Beiträge zum Stichwort: Pop

Tom Liwa – Eh Egal

Wieso hat mir niemand gesagt, dass es ein neues Tom Liwa-Album gibt?! “Hallo Jupiter” ist ohne mein Wissen am 13. Juli erschienen. Und sogar ein Video – oder so was ähnliches – gibt es zu dem auf dem Album enthaltenen Track “Eh Egal”. Neuentdeckern seien hiermit vor allem die Alben seiner (Ex-)Band “Flowerpornoes” namens “Ich & Ich” und “Red nicht von Straßen…” ans Herz gelegt. Definitiv zwei der besten zehn deutschsprachigen Alben aller Zeiten. Die anderen acht verrate ich gegen frankierten Rückumschlag.

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Mia. – Willkommen im Club

„Lass mich die Welt durch deine Augen sehen. Meine Welt wird mir zu klein.“ Mia transportieren sich auf die nächste Gefühlsebene. Raus aus dem Zirkus, rein in den Club. Da helfen Ansätze betonter Naivität, um sein eigenes, kunstgewerblerisches Tun, in plüschige Watte zu packen. Gesellige Pop-Musik mit dem ganzen 2Raumwohnungs-Pipapo und Streicher-Karamellisiere, die schunkelnd zum Zusammenkommen einlädt. Jeder hat sein Schicksal in der eigenen Hand, wer sich im Kreise dreht, hat das so gewollt. Der Soundtrack zum Individualisieren der Verantwortung, Konzerthymnen für die Ich-AG, denen das x- für ein u-beliebige aus jeder Strophe tropft. „Frei sein“ in der Definition von Teenagern, gerahmt mit miaschen Malen-nach-Zahlen-Tracks. Appetitlich, catchy, kieksend dafür. Wollten Sie nicht „neues, deutsches Land“ betreten? Glückwunsch, willkommen im Abenteuerland, der Eintritt kostet den Verstand. Das wusste schon die bandgewordene schwäbische Bausparkasse namens Pur. Bei dieser permanent gut gelaunten, eifrig überaufmerksamen, naiv große Zusammenhänge auf Kalenderblatts- sprüchlein runterbrechenden Hauptstadt-Suppe müsste man eigentlich sofort die Koffer packen und nach drüben gehen. Irgendwohin, „wo ein Bonbon auf mich wartet“. Das ist nicht ausgedacht, das wird gesungen. Bei Mia. Willkommen im Club.

“Willkommen im Club” erscheint am 05. September über Columbia/Sony.

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Conor Oberst – Souled Out

Gestern noch Dauer-Depression, heute schon Midtempo-Rock und schwurbelige Videos. So kann’s gehen. Hätte da gerne noch eine 200.000 Zeichen-Review von Kollege Weiland zu. Vielleicht kriegt er seinen androgynen Knackarsch ja hoch.

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Various Artists – Space Oddities

Permanent Vacation ist ein verhältnismäßig junges Label, das es binnen kürzester Zeit geschafft hat, in aller Munde zu sein. Die Platten der Münchener finden sich auf sämtlichen guten DJ-Tellern von Hans-Peter Lindstrøm über Tim Sweeney bis zu Brennan Green. Selbst die viel beschäftigten Hercules And Love Affair steuern gerne mal Remixe bei.

Mit den als Serie angelegten “Space Oddities” gibt es nun die länger angekündigte Raritätensammlung. Wechselnde DJs aus dem Labelumfeld kompilieren Library Music aus den Siebzigern und Achtzigern. Soundtracks jeglicher Art, Auftragsarbeiten von Studiomusikern für Filme, Werbung und TV, die heutzutage selbst auf den bestsortiertesten Flohmärkten nicht mehr erhältlich sind. Den Anfang machen die Franzosen Alexis Le-Tan und Jess. Die beiden konzentrieren sich auf den Zeitraum zwischen 1975 und 1985. Mit dabei sind Skurrilitäten von Leuten wie Bernard Fevre, dem Klaus-Doldinger-Schlagzeuger Klaus Weiss oder Claude Perrudin.

Wie es sich für eine Cosmic-Disco-Compilation gehört, ist das Ganze musikalisch extrem grenzüberschreitend, die Bandbreite reicht von “Miami Vice”-artigem Spacefunk, hypnotisch vor sich hin dämmerndem Afrobeat bis hin zu entschleunigtem Italodisco. Ein guter DJ ist bekanntlich ein Zauberer, der es schafft, im richtigen Kontext auch aus unbekanntem Material echte Hits zu formen. Diese Compilation hier, die in abgespeckter Form auch als Vinyl erscheinen wird, dürfte dafür einigen Stoff liefern.

“Various Artists – Space Oddities” ist bei Permanent Vacation erschienen.

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Martina Topley-Bird – Valentine

Zu “Maxinquaye”-Zeiten verlieh sie mit ihrer gewaltigen und schmeichlerischen Stimme dem Stress-Hustler Tricky den notwendigen Kontrapunkt. In den letzten Jahren tauchte sie hier und da als Gastsängerin bei David Holmes und Diplo auf und jetzt erscheint ihr zweites Solo-Album “The Blue God”. Produziert von Danger Mouse (jaja…) wird nicht mehr in dunklen Atmosphären gegraben, sondern astreiner Soulpop ins rechte Licht gerückt. Der Track “Valentine” sei hier stellvertretend herausgepickt.

Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

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Die Türen – Booty

In Münster – oder Post-Münster, wie man bei den jetzt Berliner Türen ja sagen muss – stand eine Band immer hoch im Kurs. Also natürlich poppten gerade bei den Türen und ihrem multiplen Könner’n'Spinner-Sound bereits Dutzende und Dutzende Bands auf. Eine aber ist ihnen in diesem prekären Stylepuzzle sicher sakrosanter als die meisten anderen, die schon mal irgendwie zitiert wurden: Klar, geht um Trio. Das fällt wieder besonders bei dieser Bonus-Veröffentlichung (Neuinterpretationen von Türen-”Popo”-Stücken durch Nicht-Fremde) auf. Die obszöne Grundidee kennt man nämlich schon von ebenjenen Trio: Statt Cover-Artwork besteht die Platte aus verkaufter Werbung. Auf u.a. der Single “Herz ist Trumpf” schaltete damals der Motorradhelm-Hersteller Uvex – den haben sich Die Türen hier auch draufgepappt. Dazu ein “Empfohlen von Intro”-Sticker über der Spex-Werbung auf der Frontseite. Ein bunter Quatsch – und die Werbung wird endlich das Produkt selbst, muss sich nicht mehr in fremdem Glanz sonnen, sondern darf selbst Sonne sein, endlich, endlich, das hat sie sich doch immer so gewünscht.

Moralisch betrachtet sicher auch lesbar als Statement, wie der Marken-Karneval gerade im Bereich Subkultur jegliche Inhalte entkernt hat. Aber hoppla, vor lauter Mitmachlust am lustigen Formalismus der Türen fast die Musik vergessen. Die passt natürlich in den Überflüssigkeitsdiskurs ihrer Darstellung: Um ein Album und die dazu tourende Band im Spiel zu halten, kommt eben die Remix- oder in dem Fall Nachspiel-Platte. Witzige, mitunter richtig gute Voll- und Halbideen von Alexander Marcus, Viktor Marek, Mense Reents, Schorsch Kamerun (Gedicht), Bobby Conn, Erobique etc. Teil des türigen Gesamtkunstwerks – und nicht der schlechteste.

“Booty” ist am 20.06. bei Staatsakt erschienen.

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Weezer – Creep

Furchtbar sympathisches Ergebnis einer reichlich ungewöhnlichen Idee: Weezer hatten ihre Fans eingeladen, im Rahmen eines Tour-Abschnitts ihre eigenen Instrumente mitzubringen, damit man doch einmal gemeinsam musizieren könne. Hier lächelnd zu bestaunen: Radioheads “Creep” live in Portland.

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Sebastian Tellier – Sexuality

In Sachen Sex lässt sich Sebastien Tellier, ganz in der Tradition großer Franzosen wie Gainsbourg oder Dutronc, bekanntlich kein X für ein U vormachen. Konsequenterweise veröffentlicht der haarige Songwriter nun eine ganze Konzeptplatte zum Thema Sexualität.

Schon am Anfang wird hier so lüstern gestöhnt, dass sich dagegen Gainsbourg & Birkins Beischlafduett, ja, sogar der libidinöse Chicago-House-Klassiker “French Kiss” von Lil Louise wie ein CSU-Parteitag ausnehmen. Man muss Sex schon irgendwie mögen, um diese Platte von vorne bis hinten durchstehen zu können. Das ist nichts für Muffel. Also, raus aus den Klamotten.

Und nichts wie rein in den CD-Player. Mit der CD, natürlich. Erstes Lied: Stöhnen. Zweites Stück: breite Timbatunes-Pharrell-Synthiechords. Darüber seufzt ein Marvin-Gaye-Soundalike auf Helium, der klingt, als hätte er drei bestrapste Mätressen auf sich sitzen. Nicht uninteressant, aber fast schon ein bisschen zu cheesy. Danach braucht man jedenfalls erst mal ‘ne Kippe.

Die Stücke sind allesamt von Daft Punks Guy Manuel de Homem-Christo produziert. Tellier huldigt immer noch den großen Chansonniers, lässt das Ganze aber durch viel R’n'B und Elektronik aufpimpen. Das anfängliche Downtempo verleiht den Songs ein satinartiges Korsett. “Divine” zieht die Zügel dann schon merklich an.

In Frankreich gab es Schelte, weil in dem Song, der kürzlich bei der Chanson-Europameisterschaft den sportlichen 19. Platz belegte, größtenteils auf Englisch gesungen wird. Der Staatsminister für Frankophonie war jedenfalls not amused. Die Singleauskopplung “Sexual Sportswear” ist rein instrumental und klingt ein bisschen, als hätten Daft Punk den alten Fahrstuhlhit “Magic Fly” der Popelectronica-Pioniere Space neu geremixt. Mit “Une Heure” folgt eine sanfte Ode an die Bisexualität. Dann das Highlight des Albums, “Fingers Of Steel”, wo Tellier über einem butterweichen Housebeat und einer mitreißenden Siebzigerjahre-Synthieorgel so croont, als gelte es, ganz Montmartre zu bestäuben.

Überhaupt ist die zweite Hälfte der Platte wesentlich stärker als der Anfang. Zum Beispiel “Manty” mit der halb summenden, halb kichernden Frau im Hintergrund. Über was die wohl lacht? Ob dem bärtigen Bub da ein kleines Malheur passiert ist? Soll ja vorkommen. Jedenfalls ist Sex wohl immer noch wichtig.

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Coldplay – Viva La Vida Or Death And All His Friends

Soldaten, Priester, Bibel, Himmel, Hölle. Coldplay entziehen sich dem Alltäglichen, um mit Brian Eno den Status des Epischen und Perfekten zu erreichen. Inhaltliche Auffüllung des gewohnten Falsetto-Pathos zu einem Pop-Album, das die aristotelische Mitte auf Biegen und Brechen auf die oft bemühte Spitze treibt. Jede Note sitzt, jede Gitarren-Hybris bestätigt nur mehr die Norm und am Ende könnten alle von einem schmeichlerischen und großen Album sprechen. Wenn, ja wenn die Vorhersehbarkeit von Note zu Note nicht so ermüdend konservativ wäre. Jedes Stück für sich genommen vier bis sechs Minuten unterhaltsamer Qualitäts-Pop; zusammengefügt ein Konzept des brutal herausgeputzten Status Quo. So angenehm und ärgerlich wie U2 in ihren Hochzeiten, strahlend schön wie ein Diamant, dessen Licht sich nirgendwo bricht. Soldaten, Priestern, Bibel, Himmel und Hölle zum Trotz. Schlagwörter haben den härtesten Punch und keiner zelebriert die Kunst des So-Singens-Als-Ob kunstfertiger als Chris Martin und seine Spießgesellen. Hören sie hin, wir tun so, als gebe es was zu verstehen.

“Viva La Vida…” ist am 13. Juni via Parlophone/EMI erschienen.

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Gonzales – Soft Power

Der Weg zwischen Pop- und Hochkultur, es gibt ihn. Allerdings ist er gepflastert mit extrem viel Ödnis. CDs mit beigefügten Kunstdrucken, Mucker-Attitüden, Verspulung in Sprache und Musik bis zur völlig Unkenntlichmachung von Klarheit. Selten kommt es auf diesem Weg zu so selbstironischen Aussprüchen wie einst bei Funny van Dannen auf “Grooveman”, dort hieß es seinerzeit: “Das nächste Stück hört sich jazzig an, ist aber Punk.”

Denn wer an den Trog Hochkultur will, muss anscheinend allen Humor über Bord werfen. Warum auch immer das so sein mag – es wird danach gehandelt. Zu den wenigen, die sich über dieses Bedeutungshaftigkeit-Verdikt hinwegsetzen gehört Gonzales. Wegen seiner archaischen Urvieh-haftigkeit, den holperbeatigen Stylersounds und seinem Witz musste man Anfang des Jahrzehnts auf ihn aufmerksam werden. Und während seine Ex-Homebase Kitty-Yo zuletzt weit in den Hintergrund trat, bewegte sich Gonzales lässig und sicher in elegantere Gefilde, in denen guter Wein statt Erbrochenes regiert. Also überspitzt gesagt, schließlich ist Gonzales ja auch selbst überspitzt.

Seine Live-Auftritte sind nach wie vor legendäres Entertainment und wenn er dann noch am Flügel sitzt und das Rampensau-tum mit klassischer Piano-Versiertheit konterkariert, ist man nur noch beeindruckt. Einzig, und das muss auch gesagt werden, die Alben fallen hinter dieses Erlebnis spürbar zurück. Es fehlt die genialische physische Facette, die Interaktion mit der Band und es bleibt neben guten Momenten auch sehr viel Gedudel. Die feine musikalische Ironie, die darin steckt, auch mal komplett ironiefrei balladeske verschwurbelte Klavierstücken mit 70er-Look aufzuführen, muss man wirklich mögen. Das wird auf “Softrock” noch mal deutlicher als je zuvor. Live wird man mitgerissen, auf Platte sollte man selbst was dafür tun. Fair warning.

Gonzales – “Soft Power” ist am 4. April via Mercury/Universal erschienen

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