziehenden DFA-Sound, den das Duo Goldsworthy/Murphy samt Crew in den Folgejahren perfektionieren sollte.
Im Gegensatz zu Hot Chip, LCD Soundsystem oder unlängst Hercules And Love Affair konnte der New Yorker John McLean jedoch nie übermäßig aus seiner Zugehörigkeit zur Discofabrik Kapital schlagen. Sein Debütalbum “Less Than Human”, für dessen Produktion er nach der Maxi ganze drei Jahre benötigte, ging unter – zumindest, wenn man die Verkaufszahlen der oben genannten Bands als Maßstab nimmt. Eigentlich seltsam, denn “Give Me Every Little Thing” hatte mit seinem knarzenden Bass und dem hysterischen Gesang fast schon E.S.G.-Appeal. Unvergessen auch das an Frankie Knuckles “The Whistle Song” angelehnte “Love Is In The Air”, dessen Hitpotenzial vor allem durch den auf der Single-B-Seite enthaltenen Chicagohouse-Remix offengelegt wurde. Das Album bewegte sich irgendwo zwischen den Koordinaten House, Disco, Krautrock, klassischem Electro und Postpunk, Letzteres eher im Sinne von Devo als Gang Of Four. Martin Büsser monierte seinerzeit im Intro den kühlen Retrofuturismus McLeans. Sein Fazit: “Less Than Human” klänge nicht nach der Metropole New York, sondern eher nach der Filmstadt Brazil.
Der Begriff Retrofuturismus bringt es auf den Punkt, auch wenn sich über die angebliche Kälte der Musik durchaus streiten lässt, bedenkt man, was sich sonst so auf den Tanzböden dieser Erde herumtreibt. Der Rückgriff auf die Achtziger, auf eine Zeit, in der täglich neu erscheinende Synthesizer ein futuristisches Zeitalter einläuteten und bald jede Feuerwehrkapelle auf Elektronik umsattelte, birgt natürlich gewisse Fallhöhen, liest sich aber auch wie ein Statement. Denn in der kontemporären Tanzmusik herrscht gleichfalls Futurismus, nur weiß keiner mehr so genau, wo der eigentlich hinführen soll. Dank der Musiksoftware Serato ist jeder MP3-Sammler nun ein DJ, und ganze Dancetracks produzieren sich mittlerweile per Mausklick wie von selbst. John McLean hingegen schraubt und dreht lieber weiter an seinen analogen Synthesizern und Sequencern herum, die Beats werden von einem Schlagzeuger erzeugt, die Bässe sind handgespielt.<!–more–>
Das Faible für altes Equipment eint alle DFA-Produzenten. Maurice Fulton, der im letzten Jahr unter dem Pseudonym Syclops eine Teufelsplatte herausbrachte, hat zum Beispiel eine starke Vorliebe für halbkaputte Drummaschinen. Auch Delia Gonzales & Gavin Russom arbeiten lieber mit leicht antiquiertem Material. John McLean erklärt, er achte darauf, dass das Verhältnis von Mensch zu Maschine ungefähr bei 50/50 liege.
“The Future Will Come” ist vielleicht auch wegen dieses mathematischen Grundschlüssels wieder in Zusammenarbeit mit Nancy Whang (LCD Soundsystem) entstanden, am Schlagzeug sitzt Jerry Fuchs, der sonst bei !!! trommelt, und produziert wurde das Ganze von Nick Millhiser und Alex Frank, die auf DFA unter dem Namen Holy Ghost veröffentlichen und zuletzt mit der Single “Hold On” einen bemerkenswerten Postdiscohit abgeliefert hatten. “DFA ist eine große Familie. Es gibt immer einen regen Austausch, man hilft sich gegenseitig, wo man kann. Du sitzt im Studio, und irgendwer schaut immer mal herein und fragt, ob er nicht einen Keyboardpart oder sonst irgendwas übernehmen solle. Deshalb gibt es ja diesen berühmten Witz, dass alle DFA-Platten gleich klängen, weil eh immer dieselben Leute mitmischen”, schmunzelt John.
Es ist früher Mittag, und John wirkt noch etwas zerschossen. Gestern musste er zu später Stunde im Rahmen der Berlin Fashion Week im neuen WMF vor lauter kleinen Agys und Petes auflegen. Der Sound war grottenschlecht, was aber eher der Anlage beziehungsweise den Räumlichkeiten geschuldet war. Eine seltsame Veranstaltung, sagt John, doch für ihn als Musiker überlebenswichtig, denn von Bookings in den kleinen amerikanischen Clubs können nur noch die wenigsten ihre Miete bezahlen. Er spielte stoisch seine alten House-Platten, gemixt mit ein paar aktuelleren Sachen. “Ich war ein bisschen überrascht, dass das so funktionierte. Eigentlich kannte ich Berlin nur als Techno-Hochburg, wo du hart spielen musst. Langsam ändert sich das aber, habe ich das Gefühl. Gestern waren mehr Mädchen als Jungs da. Die mögen es halt eher housig und melodiös.”
Dabei ist sein neues Album “The Future Will Come” alles andere als housig. Die 2008 erschienene Vorabsingle “Happy House” mit ihren reißerischen Pianochords und dem verschwurbelten Acidgebratze am Schluss bildet da noch die Ausnahme. Der Rest ist lupenreiner Synthiepop im Stile der mittleren Human League. Deren Meisterwerk “Dare” ist für John nämlich eines der besten Popalben aller Zeiten: “Über Human League heißt es ja immer, dass die tollen Sachen aus ihrer ganz frühen Postpunk-Phase stammten. ‘Dare’ besitze ich hingegen schon seit meiner Jugend, hatte es mir aber nie richtig angehört. Irgendwann habe ich es dann noch mal ausgepackt und erkannt, wir großartig es eigentlich ist und was für wahnsinnige Sounds sie damals schon benutzt haben. Nancy und ich beschlossen dann, ‘Dare’ als eine Art Folie für unser Projekt zu nutzen.” Um im Internetzeitalter, wo eh jeder alles kennt, noch futuristisch zu klingen, muss man also das Zeit-Raum-Kontinuum durchbrechen und in die revolutionären Achtziger zurückreisen. Der Albumtitel “The Future Will Come” stellt jedoch eine Verballhornung dar, denn John ist davon überzeugt, dass sich die Musikgeschichte nur noch wiederholen kann. Die alte Litanei: Alles schon mal da gewesen.
Nancy und John singen auf “The Future Will Come” zu gleichen Teilen und spielen sich in einer Art Freestylebattle gegenseitig die Bälle zu. Den Vergleich mit dem HipHop-Battle findet Nancy im später stattfindenden Telefoninterview amüsant. Es sei ihnen tatsächlich darum gegangen, die Texte im spontanen Zusammenspiel miteinander entstehen zu lassen, jenseits des individuellen Songwritingprozesses. Nancy konnte in Berlin leider nicht dabei sein, sie ist gerade in Oregon bei ihren Eltern zu Besuch und wartet auf das Abendessen, während wir telefonieren. Auf der anstehenden Tour im Frühjahr, die John wieder mit einer richtigen Band über die Bühne bringen möchte, wird sie jedoch selbstredend dabei sein. Zurzeit ist sie neben der Arbeit mit The Juan McLean ausgiebig mit eigenem Solomaterial beschäftigt. Auch das soll eher eine offene Zusammenarbeit mit anderen befreundeten Musikern darstellen. Die Maschinen müssen am Laufen gehalten werden. Bald steht schließlich das zehnjährige Labeljubiläum an, und dafür ist ein ganz besonderer Coup geplant. Mehr möchte sie aber noch nicht verraten. Die Zukunft bleibt also doch trotz all unseres Wissens geheimnisvoll.
“The Future Will Come” erscheint am 24. April über DFA/Coop/Universal.
Mit freundlicher Genehmigung von Intro.
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Golden Bug – Hot Robot
10. November 2008
“Hot Robot” ist eine Hommage an Golden Bugs jüngst verstorbenen besten Freund – einen japanischen Spielzeugroboter namens Victor, der bei einem tragischen Skateboardunfall geköpft wurde. Ihm zu Ehren hat der in Paris aufgewachsene Antoine Harspuru ein ganzes Album in bester Robotfunkmanier produziert. Golden Bug gilt als der ed-bangerigste Act des Münchener Discolabels Gomma und wird mit “Hot Robot” seinem Ruf gerecht. Schon der Überhit “Barbie’s Back” klang so, als sei Uffie halb von Justice und halb von James Murphy durch den Fleischwolf gedreht worden.
Das Gebratze im französischen Stil wird aufgelockert durch die funkige Kuhglockendisco, die man von Gomma seit eh und je gewohnt ist, und damit auch auf Albumlänge ertragbar gemacht. Für Ed Banger und Kitsuné-Fans ist Golden Bug also ebenso attraktiv wie für Anhänger des eher an klassischem Disco und House orientierten New Yorker DFA-Labels. Alle Hipster unter einem Dach vereint – Victor würde einen Headspin im Grabe vollführen. Die bereits als Maxi erschienenen Stücke “Disco Sensation” und “Barbie’s Back” bleiben zwar die auffälligsten Hits, das soll der Platte jedoch keinen Abbruch tun.
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Shit Robot Mix
22. März 2008
DFA stellt ja immer wieder gerne Radio-Mixes zum Download auf seiner Seite bereit. Hier der aktuelle vom Januar 2008 – Shit Robot dreht einmal die – elektronische – Musikgeschichte von Bryan Ferry bis Hercules and Love Affair längs. Feine Sache, das.
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