Unten mit Fuchs (ohne Weiland)
12. Februar 2010Da wohnt man schon “in der Nachbarschaft”, aber kriegt sich und Kollegen Weiland nicht unter einen Hut. Der Urban Jungle würgt mit schweren Lianen. Also gibt’s die monatliche Kolumne für INTRO diesen Monat ausschließlich von mir. Wer es lieber haptisch mag, kann “das Ding” (O. Kahn oder V. Schmitt) in der März-Ausgabe nachlesen.
Kettcar – Fliegende Bauten Live (Grand Hotel van Cleef)
Warum hat sich Marcus Wiebusch bisher eigentlich immer live hinter den Gitarrenwänden versteckt? Bis auf Streicher und Akustikinstrumente entkernt trägt seine Stimme doch auch auf wunderbare Weise. Fast schmerzvoll integer setzen die Songs dieses Live-Albums ein Ausrufezeichen hinter so schöne Stücke wie „Balou“, „Money Left To Burn“ oder „Graceland“. Top!
Das Gezeichnete Ich (EMI)
Ein nobler Ansatz: Deutschsprachige Popmusik ohne Angst vor den pompösen Klängen und den großen Gesten. Musikalisch ist’s ab und an wirklich fein 80s-Pop-induziert, aber textlich bleibt es bei bedeutungsschwerem Getöse. Hass wird zu Liebe, Segel werden gesetzt und so weiter. Ein feingeistigerer Naidoo, mehr Pet Shop Boys als Ich+Ich. Wem es reicht – mir nicht.
Pete & The Pirates – Little Death (Little Teddy Recordings)
Selten doofer Name, aber ein luftiges und angenehmes Debüt. Die Jungs aus Reading füllen nach diversen Singles in UK ihren ersten Longplayer hierzulande mit einem guten Dutzend flotter Indie-Rock-Songs, denen eine unschuldige Catchyness innewohnt. Auch wenn man diese Art Handclap-Pop schon tausend Mal gehört hat, macht es dennoch gute Laune. Charmant, charmant.
Lonelady – Nerve Up (Warp)
Bittersweet Symphonies: Manchester hat schon viele düstere Pop-Stars ausgespuckt: The Fall, Joy Division, Morrissey. Julie Campbell alias Lonelady ist die nächste in der Reihe, die den morbiden Charme ihrer Heimatstadt in Songs presst. Intensive Songs, dunkle Gitarren voller Schönheit und herzzereißend melancholische Texte. Ein Debütalbum, das Guy Fixsen als Produzent auf clevere Weise roh gelassen hat.
Guts – Freedom (Pura Vida)
Erfrischendes Gesample mit Schmiss. Leider etwas zu beliebig, um an das Debüt „La Bienhereux“ heran zu reichen. Partymusik, zwischen 23.30h und 00.30h anzusetzen.
Grand Avenue – Place To Fall (Globe Art Group)
Manche Pressetexte haben den Charakter einer Selbstbezichtigung: „Die dänischen Alternative Pop Rocker, die insbesondere bei den weiblichen Musikfans derzeit als eine der attraktivsten Newcomerbands überhaupt gehandelt werden.“ Jaja, diese weiblichen Musikfans! „Speziell beim weiblichen Publikum punktet der attraktive Sänger.“ Hört hört! Aber auch die Herren der Schöpfung scheinen beim skandinavischen Indie-Malen-nach-Zahlen steil zu gehen: „Beim männlichen Konzertpublikum gilt Hansen [...] für seine souveräne Art, alles haben und erreichen zu können, was er nur möchte, als wahres Mysterium.“ Weißer Mittelklasse-Pop mit phallischem Gewinsel. Mit Verlaub: der letzte Dreck.
Dead Western – Suckle At The Supple Teats Of Time (Discorporate Records)
How traurig can Folk go? Dead Western alias Troy Mighty schlägt mit Akustikgitarre, vibrierendem Cello und singender Säge ein neues Kapitel der Düsterheit auf. Intensiv wie die Hölle und bitte nicht in seelisch angeschlagenem Zustand hören. Dann gibt einem dieses Album den sanften Schubs über die Klippe.
Sharam Jey – In My Blood (King Kong Records)
Nervöse Beats mit ein bisschen Princess Superstar würzen und linkisch Daft Punk-Anleihen klauen. Ohje, jetzt kommt auch noch der funky Part. Überzeugt mich in seiner angeberischen Gewolltheit leider nicht.
Todd – Big Ripper (Riot Season)
Dringende Kaufempfehlung für Nachbarschaftsstreitigkeiten. Mit diesem infernalischem Gebrüll werden Sie auch renitente Zeitgenossen im Handumdrehen los. Riot, Ugga-Agga, Geknüppel. Ist das Metal? Mal Volkmann fragen.
Wallis Bird – New Boots (Columbia / Sony)
Auf dem Cover fliegen bunte Federn aus einem grünen Schuh. Was will uns das sagen? Vermutlich nichts. Schließlich ist auch das Songmaterial ohne jeglichen Tiefgang. Die irische Sängerin röhrt, an den Gitarren wird geschuftet. Bei „New Pop“-Festivals kommt dieses innovationsferne Gekeife im Stile einer Alannah Myles sicherlich prima an. Fetzig und nachdenklich bekommt jede Rockröhre ihr Publikum, das sie verdient.
Dominique A – La Musique (Le Pop Musik)
Der Vorzeigemusiker des „Nouvelle Chanson“ tut das, was er in fast 20 Jahren zur Perfektion geführt hat: Ausschweifende Pop-Miniaturen fabrizieren, deren Poesie auch mit leidlichem Schul-Französisch erkennbar ist.
Alben, Musik
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