Beiträge zum Stichwort: Indierock

[Album] Yo La Tengo – Fade

yolatengoYo La Tengo sind seit fast dreißig Jahren eine der verlässlichsten Indierockbands der USA. Nun klingt das wie ein etwas vergiftetes Lob: „Verlässlich” ist, wer pünktlich zur Arbeit kommt. Bloß haben Yo La Tengo seit jeher auf derart hohem Niveau veröffentlicht, dass selbst ein offensichtlich im Halbschlaf produziertes Album wie „Summer Sun” (2003) zu den Höhepunkten eines Musikjahres gehörte. „Fade” hingegen ist gewiss hellwach eingespielt worden. John McEntire (Tortoise, The Sea And Cake) löst erstmals den langjährigen Weggefährten Roger Moutenot als Produzent ab und erweitert behutsam dessen liebgewonnenen Proberaumsound: „Fade” zeigt Georgia, Ira und James gleichsam ätherischer als auch zupackender als zuletzt. Der Opener „Ohm” ist ein im Chor vorgetragenes Mission Statement einer verschworenen Gruppe von Freunden, die wehmütigen Bläser in „Cornelia and Jane” brechen das Herz. „Fade” kracht, pulsiert, wummert und flüstert. Nach 13 Alben keine Spur von Routine. Stattdessen gilt: Übung macht den Meister.

“Fade” ist bereits bei Matador/Beggars/Indigo erschienen.

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[Album+Video] Lee Ranaldo – Between The Times And The Tides

Bei Sonic Youth war Lee Ranaldo der Frontmann aus der zweiten Reihe: Kein Deut weniger einfallsreich an der Gitarre als Thurston Moore, mit ebenso guten Songs wie Kim Gordon, aber immer einen respektvollen Schritt hinter dem ehemaligen Alternative-Traumpaar. “Between The Times And The Tides” ist nach einigen experimentelleren Arbeiten sein erstes Soloalbum, das man guten Gewissens unter Indierock einsortieren kann. Dabei hat er das Genre quasi miterfunden. Eine angenehme Unaufgeregtheit geht von den Stücken aus, die nur noch scheu mit den Dissonanzen seiner ehemaligen Band liebäugeln: Gitarrensoli und wurlitzernde Orgeln rücken das Ganze manchmal in beachtliche Nähe zu Classic Rock. Dass Wilco-Gitarrenheld Nels Cline zum Teil mitmischt, ist da kaum verwunderlich.

“Between The Times And The Tides” ist bereits bei Matador/Beggars/Indigo erschienen.

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[Album] Atlas Sound – Parallax

atlas-soundWie es bei Nebenprojekten so ist, könnten einige Songs von Bradford Cox’ Solokünstler-Alias Atlas Sound auch unter dem Banner seiner Stammband Deerhunter laufen. Insgesamt sind die Stimmungen allerdings doch recht unterschiedlich: Wo im Deerhunter-Kosmos trotz aller psychedelischer Abschweifungen die Indierock-Koordinaten aus Gitarre, Bass und Schlagzeug recht unverrückbar sind, hat Atlas Sound einen offeneren, freundlicheren Anything-goes-Ansatz. “Mona Lisa” klingt nach Siebzigerjahre-Folksongwriting, der Opener “The Shakes” ist ein rhythmisch pendelndes Krautpopstück, “Te Amo” ein Ambient-artiges, elektronisches Liebeslied. “Parallax” klingt auf angenehme Art und Weise beiläufig, schwierige Konzepte haben hier nichts verloren. Das macht das Album vielleicht weniger wichtig, aber auf jeden Fall alltagstauglicher als etwa Deerhunters letztes Album “Halcyon Digest”.

“Parallax” erscheint am 4. November bei 4AD/Beggars/Indigo.

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[Album+Track] Locas in Love – Lemming

41aehvra11l_sl500_aa300_-1Locas in Love waren irgendwie schon immer da und genauso lange unterm Radar. „Lemming” soll das bitteschön endlich ändern. Seit die Schwesterband Karpatenhund, in der alle Locas ebenfalls spielen, immer besser wird, war es Zeit, dass das Mutterschiff nachlegt: Die elf Songs des aktuellen Albums haben wenig Entsprechung im deutschsprachigen Pop, der oftmals nur Diskurs und niedlich kann. Björn Sonnenberg, Stefanie Schrank und Jan Niklas Jansen spielen jene Art Plattenladen-geschulten, formverliebten Indierock, wie man ihn eher von Bands wie The Ladybug Transistor oder Yo La Tengo kennt. (Dass man Jansen auch als Musikschreiber kennt: geschenkt.) „Lemming” ist ein klassischer Beidfüßer: Texte stark, Kompositionen stark. Das müsste es doch mal sein. Um es mit Sven Regener zu sagen: Jetzt musst du springen.

“Lemming” ist bereits bei Staatsakt/Rough Trade erschienen.

An Den Falschen Orten by Locas In Love

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The Vaccines – What Did You Expect From The Vaccines?

vaccinesHat man sich über den Anfang hinübergerettet, der nach schalem Punkrock klingt, beginnt ein famoses Indierockalbum. Bereits „If You Wanna“ zeigt viel mehr Interesse an Melodien als das Gros der Zeitgenossen in britischen Gitarrenrockbands. Nicht dass wir uns missverstehen: „What Did You Expect From The Vaccines?“ ist eine absolut auf Tanzfläche getrimmte Platte, kein introvertierter Sensibelpop. Der Sound ist keineswegs neu, die Girlgroup-Anleihen haben Glasvegas vorgemacht, hier ein bisschen Beach Boys, dort ein wenig The Horrors. Was man halt so im Schrank hat. Aber man muss es doch einmal sagen: die Songs! Mit soviel Grandezza und Selbstbewusstsein muss man erst mal die Bühne stürmen. Möglicherweise wissen The Vaccines, wie gut sie sind.

„What Did You Expect From The Vaccines?“ ist bereits bei Sony erschienen.

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The Pains Of Being Pure At Heart – Belong

23063500In klanglicher Hinsicht gar nicht mal so interessant, dass das zweite TPOBPAH-Album vom kongenialen 90er-Gespann Flood/Moulder aufgenommen wurde. Weite Teile der Platte verstrahlen wieder den noisig-verwaschenen, warmen, aber eher drucklosen Charme vieler Indierock-Alben. Faszinierend ist die Verpflichtung der beiden Promi-Produzenten eher in symbolischer Hinsicht.Zeigt sie doch, dass TPOBPAH ihren Vorbildern (etwa My Bloody Valentine, Smashing Pumpkins oder Ride) nun auch personell dicht auf den Fersen sind. Mehr noch: dass die Band der Brotkrumen-Spur ihres eigenen Talents vom Probekeller raus in die immer breiter werdende Öffentlichkeit gefolgt ist. Das Aufmerksamkeits-Upgrade, das solche Verpflichtungen normalerweise versprechen, wäre völlig verdient. “Belong” ist in seiner emotionalen Schwere, seiner Dichtheit und Eingängigkeit fantastisch. Dass so mancher Refrain (“Even in dreams I could not betray you”) ein bisschen flach daherkommt, stört spätestens beim neunten Hören nicht mehr. Im Gegenteil: Die pophistorische Nostalgie der Beinahe-Jugendlichen aus New York wirkt hierdurch sogar noch authentischer. Fan-Werden kann manchmal so leicht sein.

“Belong” ist bereits bei Pias/Rough Trade erschienen.

Erstveröffentlichung des Artikels bei Intro.

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Bright Eyes – The People’s Key

bright-eyes„The People’s Key“ dürfte Conor Obersts geradlinigster Versuch sein, Popsongs zu schreiben seit dem elektronischen „Digital Ash In A Digital Urn“ – obwohl sein sonischer Verwandter noch weiter zurückliegt: Derart indierockig wie auf Teilen des Albums klang er zuletzt in den Neunzigern (!) mit seinen Bands Park Ave und Commander Venus. Was am Spätwerk (mein Gott, der Junge ist gerade mal Anfang Dreißig!) auffällt: Oberst nimmt sich selbst immer stärker zurück. Überwältigten die frühen Folkdramen mit klugem und schmerzhaftem Bekenntniszwang, rückt seit Jahren die Band an ihren Frontmann heran. Mike Mogis und Nate Walcott füllen die Stücke randvoll mit Keyboardsounds, Störgeräuschen und programmiertem Fieselkram. Seit sich das Liebesleben des Bandkopfs in den Songs nicht mehr so breit macht, gibt es Platz für anderes: Eine körperlose Stimme echauffiert sich zwischen den Stücken über Einstein und Superuniversen, während Oberst selbst über Äther und Zeitreisen singt. Nun, mit dem Alter fängt man an, sich für Stringtheorien zu interessieren. Mit Country sind Bright Eyes ja schon durch.

“The People’s Key” erscheint am 11. Februar bei Polydor/Universal.

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Hot Hot Heat – Future Breeds

hot-hot-heatZum Glück haben Hot Hot Heat nichts Anständiges gelernt: würden da Karrieren als Automechaniker oder Physiklehrer auf Luke Paquin und Co. warten, hätte man das Projekt Band vielleicht inzwischen bleiben lassen. Gut acht Jahre sind seit dem Hit „Bandages” verstrichen. Und wer sich nicht daran erinnern kann, was die Kanadier in der Zwischenzeit fabriziert haben, hat kein schlechtes Gedächtnis, sondern eher ein gesundes Gespür für Relevanz. „Future Breeds” darf aber aufmerken lassen. Das selbstproduzierte Album fischt auch nicht gerade in tiefen Gewässern, ist aber hochenergetischer, tanzbarer Indierock, der Vertracktheit bloß vortäuscht, um mit den Refrains herzhaft auf die Mütze zu geben. Tracks wie „21@12″ und „Implosionate” sind atemlos und äußerst gegenwärtig. Don’t you forget about me.

“Future Breeds” ist bereits bei Dinealone Records/Soulfood eschienen.

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Headlights – Wildlife

61lrgub3fsl_sl500_aa240_Ein undefinierbares Sehnen nach der Vergangenheit erfüllt die Songs auf „Wildlife”, in „Secrets” werden Kindheitserinnerungen abgefragt, einer der Höhepunkte heißt „Teenage Wonder”. Statt dem Rosarot der sprichwörtlichen Brille haben die Stücke einen warmen Gelbstich wie alte Polaroids: Sentimental ja, verklärend nein. Im ruhigen Noisefluss von „I Don’t Mind At All” lässt sich die vormals oft beschworene Geistesverwandtschaft zu den Stars noch verorten, ansonsten haben sich Headlights inzwischen ein recht eigenständiges Stückchen Pop erschlossen: Ein wenig sachte Sixties-Psychedelik ohne zielloses Gedaddel, orgeliger Indierock mit verträumtem Mädchengesang und einfallsreiche Strukturen, die auch oft im letzten Songdrittel noch einmal umbrechen. Es sind auf einmal Bands denkbar, die „wie Headlights klingen” – dann ist man angekommen.

“Wildlife” ist bereits bei Polyvinyl/Cargo erschienen.

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Atlas Sound – Logos

atlas-sound„Atlas Sound” ist natürlich ein großartiger Name für ein Soloprojekt – geborgt von dem, der eine ganze Welt alleine auf den Schultern trägt. Wenn Bradford Cox nicht mit seiner Band Deerhunter verspulten Indierock spielt, macht er in Eigenregie eine Art Ambient-Pop, bei dem in zunehmendem Maße die Betonung auf der letzten Silbe liegt: Motorisch vor sich hin ratternde Rhythmen treffen auf Reverbgitarren, sich ineinander schiebende Synthieflächen auf hüpfende Orgelsounds – in einem leise wummernden, unscharfen Klangkosmos. Ganz allein schultert Cox die Last beim zweiten Album dann allerdings doch nicht: Die prominenten Gastauftritte von Stereolabs Laetitia Sadier und Animal Collectives Noah Lennox aka Panda Bear sind die Höhepunkte einer durchweg starken Songsammlung.

“Logos” ist bereits bei 4AD/Beggars/Indigo erschienen.

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