Beiträge zum Stichwort: folk

[Album+Video] Crystal Fighters – Cave Rave

crystal fightersWer sich den Crystal Fighters nähert, vermisst vor lauter Hüllen fast den Kern. Was wird da nicht alles aufgefahren: Spiritualität, Architektur, die baskischen Gebirge, Freiheitskämpfe und vielerlei Folklore mehr. Dabei führt diese monströse Aufblaserei völlig in die Irre: Der Sound der Band ist zwar komplex, aber dennoch einfach zu verstehen. Er bedient sich juvenilen Überschwangs („Wave“), klampft sich als noch besser gelaunte Version von Theme Park („LA Calling“) durch die Minuten und führt überall dort Electro-Feldzüge, wo die Langeweile die Heimatscholle einnehmen will. Das führt bei einem Track wie „Separator“ zu unfreiwilliger Komik, wenn das Carter-USM-Gepeitsche zu Beginn von einem rastlosen Afrobeat in die Enge gedrängt wird und dann als Auflösung dessen… nichts passiert. Stattdessen geht’s dann mit „No Man“ konservativ folkig weiter, stets angenehm, selten vorhersehbar. „Bridge Of Bones“ ist eine astreine Schmachtnummer, „Love Natural“ zappelig und „Are We One“ eine stabil stumpfe Mitgröhlnummer für den Festivalsommer. Was für ein Bohei man doch um eine manchmal kluge, meist sympathische, nahezu durchgehend unterhaltsame Band machen kann.

“Cave Rave” ist bereits bei Pias erschienen.

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[Konzert] Villagers – Uebel & Gefährlich (4.3.)

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Die Villagers sind ein wunderschöner zweiter Traum, nachdem der erste platzte. Conor J. O’Brien spielte einst bei The Immediate, die als größtes Versprechen der irischen Folkpop-Szene auf eine goldene Zukunft galten. Daraus wurde nix, sie spielten trotz furioser Resonanz nur einen Sommer. Danach wirkte O’Brien frustriert auf eigene Rechnung und ließ das Villagers-Licht erstmals 2009 mit der EP „Hollow Kind“ leuchten. Ein Projekt, das mit Musikern gefüllt werden musste. Gesagt, getan, das Album „Becoming A Jackal“ im Folgejahr löste die Handbremse und die wilde Fahrt begann. Dabei verbindet ihn nicht nur der Vorname mit Conor Oberst. Beide tasten sich mit großen Augen und zarten Fingern in die Ecken des Folk vor und nennen die Fähigkeit, Sehnsuchtslandschaften in leuchtenden Farben zu zeichnen, ihr eigen. {Awayland} heißt das aktuelle Villagers-Album und trotz Tocotronic und Jake Bugg hat das junge Jahr noch keine schönere Platte gesehen. O’Briens Stimme schlendert über einsame Wiesen und versucht, den Nebel einzufangen. Kindheitsträumereien und Altersweisheiten vereinen sich im irischen Singer-Songwriter, dessen Faible für bis ins Letzte ausarrangierte Songstrukturen unverkennbar ist. Das wird derzeit ja sehr gerne genommen, siehe den Erfolg von Grizzly Bear im vergangenen Jahr. Bei aller Sanftmut: Auf der Bühne lassen die Villagers auch gerne mal die Crescendo-Sau raus und prügeln sich in Sekundenschnelle in Rage. Nur um kurz danach wieder entschuldigend zu blinzeln. Es ist doch nur vollkommen ernst gemeinter Spaß!

Wann: Mo, 4.3., 20 Uhr
Wo: Uebel & Gefährlich
Wieviel: ab 21,40 Euro

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[Album] I Got You On Tape – Church Of The Real

Manches passt so gut zusammen, dass es langweilig ist. Jacob Bellens’ warme Baritonstimme und der sparsam-düstere Hinterzimmerfolk seiner Zwei-Mann-Band Murder ist so ein Fall: wahnsinnig geschmackvoll, wenig aufregend. Dafür wirkt sein Part bei I Got You On Tape wie der des großen Bruders, der als Aufsichtsperson mit auf Klassenfahrt geht: Die Band mengt nervös Postpunk und Synthiepop zusammen, und Bellens erdet das Ganze mit träger Lebensmüdigkeit. Der Odd-man-out-Appeal ihres Frontmanns ist offenbar eine Qualität, nach der die Band gezielt gesucht hat: Der Gründungslegende nach hat diese auf der Suche nach einem Sänger einfach den Typen angesprochen, der in einer Bar tagaus, tagein rauchte und einen kleinen Block vollschrieb. Ein Glücksgriff: »Church Of The Real« ist bereits das vierte Album der Gruppe aus Kopenhagen, ein ordentliches Stück Achtziger-Artpop-Nostalgie, das von Bellens’ Melodien weit über den Durchschnitt gehievt wird. Besonders schön: wenn er über einem Vangelis’artigen Synthietrack wie ein weniger nasaler Willie Nelson singt – und der Song »Springsteen« heißt. Was nicht passt, wird auch nicht passend gemacht. Spannend.

“Church Of The Real” ist bereits bei Tigerspring/Rough Trade erschienen.

Erstveröffentlichung des Artikels bei Intro.

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[Album] Family Of The Year – Loma Vista

»Familie, Frohsinn und Musizieren in den Hügeln – ideenarmer Folk-Rock in einem Meer aus Klischees«, so vernichtend urteilte Intro letztes Jahr über das Debütalbum der kalifornischen Family Of The Year. Tatsächlich hat sich an den musikalischen Grundrissen des Bandprojektes von vier zusammenlebenden Musikern nichts geändert: Der Schellenkranz schellt, die Akustikgitarre schrammelt, und Streicher verschließen auch die letzten Löcher, durch die bei den Demo-Aufnahmen noch ein frischer Windhauch geweht haben dürfte. Willkommen in der stickigen Folkpop-Bude, die in ihrem Versuch, möglichst real rüberzukommen, 2012 fast corporate wirkt. Aber, und das lässt die letzten Zeilen wie ein Kartenhaus in sich zusammenstürzen: Auf »Loma Vista« sind etliche beschwingte, richtig gute Stücke, die den altklugen Schwermuts-Folk der hunderttausend anderen ähnlich auftretenden Bands in den Staub demütigen. »The Stairs«, »Never Enough« und »St Croix« heißen solche Argumente. Formatradio, Haldern Festival, deine Eltern – hier könnte jeder finden, was er sucht. Das ist nicht das Schlimmste.

“Loma Vista” ist bereits bei Nettwerk/Soulfood erschienen.

Erstveröffentlichung des Artikels bei Intro.

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[Album+Video] Cheek Mountain Thief – Cheek Mountain Thief

Der klangverliebte Ausprobier-Folk der britischen Band Tunng besaß stets eine Nähe zu skandinavischer Schrulligkeit. So nimmt es kaum wunder, dass ihr Frontmann Mike Lindsay diese nun auch geografisch nachvollzieht. Die gleichnamige Platte seines Soloprojekts Cheek Mountain Thief entstand in Island, und ausnahmsweise macht es mal Spaß, das Platteninfo dazu zu lesen: Dort ist von einer unvergesslichen Silvesternacht und einem Wahnsinnsmädchen namens Harpa die Rede, eine Schul-Marimbaband und eine 15-jährige Akkordeonistin tauchen auf, und am Ende half (so klingt es) fast die gesamte Bevölkerung des 2000-Seelen-Städtchens Húsavik bei den Aufnahmen. Das würde man wirklich gerne von Cameron Crowe verfilmt sehen. Der musikalisch notorisch krüsche Filmemacher müsste sich auch gar keine Sorgen um den Soundtrack machen, der wäre schon eingebaut und gut: Zwischen den klimpernden, klackernden Island-Folk des Reingeschmeckten und Urgewächse wie Jónsi, Múm und Mugison passt kein Blatt. Kulturelle Assimilation done right. (Und das Mädchen hat er auch gekriegt!)

“Cheek Mountain Thief” ist bereits bei Full Time Hobby/Rough Trade erschienen.

Erstveröffentlichung des Artikels bei Intro.

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[Album] Matt Pryor – May Day

matty-pryorDie überzeugendere Musik von Matt Pryor veröffentlicht er inzwischen unter seinem eigenen Namen. Seine Stammband The Get Up Kids gibt es zwar nach einer ausgedehnten Pause wieder, doch so wirklich Spaß machen auf ihren Konzerten nur die alten Songs: Punkrocklieder über die Schmerzen des Heranwachsens können die fünf Herren mit Familie und Bauchansatz mittlerweile nicht mehr schreiben, aber immerhin noch ganz kompetent nachspielen. „May Day“, ein rein akustisches Folkalbum, hat Pryor alleine innerhalb kurzer Zeit aufgenommen, dementsprechend skizzenhaft, roh und mumpfig klingen die Stücke streckenweise. Gedankenverlorenes Geschrammel findet sich dabei nicht auf „May Day“ – die Produktion mag nachlässig sein, das Songwriting ist hingegen absolut auf der Höhe. Gar nicht so schlimm, dieses Erwachsenwerden.

“May Day” ist bereits bei Arctic Rodeo/Cargo erschienen.

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[Album] First Aid Kit – The Lion’s Roar

23066567Anfang 2009 bildete das Konzert der beiden nahezu unbekannten Schwestern Klara und Johanna Söderberg noch das Highlight der jährlich in Groningen stattfindenden Indie-Talentshow Eurosonic. Danach folgten viele weitere fantastische Auftritte auf der ganzen Welt – allerdings auch eine EP und ein Debütalbum, auf denen sich die Band etwas unter Wert verkaufte. Grund: First Aid Kit hatten hier vor allen Dingen versucht, das intime Set-up der Live-Shows naturalistisch, also entsprechend reduziert wiederzugeben. Jetzt liefern die beiden mittlerweile volljährigen Schwedinnen ihr vollinstrumentiertes Aufnahme-Meisterstück ab. »The Lion’s Roar« erweitert die fragilen Folk-Songs unter der Leitung des Saddle-Creek-Hausproduzenten Mike Mogis um die Klangfarben einer klassischen Country-Besetzung: Streicher, Schlagzeug, Slidegitarre, Bass (gespielt vom Vater der Band), Gastsänger (siehe gleich). Die Stücke erhielten, derart inszeniert, endlich die Dynamik und das Pathos, um den internationalen Standard des introvertierten Singer/Songwriter-Albums endgültig in Schutt und Asche zu umarmen. Ein Ausbruch aus dem Purismus-Knast aus Akustikgitarre und traurigen Mienen. Fantasy-Nebeneffekt: Mit Conor Oberst (Bright Eyes), dem Ex-Indie-Wunderkind aus Nebraska, singen die beiden Ex-Indie-Wunderkinder aus Schweden, die nicht zuletzt wegen Bright Eyes einst zur Band wurden, endlich auch auf Platte im Duett. Hoffentlich hegen First Aid Kit noch Wünsche jenseits der 20. Auf den letzten paar Metern zum Gipfel könnte es bald schon langweilig zugehen.

“The Lion’s Roar” ist bereits bei Wichita/Pias/Rough Trade erschienen.

Erstveröffentlichung des Artikels bei Intro.

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[Track] Marissa Nadler – The Wrecking Ball Company

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[Album] Atlas Sound – Parallax

atlas-soundWie es bei Nebenprojekten so ist, könnten einige Songs von Bradford Cox’ Solokünstler-Alias Atlas Sound auch unter dem Banner seiner Stammband Deerhunter laufen. Insgesamt sind die Stimmungen allerdings doch recht unterschiedlich: Wo im Deerhunter-Kosmos trotz aller psychedelischer Abschweifungen die Indierock-Koordinaten aus Gitarre, Bass und Schlagzeug recht unverrückbar sind, hat Atlas Sound einen offeneren, freundlicheren Anything-goes-Ansatz. “Mona Lisa” klingt nach Siebzigerjahre-Folksongwriting, der Opener “The Shakes” ist ein rhythmisch pendelndes Krautpopstück, “Te Amo” ein Ambient-artiges, elektronisches Liebeslied. “Parallax” klingt auf angenehme Art und Weise beiläufig, schwierige Konzepte haben hier nichts verloren. Das macht das Album vielleicht weniger wichtig, aber auf jeden Fall alltagstauglicher als etwa Deerhunters letztes Album “Halcyon Digest”.

“Parallax” erscheint am 4. November bei 4AD/Beggars/Indigo.

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[Album+Video] Laura Marling – A Creature I Don’t Know

laura-marlingDass Laura Marling eine Spur gebrochener Herzen hinter sich lässt, verblüfft nicht. (Die tieftraurige, vorletzte Platte von Noah And The Whale “First Days Of Spring” hat sie zu verantworten.) “A Creature I Don’t Know” ist romantisch, aber stur, so temperamentvoll wie abgeklärt. Richtig schlau wird man daraus nicht. Dass sie bei einem kurzen Innehalten mit schiefen Mundwinkeln “I’m Full Of Guilt” einräumt, ist immerhin ein Anfang. Songs wie “The Beast” und “My Friends” sind erst zaghafte, schüchterne Beiläufigkeiten um schließlich stolz und aufrecht die Lautstärke aufzudrehen. Was so ein bisschen Dynamik anrichtet. Laura Marling spielt einen wenig herzlichen, kargen, aber zutiefst erschütternden Folk, der dem Begriff seine Würde zurückgibt – ohne in puristischen Traditionalismus zu verfallen.

“A Creature I Don’t Know” ist bereits bei Cooperative/Universal erschienen.

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