Beiträge zum Stichwort: Rock

[Album] Enter Shikari - A Flash Flood Of Colour

enter-shikari„Calm the fuck down!” heißt es plötzlich mitten in der Single-Auskopplung „Gandhi Mate, Gandhi” von Seiten der Bandkollegen, nachdem sich Rou Reynolds in eine Atari-Teenage-Riot-mäßige Schimpfkanonade hineingebrüllt hat. Der denkt ja gar nicht dran. Dann stürzt sich der Song nämlich erst richtig in die irre Mischung aus Kirmestechno, Screamo und Schweinerock, die Enter Shikaris Markenzeichen ist. Sonst traut sich ja niemand. Im Grunde ist die Verquickung ganz sinnvoll: Alles, was laut ist (und Eltern zu Tode nervt) in einen Topf geworfen. Über die Jahre haben die vier Freunde aus England allerdings ein bisschen was über Songwriting gelernt, was „A Flash Flood Of Colour” zum bislang besten Album der Band macht. Eine ordentliche Packung gibt’s trotzdem. Die Kopfnuss gibt es halt von jemandem, der was in der Birne hat.

„A Flash Flood Of Colour” ist bereits bei Ambush Reality/PIAS erschienen.

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[Video] Mastodon - Deathbound

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[Album] We Were Promised Jetpacks - In The Pit Of A Stomach

23065912“Quiet Little Voices” war, um beim aktuellen Nirvana-wieder-über-alles-Gestus zu bleiben, 2009 so etwas wie das “Smells Like Teen Spirit” der schottischen Band We Were Promised Jetpacks. Treibender, verheißender Mitgröl-Noise-Rock. Ein Hit. Das Debütalbum drum herum und mehr noch die Konzerte der Band ließen die Musiker trotzdem als stolze Überwinder des gängigen Indie-Rock-Laut/Leise-Spiels und als Verweigerer positiver Ansprachen erscheinen: Viele Stücke waren schwer greifbar und so euphorisch wie eine Midlife-Crisis. Jubel-Refrains? Fehlanzeige. Das passenderweise in Sigur Rós’ isländischem Studio eingespielte zweite Album bildet nun noch konsequenter einen einsturzgefährdeten und auch sonst wenig gastlichen musikalischen Zufluchtsort. “In The Pit Of A Stomach” ist endgültig eine Zuhörplatte, die sich nur als Moshpit-fähiges Abgeh-Album verkleidet hat. Die wirklich großen Momente lauern nicht in den ständigen rockistischen Eruptionen, die mitunter Gefahr laufen, gleichförmig am Hörer vorbeizulaufen. Vielmehr im offen niedergeschlagen klingenden Nichts dazwischen. In Stücken, die sich auf anderen Alben als Rausschmeißer verdingen müssten. Das lange Zeit müde glimmende “Sore Thumb” ist das schönste von ihnen. Die schottischen Postrocker Mogwai schielen wahrscheinlich schon neidisch drauf. Wäre die Band auch wieder ganz bei sich zu Hause.

“In The Pit Of A Stomach” ist bereits bei FatCat/Rough Trade erschienen.

Erstveröffentlichung des Artikels bei Intro.

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[Album+Track] Veronica Falls - Veronica Falls

veronica-fallsDie Kunst beim Klauen, zumindest wenn wir uns über Musik unterhalten, ist nicht die, sich nicht erwischen zu lassen (viel Glück dabei!), sondern es so gut zu machen, dass es niemanden interessiert. Veronica Falls aus Glasgow beziehen sich in ihren Liedern auf dunkle Songs der Sechziger, die auf eigentümliche Art und Weise mit dem Tod fasziniert waren (wie zum Beispiel “Tell Laura I Love Her” oder “Leader Of The Pack”), packen das Ganze aber in schrammelige LoFi-Songs, die sich auf Bands wie The Vaselines oder Beat Happening beziehen, auch in ihrem Boy-Girl-Wechselgesang. “Veronica Falls” ist ein sehr gelungenes Debütalbum, das in seiner Teenage Angst zeitlos, oder vielmehr ewig zeitgemäß ist. Trends werden hier nicht losgetreten, vielmehr will man sich in eine ehrbare Tradition britischen und amerikanischen Empfindsamkeitsrocks einreihen. Auf den ersten Blick passt’s.

“Veronica Falls” erscheint heute bei Bella Union/Cooperative.

Come On Over by Veronica Falls

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[Album+Video] Jolly Goods - Walrus

jolly-goodsMan kann auf „Walrus“ den Klang des Raumes hören, wenn sich die Zunge vom Gaumen löst, wie Saiten angeschlagen werden, wo das Schlagzeug steht. Es ist allerdings ein ziemlich kleines Zimmer: Das zweite Album der Jolly Goods ist eine platzängstliche, lichtlose Rock’n'Roll-Platte. Das Schwesternduo aus Berlin, ursprünglich aus der oberhessischen Provinz, lässt, wie es sich für so eine Besetzung aus (im Regelfall) Gitarre und Schlagzeug gehört, gerne Dinge unfertig, Tanja Pippi singt auch schon mal mutwillig an der Melodie vorbei, sie kiekst und knarzt und kommandiert mit einer Stimme, die nicht nur flüchtig an Alison Mosshart von den Kills erinnert. Wo dort dampfende Sexualität die Luftfeuchtigkeit erhöht, steht hier kalter Schweiß auf der Stirn. “Walrus” ist klamm und angestrengt, aber mordsspannend. Mit in der Dunkelkammer, hinter der Scheibe saßen Tocotronics Dirk von Lowtzow und Hans Unstern, man kann sich einbilden, das zu hören oder es bleiben lassen. Die zwölf Songs klingen nach guter alter Steve-Albini-Schule “aufgenommen”, nicht produziert. Mit dieser landschaftslosen, kummervollen Großstadtfolklore ist der Sommer endlich vorüber.

“Walrus” erscheint am 23. September bei Staatsakt/Rough Trade.

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[Album+Video] Iceage - New Brigade

iceageDer verstolperte, klirrende Punkrock von Iceage ist zwar innovativ wie ein Eimer kaltes Wasser, aber darum nicht minder erfrischend. Stumpf und melodiearm schlagen sich die Kopenhagener Teenager durch ihre Songs, mit einer Ahnung von Geschichte und einer Flagge, auf der “No Future” flattert. Iceage zitieren Dilettanten, ohne selbst welche zu sein, die Songs sind so kaputt, wie sie sie haben wollen. “New Brigade” ist Rockmusik mit Sollbruchstellen. Vielleicht wäre das Album ohne ein gewisses Gespür für Dramaturgie und – Tatsache – Arrangement auch nicht zum Aushalten. Wie oben angedeutet, das Talent der Band liegt nicht unbedingt im Schreiben von Evergreens, um es vorsichtig auszudrücken. Defizite pinnt sich die Band allerdings als “Fuck-you-Attitüde” ans Revers – so kann man das freilich auch sehen. Was im Songwriting fehlt, wird auf den Energiebalken draufgeschlagen, folgerichtig ist das Album auch bloß knapp 25 Minuten lang. Die jungen Leute heutzutage sind ja nichts mehr gewohnt.

“New Brigade” erscheint am 2. September bei New Brigade Abeano / XL Recordings / Beggars Group / Indigo.

Erstveröffentlichung des Artikels bei Intro.

http://www.vimeo.com/17195986

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[Album] Box Codax - Hellabuster

box-codaxDie beste Art, ein nur mittelgroßes Genie zu tarnen, ist Nachlässigkeit: Weltformeln unleserlich auf Papierservietten schmieren zum Beispiel. Nick McCarthy, sonst bei Franz Ferdinand als Gitarrist tätig, weiß das genau. „Hellabuster“, das zweite Album mit Alex Ragnew als Box Codax und das erste mit seiner Frau Manuela Gernedel, ist dank dessen immens frustrierend. Der Psychofolk von „Inanimate Inamorato“ etwa würde unweigerlich am Herzen zupfen, wäre das zungenbrecherische Requiem nicht von so friedlicher Beschränktheit. Die blöde Idee, Ragnew mit deutschem Akzent singen zu lassen, ist auch eine solche Verschleierungstaktik. Box Codax können ganz offensichtlich Songs schreiben, in so ziemlich jedem Genre – mit einem Kräfteüberschuss bei Barockpop und Vaselines-artigem Lo-Fi-Punkrock. Das Hingeworfene und die Albernheit des Ganzen lassen eine eingehende Beschäftigung mit den Songs allerdings nicht zu, das stete Ironisieren wirkt, als würden sie selbst das Album nur mit spitzen Fingern anfassen. Ja verdammt, dann hat es eben Potenzial – eine gute Platte ist „Hellabuster“ darum nicht.

“Hellabuster” ist bereits bei Gomma/Groove Attack erschienen.

Erstveröffentlichung des Artikels bei Intro.

http://www.vimeo.com/23471557

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[Album] Smith Westerns - Dye It Blonde

smith-westernsWas Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr. Zum Glück für Smith Westerns hätte man zu Zeiten ihres Debüts den blutjungen Musikern noch irgendwo einen Diminutiv anheften können. Soll heißen: Statt in alle Ewigkeit T.Rex als noisige Garagenband nachzuspielen, ist die Band aus Chicago auf „Dye It Blonde” merklich gereift und vielseitiger zu hören. Noch immer gibt es ausreichend Glam-Anleihen, aber die Songs sind deutlich weniger halsbrecherisch, interessanter arrangiert und überraschen mit viel Gezwinker Richtung Classic Rock. Zum Glück war noch Platz im jungen Kopf und so musste für den neuen Kram nichts altes raus: Wie man griffige Songs schreibt, hat das Trio nicht verlernt. „Dye It Blonde” ist knappe, glänzende Rockmusik und die imposante Weiterentwicklung einer Band, die von vornherein was konnte.

“Dye It Blonde” ist bereits bei Domino erschienen.

http://www.vimeo.com/18029987

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[Album] TV On The Radio - Nine Types Of Light

31zyytzoyl_sl500_aa300_Während Bass und Schlagzeug noch die treibenden Kräfte bei den vergangenen Alben waren, zieht bei „Nine Types Of Light“ die Rockgitarre die Fäden. Ein Sound wie durch das Unterholz geschlagen, an den Büschen zerkratzt, faule Früchte des Waldes gegessen, um auf einer menschenleeren und doch hell beleuchteten Autobahn herauszukommen und zu feiern. Rauf auf den Pick-up, während Tunde Adebimpe seine Stimme gen Himmel schraubt. Lover’s Rock, von der Tür bis in die letzten Winkel. Atmosphärisch beklemmend dicht hangeln sich die Songs zähnefletschend vom Post-Punk-Bonsai zur balladesken Eiche, an der sich Kritiker ohne Sinn für das reine Schöne reiben können, bis es ihnen blutig aus dem Buckel spritzt. Catchy Alleinstellungsmerkmal: Egal wohin die Reise mit TV On The Radio geht, nie gewinnt die Aggressivität oder ihr fast prahlerisch vor sich hergetragenes Können die Oberhand. Alles im Dazwischen, alles alles. Nur dieses mal episch und verliebt. Hier schlagen Herzen. Höher. Nur das von Gerard Smith nicht mehr. Es ist eine Schande.

“Nine Types Of Light” ist bereits bei Interscope erschienen.

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Blackmail - Anima Now

blackmailBlackmail haben aus der überraschenden wie hässlichen Trennung von ihrem sexy Frontschwein Aydo Abay eigentlich nur einen Trumpf rausgezogen: Der Name gehört immer noch Ebelshäuser und Gefolge. Während Aydo schon mit seinem Side-Projekt Ken sowie dem ganz neuen Ding crash:conspiracy nicht zu knapp vorlegte, wartet man nun auf das nächste Level des Motherboards. Blackmail sind zurück. Nicht leicht, gehörten jenem Aydo doch nicht nur die ersten VÖs nach dem Split, sondern seit Ewigkeiten auch schon die Sympathien. Da muss hart gegengesteuert werden. Blackmail 2.0 tun das – nicht überraschend –, indem sich alter Stärken, also der Placebo’esken Hit-Ära um „Bliss Please!“, besonnen wird. Musikalisch macht der zuvor superspröde, fast hermetisch gewordene Kauzrocktempel wieder auf. Das Popsongformat und die Refrains sind zurück. Vielleicht aus Angst vor weiterem Bedeutungsverlust. Jetzt wird eben noch mal nachgetreten mit punkpoppig verzuckerter Stiefelspitze. Ob es das wirklich bringt, ob das neue Line-up (Sänger macht seine Sache gut) tatsächlich nachhaltig sein wird, all das lässt sich noch nicht überblicken. Sichtbar indes: seit Langem mal wieder ein Blackmail-Album, das vom Publikum ganz einfach geliebt werden möchte – und das deshalb eben liebenswert klingt.

“Anima Now” ist bereits bei 45Rec/Soulfood erschienen.

Erstveröffentlichung des Artikels bei Intro.

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