Denkt man an politisches Kabarett in Zeiten von allgegenwärtigem Comedyklamauk drängt sich ein Vergleich zu Fast Food und Haute Cuisine auf. Diese Einschätzung muss man gleich relativieren, betrachtet man den stets Monate im voraus ausverkauften Tourplan von Volker Pispers. Der scharfzüngigste deutsche Politkabarettist ist überraschend populär und nur Dank Ebay konnte ich am 3.05. den im Kölner Theater am Tanzbrunnen gut zweieinhalb Stunden live erleben.
Der mit Preisen überhäufte Düsseldorfer (”Bei uns gibt es Viertel, da leben mehr Cardiologen als Menschen mit Herz.”) ist regelmäßig bei den Öffentlich-Rechtlichen zu sehen, erst kürzlich erhielt er seine eigenen 90 Minuten auf 3sat. Über seine Homepage kann man Bücher, CDs und DVDs ordern, Appetithäppchen findet man bei YouTube.
Der Kampf der Systeme ist entschieden und der Kapitalismus hat weltweit den Sieg davon getragen.
Schade, dass kein Mensch gewonnen hat. Aber Sieg bleibt Sieg. Und den feiern wir jetzt.
Das heißt, wir würden den Sieg gerne feiern, wenn wir wüssten, wo der Sieg hin ist.
Bisher steht ja nur fest, dass der Kapitalismus ihn davon getragen hat.
Wahrscheinlich hat er ihn in Sicherheit gebracht. Nach Luxemburg oder auf ein Schweizer Nummernkonto.
Volker Pispers “Volkerkunde”, 1994
Von jemandem, der so die Welt erklärt, darf man kein billiges Verlachen einzelner Politfiguren oder altersmildes Parteibuchkabarett wie das des späten Dieter Hildebrandt erwarten: Bissig, ätzend und scharfzüngig überzieht Pispers die herrschenden Verhältnissen mit Fundamentalkritik und unterzieht sein Publikum einer Akupunktur mit spitzen Pointen.
Er möchte Meinungen bilden, statt nur Stimmung zu machen, seine Texte sind hintergründig und mitunter lehrreich: Er erklärt das Gesundheitssystem, die Lohnnebenkosten (in Anspielung auf die Kanzlerin garniert: “Ob Netto oder Brutto, das nehmen wir nicht so genau. Sagen wir einfach bretto. Oder nutto ist auch schön!”) oder den Abbau des Rentensystems hin zu einer kapitalgedeckten Altersvorsorge: “Da haben Sie Verwaltungspauschalen von 15-20%. Und noch 2% Inflation obendrauf. Was das bis zur Rente an Kaufkraftverlust bedeutet, können ja die meisten Deutschen gar nicht mehr ausrechnen. Was meinen Sie was in diesem Land los wäre, wenn mehr Menschen begreifen würde, was hier los ist?”.
Die aktuelle Schönwetterlage deutet er zum Gebrechen um, wenn er mit verzogener Miene fragt: “Haben Sie auch so Aufschwung?”. Einige seiner besten Momente hat er, wenn er Sprache seziert und den Zynismus von Begriffen wie der “gefühlten Inflation” entlarvt: “Das heisst ganz einfach: Wenn Sie als mündiger Bürger die Inflation vermeiden wollen, müssen sie nur die richtigen Produkte kaufen. Flachbildfernseher sind z.B. billiger geworden. Was müssen Sie auch immer Butter kaufen? Schmieren Sie sich doch mal nen Drucker aufs Brot!”.
Er scheut sich nicht, Radikales zu artikulieren und schlägt z.B. zu den “Wohnungsbaugesellschaften und Erbengemeinschaften, die sich unsere Innenstädte untereinander aufteilen” vor, Munitionen statt Wohngeld zu verteilen, um die Verhandlungsbasis mit den Vermietern zu stärken.
Bei Pispers gut aufgehoben ist, wer über die Sozialdemokraten enttäuscht ist, weil sie lieber Politik gegen ihre Wähler machen, ist, statt die linken Mehrheiten in Bundes- oder Landesparlamenten zu nutzen, um ihr propagiertes politisches Programm umzusetzen. Keine der Parteien nimmt er aus: “Ich halte das Führungspersonal der SPD zu blöd um ein Loch in den Schnee zu pissen. Und bevor Sie nach den Grünen fragen: Die finden ja noch nicht mal mehr den Schnee.” Die Grünen hält er für nicht mehr als “FDPler mit Verstand und Gewissen”.
Wen nach der letzten Wahl, nach der ja nur die große Koalition vom Vermittlungsausschuss ins Kabinett gewandert ist, eine Besserung erwartet hat, fragt er: “Wie sind Sie eigentlich drauf? Was machen Sie, wenn Ihnen einer ne Pistole auf die Brust setzt und fragt: Beck oder Merkel? Da können Sie doch eigentlich nur noch sagen ‘Drück ab’, oder?”
Zur Regierungspolitik arbeitet er sich u.a. am Primat des Wachstums bzw. Arbeitsplätze-Arguments in allen Fragen ab, so z.B. zum Klimawandel. Ein Zitat von Glos “Wollen Sie, dass wir ein Volk von Kleinwagenfahrern werden?” überzieht er in: “Der Erfinder der Endlösung ist doch kein Kleinwagenfahrer”, was ein reflexartiges Raunen im Publikum auslöst, bis sich die Erkenntnis breit macht, dass er damit durchaus treffend auf die solchen Äußerungen unterliegende Grandeur anspielt, der Deutsche habe das Recht, mit Limousinen über den Planeten zu brettern, bis der letzte Tropfen Öl verbraucht sei.
Nachdem er einigen Maßnahmen zur Verkehrspolitik erläutert hat, schiebt er nach: “Ja, jetzt klatschen Sie. Aber wenn man sowas dann macht, seh ich sie schon im Supermarkt stehen und maulen: ‘Was sind denn die Erdbeeren an Weihnachten wieder so teuer?’”.
Er weiß genau, dass die Reihen vor ihm nicht mit makellosen Bessermenschen gefüllt sind. “Heben Sie Ihre Eintrittskarten gut auf: Nachdem der Kapitalismus zusammengebrochen ist … Sie lachen, wenn ich diesen Satz sage, aber Christian Klar kriegt für sowas Haftverschärfung … dann können Sie Ihre Kabarettkarten hervorkramen und damit belegen: ‘Ich war Widerstandskämpfer. Ich habe laut gelacht, wenn meine Regierung verspottet wurde.’” Oder um es mit Matthias Beltz zu sagen: “Geh ins Kabarett, du Lump, damit du nicht versinkst in Selbstbeweihräucherung und ziellosen Anklagen gegen die anderen, die immer schuld sind.”