Im Webzwonull sind ja Stummfilmzeiten angebrochen, seit YouTube aus unrechtmäßig hochgeladenen Videos die Tonspuren entfernt, statt sie komplett offline zu nehmen. Dumm nur, wenn Universal Music selbst in einem mittlerweile offline genommenen Newseintrag auf der eigenen Site auf ein solches Video verlinkt, unter dem der Hinweis prangt: “Dieses Video enthält einen Audiotrack, dessen Verwendung nicht von allen Urheberrechtsinhabern genehmigt wurde”. Wieder mal ein exzellenter Knieschuss der Musikindustrie. Ob die wohl eigene Abteilungen dafür haben?
Das vom !K7-Label für Ende Juni angekündigte und von Presseorganen fleissig weitergeplapperte DJ Kicks-Album von Burial erscheint wohl überhaupt nicht. Wer das Ding schon bei Amazon & Co vorbestellt hat, darf sich wohl besonders ärgern. In seinem Myspace-Blog schreibt Burial als Antwort auf ein aktuell kursierendes Tracklisting:
fake djkicks tracklist got put up somewhere i got messages from people & producers thinking it was real
if i do djkicks it will be mostly old jungle tunes & new tunes
Vor ein paar Tagen hieß es im Blogeintrag wohl noch eindeutiger “not sure im going to do djkicks ...”
Den Text ihres unsäglichen Podcasts zu geistigem Eigentum hat sich Frau Dr. Merkel scheinbar von den obersten 200 Sahneabschöpfern der hiesigen Musikindustrie diktieren lassen. Leider mehr schlecht als recht, wenn Formulierungen darin vorkommen, wie “…das Herunterladen von Computern [sic!] ist eine Sache, vor der nationale Grenzen nicht schützen können.”
Wenn es so etwas wie “Deutsche Kulturnation” gibt, wird sie eher davon gefährdet, dass die Regierung populistisch ins Horn bläst und die Urheberrechtsproblematik auf die “neue CD vom Grönemeyer” reduziert, statt sich um einen zeitgemäßen “3. Korb” der Urheberrechtsnovellierung zu kümmern, der den Wissenserwerb im Bildungskontext unterstützt statt beschneidet und die freie Verwertung von mit öffentlichen Mitteln produziertem Wissen garantiert.
Eine kleine Videoantwort seitens der Remix-Culture, die Frau Dr. Merkels Gewäsch als das hinstellt, was es ist: Quatsch mit Soße.
Dass die Regierung hier nur auf Headlineniveau agiert wird insbesondere deutlich, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass die CDU auf Wahlkampfveranstaltungen 2005 “Angie” von den Rolling Stones einspielte, worauf sich die vor den konservativen Karren gespannten Rechteinhaber lautstark wehrten.
Wieder eine Fußnote mehr im zähen Epos der strauchelnden Musikindustrie und rigiden Copyrightverfechter: Microsoft schalten den Lizensierungsserver ihres MSN-Music-Stores ab. Im Store hat man durch DRM (Digitales Rechtemanagement) geschützte MP3s verkauft. Wenn man ein solches MP3 auf seinem Rechner abspielen will, fragt der Windows Media-Player einmalig bei einem zentralen Server nach, ob man das denn auch darf. Diesen Lizensierungsserver schaltet Microsoft aber Ende August ab. Ab dann steht man als Kunde nach einem Betriebssystemwechsel, Festplattencrash oder Rechneraustausch dumm da. Empfohlen wird seitens Microsoft nun das Brennen als Audio-CD und anschliessendes Rippen.
Was bei Betroffenen Ärger, bei Anderen nur Häme oder ein müdes hab-ich-schon-immer-gesagt-Schulterzucken hervorruft, markiert doch ein Scheitern der Strategie, digitale Kopien unterbinden zu wollen. Derzeit liebäugeln die großen Player mit einer DRM-gesicherten Musik-Flatrate als einer Art Bezahl-Radio (listen only). Nicht nur die MSN-Schliessung deutet aber darauf hin: Andere Konzepte sind gefragt.
Wie diese aussehen könnten, darüber lässt sich der Wahl-Schweizer Gerd Leonhard in seinem Buch “Music 2.0″ aus. Die als pay-what-you-want unter Creative Commons-Lizenz veröffentlichte Essay-Sammlung bringt einige seiner Thesen zu verschiedenen Aspekten des Themas zusammen. Wem 220-Seiten-PDFs nicht liegen, bekommt die zentralen Aussagen auch komprimiert in einem Video in seinem Blog serviert.
Wenn er das Thema auch interessant und querlesenswert aufbereitet, halte ich manches doch für verkürzt und plakativ, anderes verwechselt Spekulation und Vision: So ist die Macht der Konsumenten keine qualitativ andere, die “Abstimmung per Kaufentscheid” gab es schon immer. Betrachtet man Aufmerksamkeit als Ware, so kann man festhalten, dass zwar unzählige Angebote wie auch munitionen.de einfache Einstiegspunkte in vormals nur schwierig zugängliche Nischen liefern. Aber die Massen der Netzuser konzentrieren sich auf virtuelle Entsprechungen bereits im “Meatspace” etablierter Angebote. Crossmedia wirkt besser als “web only”.
Ein weiterer Kurzschluss: Die Distributionskosten von Musik sind höher als 0 - dies verdeutlicht die neuerdings verstärkt geführte Diskussion von Netzwerkbetreibern, die Netzneutralität für trafficintensive Dienste aufzuheben.
Zuletzt erscheinen mir die von ihm angeführten neuen Revenues nicht sehr überzeugend, bzw. stehen im Widerspruch zu den proklamierten sinkenden Marketingkosten. Will man diese Revenues realisieren, ist nach wie vor Marketing gefragt. Aktuell erscheinen Künstler, insbesondere in Nischen, nicht die Profiteure zu sein dieses Umschwungs zu sein. Hohe Konjunktur hat unter Musikern 2.0 wohl hauptsächlich die alte 1.0-Frage: “Und wovon lebst du?”.
Die von der Yodoba AG für Saturn & Sony-BMG realisierte “völlig neue Art des Musikkonsums” nennt sich Musicbon, existiert als MusicPass in der Form schon in den USA und funktioniert folgendermaßen:
Im Laden sucht man sich aus dem Regal eine Plastikkarte, die hübsch mit dem Album-Artwork bedruckt ist. Nach der Zahlung von 9,99 € erhält man an der Kasse einen Beleg mit einer Prüfziffer. Zuhause kann man dann die musicbon-Seite aufrufen, die Prüfziffer eingeben und das Album in Form DRM-freier MP3s herunterladen. Das Musicbon-Angebot startete Ende Januar mit einem Repertoire von 24 Alben.
In welch hermetischen Kokons leben eigentlich die Entscheider, die ein solches Vertriebsmodell abnicken? Ich imaginiere mir da einen jung-dynamischen Krawattenträger, dessen CD-Sammlung aus drei U2-Alben und Kuschelrock 3-17 besteht, wie er seine PowerPoint-Präsentation mit Geschwätz über den Point of Sale und waghalsig passend gemachten Interpretationen der letzten Markforschungsergebnisse überzieht und die ergrauten Bedenkenträger um den Konferenztisch herum kinnkraulend zu nicken anfangen: “Mit Internet müssen wir ja wirklich langsam mal was machen. Und der Name klingt auch richtig gut.”