Der japanische Noise Artist & Turntablist Otomo Yoshihide arbeitete 2008 mit einer Gruppe von Installationskünstlern des Yamaguchi Center for Arts and Media in der Ausstellung Ensembles zusammen (Interview). Eines der Ausstellungsstücke war “without records”: 100 portable Plattenspieler, die ohne Platten, aber mit Materialien wie Papier oder Eisen bestückt sind. Schönes Spiel mit Dekontruktion & Rekonstruktion über das Verschwinden des Vinyls und den im digitalen Zeitalter verschwundenen einzigartigen Klang von Plattenspielern.
Das Ausstellungsstück “hyper wr player – without records hi-fi version” setzt das Konzept mit einem Plattenspieler und 4 Tonarmen um:
Mit voranschreitendem Alter fragt man sich mitunter, wie man “es” den noch hypothetischen Kindern einmal beibringen soll. “Es” sind dann meist weniger Gräuel der Welt, sondern die eigenen kleine Schrullen, die sich mit den Jahren möglicherweise (wahrscheinlicherweise?) Bahn brechen und aus dem Lot geraten.
Ein Gedanke: Wenn die Kinderschar sich beschwert, dass sie zu dritt im fensterlosen 9m²-Kämmerlein hausen muss, da auf schwarzes Plastik geritzte Musik drei der 4 ZKB-Wohnung beansprucht – obwohl sie sich dann sicher auf einen Stecknadelkopf digital herunterkomprimieren ließe – blendet ihnen der Rabenvater erstmal diese zweiteilige Doku des Discovery Channel über die Produktion des schwarzen Goldes auf ihren Irisbildschirm (hey Apple: iRis, sichere ich mir gleich mal schnell als Wortmarke, ätsch).
Und wenn die Tonspur nicht schon irgendein Turntablist verbraten hat, fress ich nen Besen.
Wieder eine Fußnote mehr im zähen Epos der strauchelnden Musikindustrie und rigiden Copyrightverfechter: Microsoft schalten den Lizensierungsserver ihres MSN-Music-Stores ab. Im Store hat man durch DRM (Digitales Rechtemanagement) geschützte MP3s verkauft. Wenn man ein solches MP3 auf seinem Rechner abspielen will, fragt der Windows Media-Player einmalig bei einem zentralen Server nach, ob man das denn auch darf. Diesen Lizensierungsserver schaltet Microsoft aber Ende August ab. Ab dann steht man als Kunde nach einem Betriebssystemwechsel, Festplattencrash oder Rechneraustausch dumm da. Empfohlen wird seitens Microsoft nun das Brennen als Audio-CD und anschliessendes Rippen.
Was bei Betroffenen Ärger, bei Anderen nur Häme oder ein müdes hab-ich-schon-immer-gesagt-Schulterzucken hervorruft, markiert doch ein Scheitern der Strategie, digitale Kopien unterbinden zu wollen. Derzeit liebäugeln die großen Player mit einer DRM-gesicherten Musik-Flatrate als einer Art Bezahl-Radio (listen only). Nicht nur die MSN-Schliessung deutet aber darauf hin: Andere Konzepte sind gefragt.
Wie diese aussehen könnten, darüber lässt sich der Wahl-Schweizer Gerd Leonhard in seinem Buch “Music 2.0″ aus. Die als pay-what-you-want unter Creative Commons-Lizenz veröffentlichte Essay-Sammlung bringt einige seiner Thesen zu verschiedenen Aspekten des Themas zusammen. Wem 220-Seiten-PDFs nicht liegen, bekommt die zentralen Aussagen auch komprimiert in einem Video in seinem Blog serviert.
Wenn er das Thema auch interessant und querlesenswert aufbereitet, halte ich manches doch für verkürzt und plakativ, anderes verwechselt Spekulation und Vision: So ist die Macht der Konsumenten keine qualitativ andere, die “Abstimmung per Kaufentscheid” gab es schon immer. Betrachtet man Aufmerksamkeit als Ware, so kann man festhalten, dass zwar unzählige Angebote wie auch munitionen.de einfache Einstiegspunkte in vormals nur schwierig zugängliche Nischen liefern. Aber die Massen der Netzuser konzentrieren sich auf virtuelle Entsprechungen bereits im “Meatspace” etablierter Angebote. Crossmedia wirkt besser als “web only”.
Ein weiterer Kurzschluss: Die Distributionskosten von Musik sind höher als 0 – dies verdeutlicht die neuerdings verstärkt geführte Diskussion von Netzwerkbetreibern, die Netzneutralität für trafficintensive Dienste aufzuheben.
Zuletzt erscheinen mir die von ihm angeführten neuen Revenues nicht sehr überzeugend, bzw. stehen im Widerspruch zu den proklamierten sinkenden Marketingkosten. Will man diese Revenues realisieren, ist nach wie vor Marketing gefragt. Aktuell erscheinen Künstler, insbesondere in Nischen, nicht die Profiteure zu sein dieses Umschwungs zu sein. Hohe Konjunktur hat unter Musikern 2.0 wohl hauptsächlich die alte 1.0-Frage: “Und wovon lebst du?”.
Audiophile Nostalgiker und Produktdesigninteressierte aufgepasst: Hier gibt es eine Sammlung 100 originaler Leerkassetteneinleger zu begutachten.
Erinnert mich an meine Teenie-Zeit, als ich mein Erspartes regelmäßigin 5er-Packs 90er-Kassetten investierte, in mühevoller Kleinstarbeit die Plattensammlung des großen Bruders peu à peu duplizierte und sicher einige Wochen meines Lebens mit dem Abzeichnen von Bandlogos verbrachte.
Wenn die Audiokassette in westlichen Industrieländern auch dem Aussterben nahe ist: In vielen Ländern ist sie immer noch der unverwüstliche Tonträger der Wahl.