In den Neunzigern wollte man Morrissey nicht nackt auf den Bauch gebunden bekommen. Denn selbst dann hätte sich nichts geregt. Außer vielleicht, man war Smiths-Addict und nicht bereit, das Ende der Band und der Achtziger in seine eigene Vita aufzunehmen. “Vauxhall And I” von 94 war eine enttäuschende, elende Platte. Das wurde damals bloß nie gesagt, aus Pietät vor der scheidenden Ikone Morrissey, aber im Herzen arbeitete jeder Zurechnungsfähige bereits an der eigenen Ent-Morrisseyierung – wie schon bei Stalin, dem anderen Typen von den Smiths. Fulminant kehrte M dann dieses Jahrzehnt wieder zurück. Schande über all die Zweifel, aber egal, das Denkmal stand ja eh noch, nur hatte man endlich wieder Bock, es auch zu besuchen.
Die größte Leistung aber, dass dieses Comeback (vielleicht eines der größten der kontemporären Popgeschichte) von Dauer und Substanz ist. “Years Of Refusal” beweist das eindrucksvoll. Außer der Überraschung, dass er es noch draufhat, fehlt auf dieser Platte überhaupt nichts. Nichts von dem, was den Morrissey 2000 so unantastbar macht. Allein die Melodieführung über skurrile Schachtelsatzslogans hinweg ist wieder eine Kunst für sich. Und all dieser abgehangene Charme, der nicht wie bei einem Charles Aznavour auf rüstige Sexualität verweist, sondern in Abgründe taucht, der versöhnlich wird an Stellen, wo man es nicht erwartet, und gleichermaßen an anderen Orten das Messer zieht. Morrissey singt von “the absence of a human touch” und ist dabei nie Schwerenöter, sondern immer bloß der schlaue, stilvolle Indiepop-Daddy, der über all die Zeit nur weiter Klasse aufgeschaufelt und diese untrennbar mit seinem Werk verbunden hat. Zum Niederknien – wer gegen dieses Album spricht, schändet die Gute Seite. So sieht’s nämlich aus!
(Anmerkung der munitionen-Redaktion: “Vauxhall And I” ist natürlich ein gutes Album. Das beste sogar. Da hätten wir ja eigentlich lieber den in der Intro entgegen gestellten Verriss von Thomas Venker abgedruckt. Aber dessen Verwertungsrechte sind zu teuer.)
“Years Of Refusal” wird am 13.02. bei Decca/Universal veröffentlicht.
Mit freundlicher Genehmigung von Intro.